Lade Inhalte...

Filmemacher Claude Chabrol gestorben Im Herzen ein Moralist

Er war Mitbegründer der Nouvelle Vague, die das Kino belebte: Der große französische Regisseur Claude Chabrol ist am Sonntag mit 80 Jahren gestorben.

Der Regisseur Claude Chabrol, aufgenommen in Berlin bei den 59. Internationalen Filmfestspielen auf der Pressekonferenz für den Film "Bellamy" (Foto vom 07.02.09). Foto: ddp

In einem Interview verriet Claude Chabrol seine Wunschvorstellung vom eigenen Tod. Am liebsten würde er nach der letzten Klappe seines letzten Films noch einmal „Kopieren“ rufen und dann einfach sterben. In diesem Ideal bündelt sich die Karriere eines Regisseurs, der das Kino liebte und ihm beinahe sein ganzes Leben schenkte: Chabrol begann als Kritiker der „Cahiers du Cinema“ und drehte, nachdem er 1958 mit „Le Beau Serge“ hinter die Kamera gewechselt war, in fünfzig Jahren mehr als sechzig Filme. Ein ähnliches Arbeitspensum kann allenfalls sein US-amerikanischer Kollege Woody Allen vorweisen, und wie dem gelang es dem Franzosen, seinen Namen zum Synonym für ein einzigartiges Kino zu machen.

Claude Chabrol, am 24. Juni 1930 als Sohn eines Apothekers in Paris geboren, liebäugelte nach Ende des Zweiten Weltkriegs kurz mit der Familientradition, schlug die pharmazeutische Karriere aber zu Gunsten der Filmkritik aus. Bei den „Cahiers du Cinema“ gehörte er zu den glühendsten Bewunderern Alfred Hitchcocks und bildete mit Godard, Truffaut, Rohmer und Rivette die berüchtigte Fünferbande aus Kritikern, die erst mit dem Stift und dann mit der Kamera für ein anderes Kino stritten.

Diese „Politique des Auteurs“ finanzierte Chabrol zunächst aus dem Erbe seiner damaligen Frau; die Nouvelle Vague war geboren, und der Erfolg von Chabrols frühen Filmen sorgte maßgeblich dafür, dass sie die ersten Jahre überstand.

Chabrol war dann allerdings auch der erste Nouvelle Vague-Regisseur, dessen Karriere in eine Krise geriet. Während Truffaut und Godard Triumphe feierten und sich Rohmer und Rivette viel bewunderte Nischen schufen, musste Chabrol nach der einhelligen Ablehnung von „Les bonnes femmes“ klassische Brotarbeiten annehmen. Ironischerweise fand er erst beim Durchschreiten dieses Tals zu seiner typischen Handschrift, und es war das zuvor geschmähte kommerzielle Genrekino, das ihm eine künstlerische Heimat bot.

Mit Filmen wie „Das Biest muss sterben“ und „Der Schlachter“ wurde Chabrol zum gefeierten Chronisten der bürgerlichen Doppelmoral und schrieb zugleich eine Tradition des französischen Kriminalfilms fort, in der Mordfälle weniger ästhetischer Selbstzweck sind als Türöffner in das Milieu, in dem sie sich ereignen. Diese Tradition begann mit dem französischen „Kino der Qualität“, wobei Chabrol das Kunststück gelang, seine Filme als eigenes Genre zu etablieren.

Möglich wurde dies nicht zuletzt durch einen festen Stamm an Mitarbeitern: Neben Chabrols zweiter Ehefrau Stephane Audran gaben drei Herren mit Vornmamen Michel: Piccoli, Serrault und Bouquet der mörderischen Seite des Menschen ein Gesicht; seit den späten 70er Jahren arbeitete er dann bevorzugt mit Isabelle Huppert zusammen.

