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FR-Feuilleton Souveräne Einsatzfreude

Peter Iden, dem ehemaligen Feuilletonleiter der Frankfurter Rundschau, zum 80. Geburtstag.

Peter Iden
Peter Iden. Foto: Martina Greiling

Nach dem Spiel ist kein Spiel mehr. Im Raum nämlich die Sorge, was komme. Was wird, was denn noch? Unübersehbar haben die Populisten den Hass unter die Leute gebracht. Das hatten wir so noch nie, nicht in dieser Aggressionsbereitschaft, jedenfalls nicht solange er zurückdenken kann - und dazu gehört, wie Peter Iden als Kind in Frankfurt ankam, an der Hand seiner Großmutter. Der Schock über eine Stadt am Boden.

Das Gespräch war soeben noch auf Ballhöhe. Denn oft sind wir 90 Minuten allein dem Ball hinterher, vor seinem Fernsehschirm, ob bei einem Bundesligaspiel oder einem Champions-League-Match.

Was war das jetzt?

Mitgehen vor den laufenden Bildern, manchmal auch 120 Minuten. Und nun? Nach dem Spiel das große TV-Expertenschwatzen. Besser nicht dabeisein. Schalten wir also ab? Schalten wir ab! Denn im Raum steht sowieso die Frage, was da auf die Gesellschaft zukommt. Wo führt das hin, die Mobilisierung des Ressentiments? Die Lügenpolitik der AfD ist kein Spiel mehr.

Kein Abschalten also, denn was ist da los? So hat Peter Iden immer wieder gefragt. „Gesellschaft, was ist das?“, so hat er 1985 sein gleichnamiges Buch betitelt. Um auch auf die „Brücke bei Dömitz“ zu sprechen zu kommen, heftig umkämpft in den letzten Weltkriegstagen. Aus der Gegend kommt er her, aus Trümmertagen. Der Besuch des FR-Feuilletonredakteurs dann zu DDR-Tagen erinnerte an „Monumente eines Jahrhunderts, dessen Geschichte eine der gewaltsamsten Eingriffe und großen Zerstörungen ist.“ Herkunft mit einem Ruinenhintergrund.

Jahrgang 1938, am heutigen 11. September in Meseritz/Brandenburg geboren, hat sich Peter Iden als Feuilletonredakteur der FR, als P.I., als Leiter des Feuilletons der Gegenwart gestellt, indem er sich der Geschichte gestellt hat. Man kann das nachlesen. Also liest man, wie er sich der Geschichte gestellt hat, indem er sie in die Gegenwart gestellt hat, in immer wieder neuen Situationen, in veränderten Konstellationen. Beharrlich hat Peter Iden das Nahgedächtnis bemüht und in die Verantwortung genommen, ausgelöst durch „Anblicke einer verheerten Welt“, gerade bei Gerhard Richter. Rechenschaft ablegen über Auschwitz, so hat er es bereits als Student bei Adorno gelernt. Erheblich dessen ästhetische Theorie, als Reflexion, als Leitbild.

Als P.I. hat er von Anfang Abstraktion oder Action Painting in Deutschland den Weg gebahnt, von den Galerien in die Museen gelotst, gelegentlich erinnert er als Wegbegleiter an die Protagonisten der Nachkriegsgeneration. Besonders leise sein Nachruf vor fünf Jahren auf Gotthard Graubner, für den „jedes einzelne Bild einen eigenen Atem“ hatte.

Zehn Jahre ist es her, dass Graubner eine Ausstellung in Chemnitz bekam, wo seit der Wende enorm viel für die Künste getan wurde. Viel mit Deutschland hat Peter Iden in den letzten Jahren auch in Chemnitz verbracht, wegen der erstaunlichen Erfolge an den Kunstsammlungen, eben dort.

An dem Tag, als aus Chemnitz die Meldung eintrudelte, dass sie am Theater eine vierte Sparte einrichten werden, dem bundesweiten Theatertrend also ganz entschieden zum Trotz, schossen die Breaking News von den Ausschreitungen des rechtsextremem Mobs hoch. Was wird werden? Was aus dem Land? Von Heimat habe ich Peter Iden nicht ein einziges Mal groß sprechen hören, Haltung kann man auch ohne diesen Rückhalt zeigen.

Haltung, denn ohnehin sind Orientierungsverluste und Ohnmacht fest gesetzt, wie er von Samuel Beckett weiß oder von Botho Strauß, dem Freund. Allerdings gibt es Hoffnung. Ist doch Rückhalt unbedingt zu finden in den Künsten, natürlich bei den großen Namen der italienischen Renaissance, den neuen Menschenbildnern, den Gestaltern eines neuen Menschen. Eine ganz neue Perspektive, ein forsches Selbstbewusstsein, ein vitales Körperbewusstsein, fortan mit Standbein und Spielbein. Davon lässt sich lernen, Stellungsspiel. Doch kein gutes Stellungsspiel ohne ein gutes Auge.

Erinnert hat er zuletzt auch an das Drama der Lutherzeit, es waren Überlegungen zu einer Umbruchzeit, denn auch wir sind, das sind wir bestimmt, Übergangzeitgenossen.

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