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Experiment Faschismus-Skala Lauter gute Menschen

Wie anfällig ist eine Gesellschaft für Faschismus? Autoritär unterwürfig ist der Leser der Frankfurter Rundschau jedenfalls nicht. Oder vielleicht doch? 2466 Teilnehmer haben bei unserem Experiment den Fragebogen zur F-Skala ausgefüllt.

Hunderte FR-Leser füllten den Fragebogen zur F-Skala aus - viele im Netz, viele auch konventionell per Hand. Foto: Alex Kraus

Wie sieht er aus, der Leser der Frankfurter Rundschau? Betrachtet durch die Brille eines vom alten Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelten Fragebogens? Knapp 2500 haben ihn ausgefüllt. 68 Prozent davon sind Männer, ein Fünftel sind unter 30 und ein Viertel sind über sechzig.

61 Prozent haben ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Mehr als dreißig Prozent wählen die Grünen und mehr als 20 Prozent die Linken. SPD-Wähler sind 15,9 Prozent. Ihr Kreuz bei der FDP machen 5,1 Prozent und nur 3,9 Prozent sind CDU-Wähler.

Die Umfrage, das sieht man schon an diesen wenigen Zahlen, ist alles andere als repräsentativ. Betrachtet man die Ergebnisse der Umfrage im Einzelnen, wird das deutlich bestätigt. Ganz wichtig ist: Der Rundschau-Leser spricht auf alle der befragten Dimensionen der Skala nur sehr wenig an. Ganz selten nur reichen die Ausschläge über den Mittelwert 3.

Der Leser der Frankfurter Rundschau hält nicht starr an Konventionen fest, er ist nicht autoritär unterwürfig, auch nicht autoritär aggressiv, er wehrt das Subjektive, die Fantasie - "Anti-Intrazeption" heißt das in der Skala - nicht ab. Er pflegt keinen Aberglauben. Er denkt nicht in den Kategorien von Herrschaft und Unterwerfung. Er ist nicht zerstörerisch und er ist kein Zyniker. Er projiziert nicht seine Emotionen auf die Realität und er hat kein übertriebenes Interesse an sexuellen Vorgängen.

Ein guter Mensch? Jedenfalls ist kein einziger dabei, der an irgendeinem der für die F-Skala relevanten Punkte über die Stränge schlägt. Nicht ein einziger wirklich autoritärer Charakter, nicht ein einziger offen böser Mensch. Ein Grund für dieses verblüffende Ergebnis ist sicher, dass es um die Extremwerte bereinigt wurde. Das mussten wir tun, weil in einem Blog aus der rechten Szene dazu aufgefordert worden war, den Fragebogen rechtsradikal auszufüllen, bei der Parteienzugehörigkeit aber die linken Parteien anzukreuzen.

Ein anderer Grund mag sein, dass man in den vergangenen Jahrzehnten gelernt hat, seine autoritären Neigungen hinter anderen Floskeln zu verbergen als das vor sechzig Jahren üblich war. So machen wir uns gewissermaßen durch die Brille Adornos betrachtet gar nicht mehr so schlecht aus. Er wäre verblüfft und würde, davon müssen wir leider ausgehen, dem Braten nicht trauen.

Betrachten wir die Ergebnisse etwas . Und zwar in Korrelation zu den Parteipräferenzen. Die Linke schneidet hier durch die Bank am besten ab. Sie hat bei allen Indikatoren die schwächsten Werte. Deren Wähler sind weder autoritär unterwürfig noch autoritär aggressiv. Auch zum Zynismus neigen sie weniger als alle anderen. Man kann das beiseite schieben und die Ansicht pflegen, sie seien zynisch genug, ihren Zynismus zu verstecken. Man kann aber auch auf den Gedanken kommen, dass es der Partei gelungen ist, ihr antidemokratisches Stammpublikum gegen eines auszutauschen, mit dem ein Staat wie die DDR auf keinen Fall zu machen gewesen wäre.

Die Parteientabelle zeigt die stärksten Ausschläge überhaupt. In der Rubrik Destruktivität und Zynismus. Wer sein Kreuz bei CDU und FDP macht, der hat den Mittelwert bei den Themen "generalisierende Feindseligkeit, Verleumdung des Menschlichen" überschritten. Er ist noch immer im harmlosen Bereich, aber er entfert sich von der CDU der Angela Merkel und nähert sich derdes Roland Koch von vor vier Jahren.

Betrachtet man die Ergebnisse unserer Charakter-Umfrage, dann spricht alles dafür, dass Schwarz-Gelb zusammengehen. Sie haben fast immer annähernd gleich hohe Ausschläge. Nur beim Thema autoritäre Unterwürfigkeit, da sind die CDU-Anhänger doch deutlich mehr dabei als die der FDP.

Blickt man auf die Geschlechtstabelle, so sieht man, dass die Frauen - mit einer Ausnahme -- weniger anfällig sind, autoritäre Charaktere zu werden als die Männer. In allen Profilen liegen die Männer vorn. Nur beim "Aberglauben" haben die Frauen ein ganz klein wenig die Nase vorn. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass der autoritäre Charakter der F-Skala ein Mann war. Die Fragen mehr auf ihn zielten. Die Frauen sich also durch die Fragen nicht angesprochen fühlen.

Ein Blick auf die Gliederung nach dem Alter ist überraschend. In allen Kategorien liegen die unter 30-jährigen vorn. Mal mehr, mal weniger deutlich. Ihre Neigung zum Autoritären ist markant ausgeprägter als die der ältesten Teilnehmer der Aktion. Am deutlichsten ist das bei der Disposition, den emotionalen Impulsen zu folgen. "Projektivität" heißt das in der Tabelle. Aber auch der junge, seine Gefühle wild in die Welt projizierende FR-lesende Mann ist überhaupt nicht anfällig für die Verlockungen eines autoritären Charakters.

Wir haben also allen Grund, uns über das Ergebnis unserer kleinen Umfrage zu freuen. Und wir ahnen, dass unsere weltoffenen Leser es mit uns tun.

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