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Flüchtlingspolitik Drei Jahrzehnte Westroute

Der Strom der Migration über die Straße von Gibraltar macht deutlich, dass die EU kein Konzept in der Flüchtlingspolitik hat und keinen kooperativen Politikstil mit den Ländern des Südens pflegt.

Andalusien
Auf Sichtweite: die 14 Kilometer voneinander entfernten Küsten Europas und Afrikas, hier gesehen von Andalusien Richtung Marokko. Foto: Reinhart Wustlich

Das Bild ist verführerisch: Zum Greifen nah die Küste Afrikas. Gekrönt vom Gebirgsstock des Jebel Musa in der Ferne, dem Berg Moses’, dessen Kontur im Südosten über den Morgenschatten der Straße von Gibraltar leuchtet. Der Felsenrücken Ceutas hängt an ihm, die spanische Enklave an der Küste Marokkos. Weiße Strukturen von Siedlungen am zurückweichenden Ufer, darüber, klar erkennbar die filigranen Containerbrücken von Tanger Med, dem neuen Hafen Marokkos. Während im Vordergrund die N-340, die Fernstraße zwischen Tarifa und Algeciras so europäisch verlässlich erscheint, so sicher mit doppelten Leitplanken vor dem leuchtenden Grün der andalusischen Alcornocales, einem Naturpark, ist es die unglaubliche Nähe der Kontinente, die sich aufdrängt. 

Gerade einmal vierzehn Kilometer liegen zwischen den Ufern Afrikas und Europas. Tahar Ben Jelloun hat das Bild vom Gegenüber geprägt: „Wie schön es ist mit seinem glänzenden Kleid, seinen feinen Düften“, klingt es, „doch dieses Meer verschlingt euch und wirft euch stückweise wieder aus ...“ 

Dennoch verwundert nicht, dass diese Meerenge seit jeher zu Querungsversuchen verleitet hat. Während der Ärmelkanal zwischen dem französischen Cap Gris-Nez und Dover an der engsten Stelle zweiunddreißig Kilometer misst, deren Überwindung durch Kanalschwimmer als Rekordevent geführt wird, geht es am „Estrecho“, der Straße von Gibraltar, um Leben und Tod.

„Wenn der Augenblick gekommen war, müssten wir mit all unserer Kraft schieben und dann unverzüglich ins Boot springen ... Während wir die Welle abpassten, die riesige, die einzigartige Welle, die uns – wenn sie mit kräftigem, hilfreichem Sog wieder zurückströmte – ins offene Meer hinaustragen würde... Kaum war ich einige Meter zurückgewichen, als mich die Walze erfasste, mich hoch in den Himmel hob, sich Redas bemächtigte und uns mit unerhörter Gewalt ans Ufer warf. An dieses verfluchte Ufer, das uns zur Welt gebracht hatte und zu dessen Qualen wir in alle Ewigkeit verdammt waren ...“

Die Szene der verpassten Abfahrt spielt auf der Westroute der Migranten zwischen Tanger und Algeciras, aber nicht am Strand von heute, nicht im Sommer 2018. Sie spielt zwanzig Jahre zuvor, als Mahi Binebine seinen Roman „Cannibales“ (Paris 1999, dt. Kannibalen) schreibt. 
Darin zeichnet er die kleine Welt der Migranten, einer Gruppe aus Algerien, Mali und Marokko bei dem Versuch, nach Europa zu kommen; benennt Protagonisten, die zum ersten Mal auf die Überquerung des „Estrecho“ warten, schildert andere, die bereits Versuche hinter sich haben, bei jedem Mal zurückgewiesen werden, nur, um es erneut zu versuchen. 

Er erwähnt die Aufenthalte der Schlepper in europäischen Gefängnissen; beschreibt das Ritual, das die Papiere – „jegliches Dokument, das dazu dienen könnte, euch zu identifizieren“ (Reisepass, Personalausweis, Geburtsurkunde, Adressbüchlein) aus den Verstecken zu Tage fördert. Zeigt, wie sie vergraben, nicht verbrannt werden, weil ein Feuer in der Nacht zu riskant gewesen wäre. Heute haben die Dokumente einen eigenen, lukrativen Markt. 

Er beschreibt das Meer, „weit außerhalb der Stadt“, das ruhig sein sollte, dessen Wellen die Gruppe jedoch bereits bei dem Versuch sprengen, das Boot ins Wasser zu wuchten. Zwei bleiben in dieser Nacht, von einem Brecher abgedrängt, am Strand. Am Abend des Tages, als sie deprimiert durch Tanger streifen, fällt ihr Blick auf ein Schaufenster: ein Fernsehgerät strahlt spanische Programme aus, zeigt Polizisten der Guardia Civil, die am Strand die Körper Ertrunkener einsammeln: „Die grüne Öljacke des Schleppers, die ein Stück weit draußen schwamm, ebenso wie die Größe eines der Ertrunkenen, ließen keinen Zweifel aufkommen“ – es sind die eigenen Leute. Sie haben die Fahrt nicht überlebt. „Wir hatten in unserer Naivität gedacht, dass uns nichts Geringeres beschieden sein würde, als in Spanien zu Abend zu essen“, heißt es bei Mahi Binebine. Das Überqueren der Straße von Gibraltar hatte „nur eine Sache von wenigen Stunden“ sein sollen. 

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