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Fotografie Die Hitze der Bilder

Die dritte große Fotoprojekte-Schau „Ray“ im Rhein-Main-Gebiet widmet sich dem Extremen, angefangen beim menschlichen Körper und nicht endend bei Fluten und Schneekanonen.

Gideon Mendel
Gideon Mendel, aus der Serie „Submerged Portraits“, 2015: João Pereira de Araújo. Foto: Gideon Mendel

Dem Brasilianer João Pereira de Araújo steht das Wasser bis zum Kinn. Es ist der März 2015, der Rio Acre ist über die Ufer getreten, Pereira de Araújos Zuhause im Taquari-Distrikt ist überflutet. Aber auf der Fotografie Gideon Mendels blickt er ruhig, gefasst, fast möchte man meinen ein wenig trotzig – während ihn das Wasser wie ein trüber Spiegel umgibt. „Submerged Portraits“ (Porträts unter Wasser) heißt die Serie des südafrikanischen Fotografen, für die er Opfer von Überflutungen zu ihren Häusern zurückbegleitet, wo sie mal mehr, mal weniger tief im schmutzigen Wasser stehen – und nun der fernen Betrachterin (auch sie wird für einen Moment ganz still) in die Augen sehen. Mendel war unter anderem schon auf Haiti, in Pakistan, Australien, Nigeria, in den USA, England und auch Deutschland. „In einer überfluteten Landschaft steht das Leben plötzlich auf dem Kopf“, schreibt er zu seinen Porträts. 

Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Arbeiten Gideon Mendels und sieben anderer Künstler jetzt in der Ausstellung „Extreme. Environments“, die wiederum Teil der „Ray 2018 Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain“ ist. Anfang 2017, als die Kuratoren dieser umfangreichen, an zahlreichen Orten im Rhein-Main-Gebiet spielenden Schau sich zusammensetzten, muss das Thema „Extreme“ sehr schnell festgestanden haben – es lag auf der Hand. Und es zeigte sich rasch, wie erschütternd gut es in die Zeit passt.

Doch im Übermaß, in der Überfülle der Bilder – um hier nicht erneut das Wort Flut zu benutzen –, welche sprechen überhaupt noch unmittelbar und kraftvoll zu uns? Welche heben sich ab vom permanenten Geflacker der Welt, strecken den Kopf gleichsam wie João Pereira de Araújo aus dem Zuviel? 

Wenn man davon absieht, dass ein Ausstellungsbesucher ja bereits qua Ausstellungsbesuch sein Interesse bekundet, dann ist das Thema „Extreme“ immens geeignet, Aufmerksamkeit zu generieren. Dazu gehören auch einzelne Warnschilder, dass Gezeigtes „verstörend“ sein könnte, besonders für Kinder. Manche der Künstler gehen an Grenzen, manches erscheint auf den flüchtigen Blick effektheischerisch, doch Absichten erschließen sich. 

Antoine d’Agatas kleinteilige, trotzdem überwältigende Fotowände im Museum Angewandte Kunst zum Beispiel, wo es um „Extreme.Bodies“, extreme Körper(bilder) geht. Das beginnt bei streichholzschachtelgroßen Reihungen Nackter, Kopulierender, Drogensüchtiger, zeigt aber auch verkommene Gebäude, Tristesse und Dreck, leere, abgearbeitete Gesichter, Menschen, die von schwerer Arbeit gezeichnet sind. Dokumente des Elends und der Flucht in den Rausch. 

Das Museum Angewandte Kunst hat sich extrem gegensätzliche künstlerische Positionen ausgesucht: Die glatten, weil digital manipulierten Schönen von Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin. Die hundertfachen Martin Liebschers in Martin Liebschers Fotoarbeiten, da er sich vielfach in bekannte Orte wie die Deutsche Börse oder das Opernhaus Zürich hineinkopiert.

Aber auch die stillen, leicht befremdlich anmutenden Schwarz-Weiß-Bilder Arno Rafael Minkkinens, bei denen die entscheidende Information ist, dass sie eben nicht manipuliert sind. Denn man hält sie kaum für menschenmöglich, so perfekt passt Minkkinen seinen eigenen Körper in Landschaften ein, bringt ihn fast zum Verschwinden, quetscht sich seitlich zwischen zwei Birkenstämmchen und sieht fast aus wie ein drittes Birkenstämmchen, verlängert einen Ast durch sein Bein (und muss dafür auf diesem einen Bein balanciert haben), ist mit Po und Rücken eine Sanddüne oder, mit Schultern und Armen, ein Treibgut, das aus dem Wasser eines Sees ragt. 

Das Museum für Moderne Kunst hat seinen Beitrag „Extreme. Nomads“ auf drei Positionen beschränkt, die sich mit dem Unterwegssein im weitesten Sinn beschäftigen, auch mit Flucht, Vertreibung, Grenzziehungen. 

Auf 33 Bildschirmen laufen Videofilme von Paulo Nazareth, sie zeigen Flaggen, die er an ganz unterschiedlichen Orten aufgenommen hat. Der Brasilianer ist fast nur und aus Prinzip zu Fuß unterwegs (und war darum auch nicht in Frankfurt anwesend), er durchquert so ganze Kontinente. Auch er wirft seinen Körper in die Waagschale seiner Kunst. Eine Serie von nüchtern dokumentierenden Fotografien („Boxes to Bicycles“) zeigt Transportboxen für Fahrräder. Eine andere Serie Nazareths besteht aus Kunstharz-Blöcken, darin eingegossen Produktverpackungen, Schachteln, Tüten, Bonbonpapierchen, die Bilder und Symbole aus indigenen Kulturen zu Werbezwecken zitieren. 

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