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Faschismus Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus

Madeleine Albrights kluges, spannendes Buch zum Thema.

Madeleine Albright mit Helmut Kohl
Bonn, 1997: Mit Kanzler Kohl bei ihrem ersten Deutschlandbesuch als Außenministerin. Foto: rtr

Madeleine Albright wurde 1937 als Jüdin geboren. 1941 konvertierten die Eltern zum katholischen Glauben. Erst als Erwachsene erfuhr sie von ihrer jüdischen Vergangenheit und von der Ermordung ihrer Verwandten. Ihr Vater Josef Korbel war, was sie heute ist: Professor für Politikwissenschaften. Zu seinen Schülerinnen gehörte Condoleezza Rice, US-Außenministerin von 2005-2009.

Madeleine Albrights Buch „Faschismus – Eine Warnung“ ist ein kluges, ein spannendes Buch. Es hat nichts zu tun mit den Debatten, die in Deutschland über „Faschismus“ geführt wurden. Es geht ihr nicht darum, Faschismus zu definieren. Sie erzählt von Mussolini und Hitler, von Stalin und von den drei Kims, von Hugo Chávez, Viktor Orbán und Donald Trump.

Wer sich an den jungen Horkheimer hält und meint „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“, der wird womöglich den Fehler begehen und Albrights Buch nicht lesen. Denn von diesem Nexus ist an keiner Stelle die Rede. Dabei gehört zu den großen Qualitäten ihres Buches, dass sie sich viel Zeit nimmt für die Beobachtung jener Phasen, in denen aus einem Mann – bei ihr und in der Welt sind es fast immer Männer –, der sich engagiert für Freiheit und Wohlergehen seines Landes einsetzt, ein Führer wird, der alle verfolgt, die nicht seine Ansichten teilen.

Albright führt keine Diskussion über Totalitarismus

Es geht um den Weg von der Verachtung zur Abschaffung demokratischer Institutionen. Seien es freie Wahlen, eine unabhängige Richterschaft, eine Verfassung, unabhängige Medien, Minderheitenschutz. Adorno schrieb einmal, dass eine Faschismustheorie, die die Ausrottung der Juden nicht thematisiere, ihr Thema verfehle. Tatsächlich gehört zu den meisten von Madeleine Albright geschilderten Entwicklungen eine innerstaatliche Feinderklärung. Irgendeine Bevölkerungsgruppe, meist mehrere, muss immer beseitigt werden.

Wer so auf Geschichte und Gegenwart schaut, der wird die Komintern-Definition des Faschismus – „terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ – als Manöver erkennen, das davon ablenken sollte, wie sehr die eigenen stalinistischen Strukturen denen von Faschismus und Nationalsozialismus ähnelten. Albright führt keine Diskussion über Totalitarismus. Ich glaube, das Wort kommt nirgends vor in dem Buch.

Aber wer zum Beispiel ihr Kapitel „Präsident auf Lebenszeit“ liest, der erfährt, wie der ein halbes Jahr zuvor ins Amt gekommene Staatschef von Venezuela Hugo Chávez (1954-2013) im September 1999 ihr und Bill Clinton im Gebäude der Vereinten Nationen erklärt, dass er die Wirtschaft Venezuelas vom Öl unabhängiger machen, dass er eine Gesundheitsversorgung, Schul- und Weiterbildung aufbauen wolle. „Clinton, einer der wenigen, der ganz auf Chávez’ Wellenlänge lag, war zweifellos von ihm fasziniert und mir erging es nicht anders.“ Aber „die Flitterwochen“, so Albright, waren bald vorbei.

Chávez suchte sich neue Verbündete. Er verwandelte Venezuela nach und nach in immer neuen Auseinandersetzungen mit immer mehr Gegnern in eine Ein-Mann-Diktatur, die sich zwar wohl bis zum Schluss auf eine Mehrheit in der Bevölkerung stützen konnte, aber die demokratischen Institutionen eine nach der anderen demolierte.

Wer Demokratie nur als Volksherrschaft sieht, der ist schon auf dem abschüssigen Weg, der zum Faschismus führt. Das ist eine der eindrücklichsten Lektionen dieses Buches. Demokratie ist nicht nur darauf angewiesen, dass die Bevölkerung – also nicht „das Volk“ – Regierungen wählen und abwählen kann. Demokratie gibt es nur als ein Ensemble von demokratischen Institutionen, die insgesamt be- und geachtet werden müssen, wenn man verhindern möchte, dass aus einer Demokratie eine Diktatur – die einer Person, einer Partei oder einer Gruppe – wird. Darum geht es Madeleine Albright. Wer das nicht unter Faschismus verstehen möchte, der ändere den Titel und behält dennoch eines der wichtigsten Bücher dieser Monate in der Hand.

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