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Filmprojekt Von der Absicht, eine Mauer zu errichten

„Dau“, das gigantische Filmprojekt des Ukrainers Ilya Khrzhanovsky, soll in Berlin als Event zur Premiere kommen.

Berlin
Teile der Mauer sind zum Kunstobjekt geworden. Doch so verspielt wird es bei der jetzt geplanten Installation nicht zugehen. Foto: rtr

Wie kriegt man in Berlin Aufmerksamkeit? Christo hat den Reichstag eingewickelt, es sind Riesenmarionetten durch die Stadt getapert, das Zentrum für politische Schönheit hat echten Tigern Flüchtlinge zum Fraß vorgeworfen. Also fast. Lauter gute Ideen, die Bilder und Schlagzeilen generieren. Jetzt haben wir wieder so eine Schlagzeile: Die Mauer wird wieder aufgebaut.

Nun denn, was verbirgt sich hinter dem Mauerprojekt des 1975 in Moskau geborenen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky? Was soll dieses „Dau“ sein, über dessen Geheimheit vor ein paar Monaten schon das Kunstmagazin „Monopol“ berichtete und tatsächlich sehr wenig herausbekam, etwa dass sich die von Khrzhanovskys Produktionsfirma angesprochenen Anlieger und auch die Behörden nicht sonderlich kooperativ zeigten – verständlich, wenn man nicht zu wissen kriegt, worauf man sich einlässt.

Damals war das Ganze noch bei der Volksbühne angesiedelt, man wollte den Platz mit einer Mauer abriegeln und ein Setting errichten, das einen totalitären Staat nacherlebbar macht. Es sollte den Rahmen geben für die Präsentation von Khrzhanovskys „Dau“-Film, der von dem sowjetischen Physiker und Atombombenmiterfinder Lev Landau (Spitzname Dau) handelt. Seit 2005 arbeitet Khrzhanovsky an dem international kofinanzierten Vorhaben.

Die Dreharbeiten im ostukrainischen Charkiw im Jahr 2009 waren selbst ein immersives mehrmonatiges Langzeitprojekt, bei dem mehrere Hundert Freiwillige in originalgetreuer Kulisse unter den Bedingungen eines totalitären Systems leben durften: Sie trugen sowjetische Unterwäsche, wurden überwacht, denunzierten einander und sollen außerdem 14 Kinder gezeugt haben. Von hier aus ein herzliches Willkommen in unserer schönen Welt! Außerdem sind wohl 13 Spielfilme und neun TV-Serien aus dem Material entstanden.

Eine herkömmliche Filmpremiere etwa in Cannes ist da zu mickrig. Deshalb dieses Mauerevent. Es hieß, dass der gescheiterte Volksbühnenintendant Chris Dercon damit seine Amtszeit am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnen wollte, allerdings hatte die Castorf-Dramaturgie schon im Herbst 2015 mit Khrzhanovsky darüber gesprochen. Damals führte Carl Hegemann den Russen durchs Haus. Durch puren Zufall habe Khrzhanovsky am Vorabend in London von Dercon erfahren, dass die Volksbühne vor einem Intendantenwechsel stand. Da saß er dann zwischen den Stühlen. Schließlich verkündeten auch noch die Volksbühnenbesetzer, dass sie den Regisseur auf ihre Seite gebracht hätten und er das Projekt während ihrer Dauerperformance durchziehen werde. Spätestens da dürfte Khrzhanovsky klargeworden sein, dass das Projekt an diesem Ort, zu dieser Zeit und auf die Hauruck-Weise nicht zu realisieren sei.

Die Volksbühne selbst blieb im Oktober unbespielt und wurde so zum Symbol für Chris Dercons Fehlstart. Vielleicht wäre ja alles anders geworden, wenn es geklappt hätte? „Ich gebe zu, ich hätte mir in den Hintern gebissen“, sagt Carl Hegemann. Die genauen Gründe, aus denen „Dau“ an der Volksbühne gescheitert ist, sind natürlich geheim. Wie man hört, spielten auch Sicherheitsaspekte eine Rolle: So habe es etwa kein hinreichendes Brandschutzkonzept gegeben. Abgesehen vom Klein-Klein des rechtsstaatlichen Genehmigungsprozederes, das der Russe vielleicht unterschätzt hat, blieben als größtes Hindernis wohl die Kosten und die Logistik, die der angestrebte Überraschungseffekt verursacht hätte. Die Mauer – die Geschichte lehrt, dass so was recht schnell gehen kann – sollte buchstäblich über Nacht aufgebaut werden. Die Segmente seien fertig und, wie man hört, tatsächlich aus Beton.

Dass dann über den neuen Anlauf des Projekts in und vor dem Kronprinzenpalais Unter den Linden in der Berliner Presse berichtet wurde, zwang die als Veranstalter eingesprungenen Berliner Festspiele zu einer Pressemitteilung, aus der nicht viel mehr hervorgeht, als dass sie tatsächlich an dem Event beteiligt sind. Das ahnte man schon längst, denn „Dau“ ist wie geschaffen für den Lieblingskunsttrend des Festspielintendanten Thomas Oberender. Schließlich hat er den Festspielen das internationale Kunstfest Foreign Affairs genommen, um die neue Festspiel-Sparte „Immersive Kunst“ zu ermöglichen.

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