Als Filmkritiker hatte Chabrol in einem Artikel die Neigung gegeißelt, Filme mit bedeutenden Themen automatisch für bedeutende Filme zu halten. Er hielt dem entgegen, dass es keinen Unterschied machen dürfe, ob ein Film die letzten Stunden eines Helden der Resistance zeige oder die polizeilichen Ermittlungen nach dem Mord an einer Prostituierten. Sein Plädoyer für das „Banale“ begründete er mit dem Primat des Ästhetischen, und tatsächlich sind seine Filme, so alltäglich die Geschichten auch teilweise sind, stets erlesen konstruiert und inszeniert.

Oft genügt Chabrol bereits die kleinste Irritation der bürgerlichen Normalität, um ein Unheil anzukündigen: Wenn sein Kommissar Bellamy im gleichnamigen Film bei einem Hausbesuch auf eine achtlos am Boden liegende Gießkanne stößt, ist die tot über dem Blumenkasten hängende Hausfrau nicht weit.

Es ist bezeichnend, dass Chabrols Eintreten für das Alltägliche mit dem Verbrechen verbunden ist. Das Hinterhältige und Böse lauert bei ihm überall und besonders häufig dort, wo man es am wenigsten erwartet.

In seinem Klassiker „Die Fantome des Hutmachers“ tappt die Polizei tappt nach einer Mordserie an sechs alten Damen im Dunkeln, was die örtlichen Honoratioren zum Anlass nehmen, an ihrem Herrenabend ein wenig Detektiv zu spielen. Sie beleuchten den Fall aus allen Perspektiven einer halb schaudernden und halb lüsternen Neugier und lassen dabei wie gewohnt die Karten kreisen.

Nebenan aber hockt der armenische Flickschneider des Städtchens und ringt mit sich; er weiß, dass der Mörder am Tisch der ehrenwerten Gesellschaft sitzt. Das sich daraus entwickelnde Machtspiel zwischen ungleichen Gegnern ist eines von Claude Chabrols Lieblingsmotiven. Er liebt diese Form des Kräftemessens beinahe so sehr wie das Spiel mit dem eigenen Image als großer Moralist.

Immer wieder frönt er seiner Neigung zum Makabren und deutet seinem Publikum gegenüber an, dass er durchaus Lust hätte, die Übeltäter auch mal davonkommen zu lassen. Von besonderem Interesse sind dabei seine Gastauftritte in den Filmen anderer Regisseure. Hier spielt Chabrol mit Vorliebe den Zyniker; demnächst ist er in Joann Sfars „Gainsbourg“-Biopic als Musikmanager zu sehen, der mit mühsam unterdrückter Vorfreude den Skandal von „Je t’aime … moi non plus“ prophezeit.

Im Herzen, daran besteht kein Zweifel, war Chabrol aber ein Moralist. Und dem setzte er in seinem letzten Film noch einmal ein verschmitztes Denkmal. Gleich nach dem Vorspann überrascht die Kamera den altgedienten Titelhelden beim Fernseh-Nickerchen und nimmt dabei vorweg, wie dessen beachtliche Leibesfülle Tempo und Rhythmus des Films bestimmen.

Wie sein „Kommissar Bellamy“ (Gérard Depardieu) war auch der damals 78-jährige Regisseur kein Kostverächter; beide lernen mit den Jahren die Gemütlichkeit schätzen, entkommen aber dem Verbrechen selbst im wohlverdienten Urlaub nicht.

Auf seine Weise zieht Bellamy die Bilanz des Chabrol’schen Werks: Er ist ebenfalls ein Chronist der bürgerlichen Doppelmoral, ein Ermittler, dem nichts Menschliches fremd ist und der durchaus Verständnis für diejenigen entwickelt, die er mit altmodischer Beharrlichkeit zur Strecke bringt.

Nun, da am Sonntag die letzte Klappe für Claude Chabrol geschlagen wurde, hat er seine Ruhe gefunden. Wir werden ihn vermissen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen