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Filmkritik "Das Schwein von Gaza" Glück? Nein, Schwein gehabt!

Eine tolle Filmgroteske über den Nahost-Konflikt: „Das Schwein von Gaza“.

03.08.2012 17:43
Christina Bylow
Das arme Schwein, es muss doch schwitzen! Foto: Alamode

Eine tolle Filmgroteske über den Nahost-Konflikt: „Das Schwein von Gaza“.

Dieser Film erzählt ein Märchen, und wie in allen Märchen durchlebt auch hier der Held eine Reihe von Prüfungen, an denen er wachsen oder scheitern kann. Auch für viele Zuschauer ist der Film „Das Schwein von Gaza“ ein Test. Sind sie souverän genug, um über sich selbst zu lachen – oder ist ihnen das Lachen so fremd wie allen Fanatikern und Extremisten?

Das Regiedebüt des französischen Journalisten und Schriftstellers Sylvain Estibal enthält seine erste Provokation schon im Titel. Das Schwein, jenes sowohl im Islam als auch im Judentum als unrein betrachtete Tier, wird zum Bindeglied zweier unversöhnlicher Gegner. Von einem Übersee-Schiff gefallen gerät es ins Netz eines armen palästinensischen Fischers. Jafaar (Sasson Gabay) verkörpert den einfachen Mann, der die katastrophale Lage seines Landes stoisch erträgt. Estibal, der als Reporter im Westjordanland, in Hebron, gelebt hat, verfügt über einige Realitätskenntnis, fühlt sich jedoch dem Reporter-Ethos der Neutralität verpflichtet.

Parallele Wirklichkeiten gleichberechtigt zu zeigen – das war schon sein Ziel bei einem Fotoprojekt in Hebron, wo er zwei Familien, eine diesseits und eine jenseits des Zauns, ihren Alltag fotografisch festhalten ließ – und später mit dem erstaunlich ähnlichen Ergebnis konfrontierte.

An Gaza allerdings wagen sich nur Wenige. Als der ehemalige französische Diplomat Stéphane Hessel in seiner Streitschrift „Empört Euch!“ über die desaströse Lage der Palästinenser im Gaza-Streifen sprach, trug ihm das einmal ein Auftrittsverbot in Frankreich ein. Seit dem Gaza-Krieg um die Jahreswende 2008/2009 ist der Gazastreifen nahezu völlig isoliert, nur selten dringen Aufnahmen an die Öffentlichkeit, wie der unmittelbar nach dem Krieg gedrehte herausragende Dokumentarfilm des Genfer Regisseurs Nicolas Wadimoff „Aisheen. Still alive in Gaza“. Die Aufnahmen wurden herausgeschmuggelt.

Sylvain Estibal drehte auf Malta, sein Gaza ist eine Kulissen-Welt, geschönt ist sie deswegen nicht. Mit einfachen Mitteln zeigt Estibal, was Besatzung heißt – die Soldaten, die auf dem Dach von Jafaars Haus ihren Posten bezogen haben, benutzen selbstverständlich auch Jafaars Toilette. Dass später – beim gemeinsamen Fernsehen – eine heimliche Komplizenschaft zwischen Jafaars Frau und einem der Soldaten entsteht, ist wiederum dem Märchen geschuldet.

Estibals zum Teil reichlich burleskes Personal lebt unter dem Diktat des Hasses und der Angst, beides Seiten derselben Medaille. Wie es sich für einen echten Simplicissimus gehört, gerät der Held wider Willen zwischen die Fronten. Jafaar wird von einem Selbstmordattentäter-Komitee als zukünftiger Märtyrer präpariert und später von diesem als Verräter verfolgt. Die jüdische Siedlerin, der Jafaar das als Schaf verkleidete Schwein, insbesondere dessen spezielle Körpersäfte anbieten will, handelt ebenfalls gegen die Paranoia ihrer Gemeinschaft.

Estibals Film würdigt jene Menschen, die sich der Manipulation durch die Ideologie der unumstößlichen Zugehörigkeit verweigern. Er tut das in schlichten Bildern, ohne künstliche Dramatik und mit einem berührenden Ende, das hier nicht verraten wird.

Das Schwein von Gaza Frankr./Dtl./Belgien 2011. Buch & Regie: Sylvain Estibal, Darsteller: Sasson Gabay, Baya Belal, Myriam Tekaia, Ulrich Tukur u. a.; 98 Min. Fb.

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