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Film Catharina Deus Ameisen gehen andere Wege

Seit 50 Jahren zeigt das ZDF große und kleine Fernsehspiele. Teil davon sind Projekte junger Filmhochschulabsolventen. Das junge Werk „Ameisen gehen andere Wege“ ist dabei voller Möglichkeiten zum Glänzen und zum Scheitern.

03.06.2013 16:30
Klaudia Wick
Kyra (Henriette Confurius) lässt ihre Wut an den Sonnenblumen aus. Foto: Alex Trebus

Seit 50 Jahren zeigt das ZDF große und kleine Fernsehspiele. Teil davon sind Projekte junger Filmhochschulabsolventen. Das junge Werk „Ameisen gehen andere Wege“ ist dabei voller Möglichkeiten zum Glänzen und zum Scheitern.

Die Redaktion ist so alt wie der Sender, in dem sie als „Ausnahme von der Regel“ gilt: Beide sind gerade fünfzig geworden. Die sieben Redakteurinnen und Redakteure entwickeln und realisieren konstant erfolgreich ein Nachtprogramm mit jungen Filmhochschul-Absolventen. Mit Recht verwies man jüngst noch einmal auf die vielen großen Namen (Jim Jarmusch! Rainer Werner Fassbinder! Tom Tykwer!) und auf die großen Kinofilme („Rammbock“, „Salami Aleikum!“, „Die Unberührbare!“), die in dieser Nachwuchsredaktion entstanden sind.

Die Filmstile und Erzählweisen mögen sich in dieser Zeit mehrfach geändert haben, die Haltung der Redaktion ist aber unverändert geblieben. Statt Sehgewohnheiten zu bestätigen, wie es die Lerchenberger Kollegen im Hauptprogramm schon wegen der Gebührenfinanzierung oft tun müssen, will das „Kleine Fernsehspiel“ dem Nachwuchs dabei helfen, eigene künstlerische Perspektiven zu erkunden.

Freilich ist das Sich-Ausprobieren ein risikoreiches Unterfangen, nicht automatisch kommt eine international beachtete Sensation wie bei Tykwers „Lola rennt“ dabei zutage. Manche Regiehandschrift übt sich dann doch einfach nur in unorigineller Schönschreiberei, manche Geschichte las sich im Exposé vielleicht noch wie eine unerhörte Begebenheit, materialisiert sich dann aber auf dem Bildschirm wie schon dutzendmal gesehen.

Der Sendealltag des „Kleinen Fernsehspiels“ ist deshalb dann doch voller kleiner Filme, die vor der TV-Ausstrahlung auf Festivals einige Aufmerksamkeit bekommen haben mögen, aber dem Erwartungsdruck, hier möge nun etwas ganz Besonderes stattfinden, nicht standhalten.

Film voller Möglichkeiten

So ist es auch mit dem Film „Ameisen gehen andere Wege“, der heute Nacht läuft. Es ist die Coming-of-Age-Geschichte des 17-jährigen Richard. Er kommt in einem Jugendheim an, das eine Mischung aus Therapieeinrichtung und Jugendstrafvollzug zu sein scheint: Es gibt nächtliche Ausgangssperre und Rauchverbot, auch die Handys werden eingezogen. So hat sich der Abiturient, der sich freiwillig hier einweisen ließ, um nach dem Tod seines Vaters nicht bei seiner verhassten Mutter leben zu müssen, das nicht vorgestellt. Nur zögernd findet er Zugang zu seinen Mitbewohnern, die allesamt damit kämpfen, ihren Platz im Leben zu finden.

Die Regisseurin Catharina Deus hat das ausschweifend erzählte Drehbuch von Uli Leonore Stephan auf 35 Millimeter, also im großen Kinoformat, umgesetzt. So kann die Kamerafrau Birigt Möller die Enge im Erziehungsheim durch gestochen scharfe Ameisenaufnahmen und weite Landschaftseinstellungen immer wieder visualisieren und konterkarieren. Der maulfaulen Muffeligkeit der Heimbewohner hat die Drehbuchautorin ebenfalls einen nicht mehr ganz neuen Kunstgriff entgegengesetzt: Jede Nebenfigur bricht einmal kurz aus ihrer Rolle aus und wendet sich in einem kurzen Monolog an die Zuschauer und referiert ihren Hintergrund und die innere Sehnsucht der Figur.

Das alles ist schön übergroß ausgedacht, reduziert sich aber in der konkreten Inszenierung auf die banale Frage: Spielen die jungen Darsteller gut? Denn auf den zweiten Blick ist die Aufgabe, die sich der Film selbst stellt, gar nicht so einfach. Anders als zu den Gründerzeiten des „Kleinen Fernsehspiels“ verfügt der Zuschauer heute über genügend visuelle Eindrücke auch aus jenen Milieus, der er selbst nicht aus eigener Anschauung kennen mag: Das Prekariat ist längst vom Mehrheitsmedium Fernsehen durchleuchtet, den Neuköllner Sound und Habitus kann auch kennen, wer in Biberach oder Dülmen wohnt.

Und so wirkt das Ensemble der Jungschauspieler, das rund um Tim Oliver Schultz und Henriette Confurius Spielort und -handlung glaubhaft machen soll, gelegentlich wie hingestellt. Der Film ist voller Möglichkeiten, zum Glänzen wie zum Scheitern. Manch einem Jungschauspieler gelingt in seiner Miniatur ein kleines Stück großer Schauspielkunst, viele andere zeigen aber vor allem, wie schwer es für einen Debütanten mitunter sein kann, die eigene Figur knapp und präzise auf den Punkt zu bringen.

Mehr als eine geschlossene und gelungene Filmerzählung wirkt „Ameisen gehen andere Wege“ deshalb wie eine disparate Übung. Aber das ist ja auch der Sinn des Sich-Ausprobierens. Die nicht so großen Würfe, die das Kleine Fernsehspiel immer wieder hervorbringt, sind strukturell für die Entwicklung der Filmlandschaft auch weitaus wichtiger als die großen Erfolge und prominenten Namen. Denn sie zeigen, dass die Nachwuchsredaktion es mit dem Ausprobieren ernst meint. Und sei es in der Nacht, wenn die Mehrheit schläft.

Ameisen gehen andere Wege, 23.55 Uhr, ZDF

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