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Film über Murat Kurnaz Stärker als Guantanamo

Ein bewegender Film über den Deutschtürken Murat Kurnaz, der jahrelang ohne Urteil und ohne Aufklärung in Haft saß: „Fünf Jahre Leben“ von Stefan Schaller.

23.05.2013 16:04
Anke Westphal
Ben Miles als Verhörspezialist Gail Holford und Sascha Gersak als Murat Kurnaz. Foto: Fabian Maubach

Fast ist der Fall Murat Kurnaz schon wieder vergessen, überholt von anderen Nachrichten, die Schlagzeilen machten. Nur dass die Sache mit Kurnaz eben viel mehr war als eine Schlagzeile – nämlich ein Irrtum, der sich als Skandal entpuppte.

Murat Kurnaz, 1982 in Bremen geboren, wurde von November 2001 bis August 2006 erst in Afghanistan, dann im Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba festgehalten, das den USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 zur – auch willkürlichen – Internierung von Terrorverdächtigen dient. Ohne Beweise, ohne Anklage, ohne Prozess wurde Murat Kurnaz dort eingesperrt – man kann also nicht von einem Justizirrtum sprechen, da die demokratischen Grundlagen der US-Justiz ja außer Kraft gesetzt wurden. Es geht vielmehr um eine Menschenrechtsverletzung, die keineswegs einzigartig ist. Warum und vor allem wie macht jemand einen Film darüber?

Hier muss von Stefan Schaller erzählt werden, einem jungen Regisseur, der über die Schlagzeilen stolperte, sich festlas und nicht begreifen konnte, was dem Deutschtürken aus Bremen widerfahren war. Schaller ist der gleiche Jahrgang wie Murat Kurnaz; als dessen Fall durch die Medien ging, fühlte er sich zutiefst angegangen von der Berichterstattung, die für ihn persönliche Fragen aufwarf. Etwa die: Wie würde ich es überleben, wenn man mir all meine Rechte, die Luft zu atmen, meine Privatsphäre, wichtige Jahre meines Lebens einfach nimmt?

Mit seinem Film „Fünf Jahre Leben“ will Stefan Schaller nun, wie er selbst sagt, „die Stärke des Murat Kurnaz nach außen tragen“. Als Beispiel wofür, will man fragen. Für den Überlebenswillen? Nach diesem Film stellt sich die Frage so nicht mehr.

Denn „Fünf Jahre Leben“ ist ein Film über das System Guantanamo. Murat Kurnaz war neunzehn Jahre alt, als er während einer Reise nach Karatschi bei einer Routinekontrolle von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen und dann, gegen ein Kopfgeld, an die US-Streitkräfte in Afghanistan übergeben wurde. Der Mann wurde also an die Amerikaner verkauft; gut möglich, dass den Polizisten dort jeder fremde Moslem gelegen kam. Mit der Ankunft in Guantanamo beginnt der Film: Schläge, Beschimpfungen, Demütigungen; vollkommen redundante Verhöre erfolgen, die nur eins zum Ziel haben: den Gefangenen zu zermürben. Absurd sind auch die Regeln des Systems Guantanamo: Die Gefangenen dürfen nicht auf ihren Decken liegen, keinerlei privaten Besitz haben. Eigentlich ist alles verboten; noch das geringste Scheinvergehen wird seitens der US-Wachhabenden schwer geahndet mit physischer und psychischer Gewalt. Unnötige Amputationen etwa sind an der Tagesordnung. Das weiß man bereits aus vielen Medienberichten; die Rebellion der Gefangenen in Guantanamo kürzlich erklärt sich auch daraus.

Autonom noch in Einzelhaft

Doch in diesem Film ist das Opfer eben nicht namen- oder gesichtslos. Und der Schauspieler Sascha Gersak kehrt jene innere Stärke der Hauptfigur nach außen, die dem Regisseur so wichtig war. Es ist eine außergewöhnliche Leistung: Als Murat Kurnaz erleidet Gersak die perfiden Zurichtungsstufen des Systems Guantanamo, ohne zum Übermenschen oder Märtyrer zu werden.

Gersaks Kurnaz wirkt autonom noch in der Einzelhaft; dass dieser Eindruck nicht erklärt wird, macht eine der Stärken, Irritationen des Films aus. Er ist oft schwer auszuhalten, etwa wenn Kurnaz das ihm im Lager Liebste genommen wird: ein kleiner Leguan. Für einen Cheeseburger hat ein Mithäftling Kurnaz verraten. Nun wird er gezwungen, das Tier zu töten.

Diese starke Szene ist der Höhepunkt des Machtspiels, das der Verhörspezialist Gail Holford (Ben Miles) betreibt. Er braucht ein Schuldbekenntnis des Gefangenen, um das „System Guantanamo“ zu rechtfertigen, scheitert aber an der fortdauernden Weigerung von Murat Kurnaz. Und so bildet die Verhörsituation nicht zufällig den Rahmen der Geschichte: Kurnaz’ Sieg liegt darin, dass er das System durch Authentizität ad absurdum führt.

Der Regisseur hält sich an die von Helmut Kuhn geführten Interviews sowie Kurnaz’ eigenen Bericht „Fünf Jahre meines Lebens“. „Fünf Jahre Leben“ ist die Diplomarbeit von Stefan Schaller an der Filmakademie Baden-Württemberg. Es braucht mehr Regisseure wie ihn, die unbequeme Themen meisterlich fürs deutsche Kino reklamieren.

Fünf Jahre Leben Dtl. 2013. Regie: Stefan Schaller, Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck, Kamera: Armin Franzen, Darsteller: Sascha Gersak , Ben Miles u. a.; 96 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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