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Faye über Heidegger Martin Heidegger und die Nazis

Eine naive Lektüre des Destruktiven ist unangemessen: Der französische Philosoph Emmanuel Faye über die Verbindung zwischen Martin Heideggers NS-Engagement und seinem Denken.

08.05.2015 18:07
Von Michael Hesse und Frank Olbert
Portrait de Martin Heidegger 1889 1976 Philosophe allemand AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT PUBLICATION
Unverhohlen ein Antisemit: Martin Heidegger (1889–1976). Foto: imago

Herr Faye, beginnen wir mit einer kontrafaktischen Frage: Wenn Heidegger kein Antisemit und auch nie Anhänger der NS-Bewegung gewesen wäre, könnte man dann heute noch sein Frühwerk „Sein und Zeit“ mit philosophischem Gewinn lesen?
Wäre Heidegger kein Antisemit gewesen, wäre er nicht der Autor von „Sein und Zeit“. Im Kapitel über die Geschichtlichkeit des Daseins, in §77, findet sich ein Absatz, der sich ausdrücklich auf die antisemitischen Briefe Yorck von Wartenburgs an Wilhelm Dilthey bezieht, die im Jahre 1923 in einer Sammlung von Erich Rothacker veröffentlicht wurden. Yorck schreibt zum Beispiel: „Ich gratuliere zu jedem einzelnen Fall, wo Sie die dünne jüdische Routine, der das Bewusstsein der Verantwortlichkeit für die Gedanken fehlt, wie dem ganzen Stamme das Gefühl für psychischen und physischen Boden, von dem Lehrstuhle fernhalten.“ Heidegger übernahm das zwar nicht ausdrücklich, allerdings enthält die Passage andere entsprechende Ausdrücke Yorcks, so zum Beispiel „die Bodenlosigkeit des Denkens“ oder die „bodenlosen“ Relativismen.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Jetzt, da wir die Auslassungen Heideggers in den „Schwarzen Heften“ über die „Bodenlosigkeit“ des Judentums (GA 95, S.97) und über das „Weltjudentum“ im Zusammenhang mit der „Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein“ kennen, erhalten Heideggers Sätze in „Sein und Zeit“, „den Geist des Grafen Yorck zu pflegen“, eine ganz neue Dimension. Sie stehen im Zentrum seines Denkens. Hier zeigt sich die radikal diskriminierende Dimension der „ontologischen Differenz“ – Heideggers Differenzierung zwischen Sein und Seiendem. Unter diesen Umständen ist eine naive Lektüre von „Sein und Zeit“ nicht mehr angemessen.

Der Geist des Nationalsozialismus ist also schon in dem frühen Werk von 1927 spürbar?
Grob gesagt, bestand Heideggers Herausforderung, die in „Sein und Zeit“ begann, darin, die von Aristoteles und Kant ererbten Kategorien zur Förderung des „existenziellen“ Seins-zum-Tode und der „Selbstaufgabe“ des Daseins auf die Gemeinschaft des Volkes anzuwenden. Dies rückt ihn in die Nähe des Geistes der NS-Bewegung.

Kann man Teile dieser Philosophie, wenn man sie von der Ideologie trennt, weiterverwenden? Geht das überhaupt?
In den 20er Jahren verfolgte Heidegger sehr explizit ein Programm der „Destruktion“ der Philosophie. Die Kraft Heideggers ist eine destruktive Kraft. Er hat die Phänomenologie zerstört. Er hat auch die Existenzphilosophie von Jaspers zerstört. Über Husserl äußert er sich sehr aggressiv: Er „war nie auch nur eine Sekunde seines Lebens Philosoph“, heißt es in dem Brief an Karl Löwith vom 20. Februar 1923. Welchen Weg aber hat Heidegger eröffnet? 1932 schreibt er in den „Schwarzen Heften“, es sei nun an der Zeit, von der Metaphysik zur Metapolitik überzugehen, die das Ende der Philosophie sei. Er möchte etwas Neues für das deutsche Wesen begründen.

Mit dem Volksbegriff, im Sinne des Völkischen, beschäftigt sich Heidegger ja bereits in „Sein und Zeit“, seinem Hauptwerk aus dem Jahr 1927. Er ist nicht über Nacht, mit Beginn des Jahres 1933, zum Anhänger Hitlers geworden.
Das ist sehr wichtig. Im 74. Paragrafen von „Sein und Zeit“ beschäftigt er sich damit. Johannes Fritsche hat dies sehr genau in seinem Buch „Geschichtlichkeit und Nationalsozialismus in Heideggers Sein und Zeit“, 2014 erschienen im Nomos Verlag, nachgewiesen. Er bezeichnet „Sein und Zeit“ als Projekt der Revitalisierung des Begriffs der „Volksgemeinschaft“.

Sie sehen also eine intime Verbindung zwischen Heideggers NS-Engagement und seinem Denken?
Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus stellt viel mehr als ein politisches Engagement dar. Für ihn ist „Nationalsozialismus“ eine Weltanschauung und eine Haltung. In seinem Vortrag des Wintersemesters 1933/34 heißt es etwa: „Wenn heute der Führer immer wieder spricht von der Umerziehung zur nationalsozialistischen Weltanschauung, heißt das nicht: irgendwelche Schlagworte beibringen, sondern einen Gesamtwandel hervorbringen, einen Weltentwurf, aus dessen Grund heraus er das ganze Volk erzieht. Der Nationalsozialismus ist nicht irgendwelche Lehre, sondern der Wandel von Grund aus der deutschen und, wie wir glauben, auch der europäischen Welt“. Und in den „Schwarzen Heften“, finden sich seine Betrachtungen, dass der Nationalsozialismus, „eine neue Grundstellung zum Seyn miterwirken“ könne und wahr sei, wenn er imstande sei, „eine ursprüngliche Wahrheit freizugeben und vorzubereiten.“ (GA 94, S.190). Nichts liegt näher als seine Begriffe von „Sein“ und „Wahrheit“ mit der NS-Bewegung zu verbinden. Auch wenn ab Mitte der 1930er Jahre diese Begrifflichkeit eher abgenutzt erscheint, gebraucht Heidegger das Wort Weltanschauung weiterhin und fährt fort, sich positiv über die NS-Bewegung und deren „innere Wahrheit“ auszulassen.

