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Fitzcarraldo

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Von: Judith von Sternburg

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Klaus Kinski will in Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“ im Dschungel ein Opernhaus bauen.
Klaus Kinski will in Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“ im Dschungel ein Opernhaus bauen. © New World Pictures/Courtesy Everett Collection/Imago

Ein Opernhaus durch den Urwald zerren? Das hat die britische Regierung nicht vor, aber fast.

Natürlich kann man versuchen, überall ein Opernhaus hochzuziehen, der Spinner Fitzcarraldo macht es in Werner Herzogs 40 Jahre altem Film vor. Wenn man an die fantastischen Bilder denkt, wie Klaus Kinski mit seinen Leuten das verdammte Schiff über den Berg zerrt – und weil das Schiff nicht aus anständigem Theaterpappmaché, sondern ein brutal solider Nachbau war, war die Plackerei unerträglich echt –, dann ist das einerseits völlig irreal. Andererseits wird sich der Dampfer in der Erinnerung immer mehr in ein gewaltiges Theater verwandeln. Ein Theater ist kein Wohnwagen, den man nach hier und nach dort fahren könnte. Fitzcarraldo ist verrückt, aber, unter uns gesagt, der Arts Council England ist verrückter. Er will die zweite englische Oper neben (und hinter) Covent Garden zum Umzug zwingen, raus aus der Hauptstadt, vorzugsweise nach Manchester, Hauptsache ab nach Nordengland.

Manchester ist von London ungefähr so weit entfernt wie Frankfurt von Bielefeld, um eine Stadt zu nennen, die sagenumwoben ist und für Transfers aller Arten geeignet. Selbstverständlich hat Bielefeld ein Opernhaus. Manchester hat ebenfalls ein Opernhaus, wo dieser Tage „Die Mausefalle“ zu sehen ist, Ende Januar dann aber eine Oper, drei Opern an drei Abenden, „Madama Butterfly“, „La Boheme“ und „Aida“. Das sind Produktionen aus Kiew, so dass uns alle dummen Witze vergehen. Das Opernhaus in Manchester hat jedenfalls nicht darauf gewartet, dass die English National Opera einzieht, so ist das auch gar nicht gedacht.

Es ist insgesamt nicht viel gedacht worden. Es geht um das Weg, nicht um das Hin, und das Weg ist eine Folge des Regierungsplans (der vorvorigen Regierung), die Kulturförderung jenseits Londons aufzustocken (auch andere Institutionen sind betroffen). Dafür steht nicht mehr Geld zur Verfügung (umgerechnet je 514 Millionen Euro gilt es in den Jahren bis 2026 zu verteilen, 2,39 Milliarden Euro beträgt der Kultur- und Medienetat des Bundes für 2023). Also wurde der ENO die Streichung aller Fördermittel angedroht, wenn sie sich nicht zum Umzug entschließt. Die ENO wehrt sich mit Händen und Füßen.

Dem englischen Plan fehlt alles, was Fitzcarraldo hat. Es fehlt der Missionierungsgeist, mit dem Opernfreundinnen und -freunden der Umgebung auf die Nerven fallen, aber ist er nicht auch liebenswert? Es fehlt der Schwung, ohne den Kulturpolitik nie vorankommt. Vor allem fehlt die Liebe zur Oper. Es ist bloß das, was man Gelaber nennt. Trotz ausschweifender Rezitative ist der Oper das Labern wesensfremd. Man wird also ganz still, schaut gleich in die Theaterprogramme der eigenen Stadt und erwirbt einige Karten.

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