Sie haben bereits sehr früh auf den starken Antisemitismus in Heideggers Werken hingewiesen, fühlen Sie sich durch die „Schwarzen Hefte“ bestätigt oder waren Sie überrascht von dem Inhalt?
Ich habe eigentlich geglaubt, dass wir nichts Heftigeres als den Aufruf Heideggers aus dem Jahr 1934 finden würden, in dem er von der „völligen Vernichtung“ der Feinde spricht, die „festgesetzt in der innersten Wurzel des Daseins eines Volkes “ seien. Damit bezeichnet er die politischen Gegner der Nazis und die assimilierten Juden. Es finden sich Aussagen Heideggers in den „Schwarzen Heften“, die noch unheimlicher wirken, etwa, wenn er zum Zeitpunkt der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten von der „Selbstvernichtung“ des Judentums spricht.

In Deutschland wird intensiv über Martin Heideggers „Schwarze Hefte“, insbesondere über deren unverhohlenen Antisemitismus diskutiert. Wie steht es in Frankreich?
In Frankreich können sehr wenige Leute die „Schwarzen Hefte“ lesen. So fehlt der Gesamtüberblick – wobei die antisemitischen Teile der Hefte dank Peter Trawny bekannt sind. Insgesamt glaube ich, dass die Forschung und die Diskussion sehr viel stärker als früher auf internationaler Ebene stattfinden. In Frankreich kommen zwei weitere Probleme hinzu: Die bisherigen Übersetzungen von Martin Heideggers Gesamtausgabe enthalten zahlreiche Euphemismen. Man kann sie schlichtweg nicht gebrauchen. Das zweite ist philosophischer Natur: Kann man heute noch die Position eines Linksheideggerianers vertreten?Ich denke nein.

Wie wird Heidegger in Frankreich wahrgenommen?
Die aktuelle Debatte in Frankreich um die „Schwarzen Hefte“ findet auf der Basis eines schlechten und unzureichenden Informationsstandes statt, denn es liegen nur sehr wenige der 1800 Seiten der „Schwarzen Hefte“ in französischer Sprache vor. Diese bedauernswerte Situation durch fehlende Übersetzungen leidet zudem unter dem Verhalten des Nachlassverwalters Hermann Heidegger und seines französischen Vertreters. Dies wird diese Situation leider verlängern, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass die im Pariser Intellektuellenmilieu üblichen kontroversen Positionen nicht ausgelebt würden. Es ist sogar eher belustigend, wenn Alain Badiou mich in seiner maoistisch antiquierten Sprache angreift und von der „Clique um Faye“ spricht. Die Realität ist, dass sich die historisch-kritische Forschung auf internationalem Niveau mit den veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften Heideggers beschäftigt. Ich veröffentlichte im letzten Jahr bei Beauchesne einen Aufsatzband unter dem Titel „Heidegger, Erde, Gemeinschaft, Rasse“ mit Beiträgen von deutschen, amerikanischen, koreanischen, spanischen und französischen Autoren. Darüber hinaus begrüße ich die Forderung, die Heidegger-Archive endlich öffentlich zugänglich zu machen, wie ich es bereits in „Le Monde“ geschrieben habe, um eine wirklich kritische Ausgabe seiner Schriften international zu ermöglichen.

Jürgen Habermas hielt „Sein und Zeit“ einst für das bedeutendste Werk seit Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Muss nun, um es mit Karl Marx zu sagen, alles von Heidegger auf den Misthaufen der Geschichte geworfen werden?
Ich habe großen Respekt vor dem rationalen und kritischen Denken von Jürgen Habermas, aber ich stimme nicht immer philosophisch mit ihm überein, wie zum Beispiel, als er im Vorwort des Buchs von Victor Farias Heidegger verteidigt, indem er sich auf das „Paradigma des Bewusstseins“ in „Sein und Zeit“ bezieht. Aber das Bewusstsein ist weit mehr als ein Paradigma. Ich finde es daher wichtig, dass Habermas kürzlich im autobiografischen Teil seines Aufsatzes „Zwischen Naturalismus und Religion“ äußert, sich in der Beurteilung von „Sein und Zeit“ weiterentwickelt zu haben.

Noch einmal zu Heidegger: Ist es nicht Aufgabe einer kritischen Philosophie, heute zu zeigen, was er wirklich dachte, in seinem Schriften und seinen Veröffentlichungen?
Alle müssen nun Verantwortung übernehmen und die nötigen Schlussfolgerungen ziehen. Ich denke, dass die Philosophie allgemein und in Deutschland im besonderen nun von der Katastrophe seines Denkens lernen sollte und auch Fortschritte ohne Heidegger machen kann. Nach den destruktiven Impulsen seines Schaffens muss die internationale Rezeption seinen Schriften mit neuen Augen gesehen werden.

Interview: Michael Hesse und Frank Olbert

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