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„Europäischen Stadt“ Orientiert am Menschen, an seinem Maßstab, seinen Sinnen

Vittorio Magnago Lampugnani setzt seine Beschäftigung mit der Gestaltung städtischer Räume und dem Modell der „Europäischen Stadt“ in mehreren Büchern fort.

Arc de Triomphe in Paris
Paris, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, fasziniert noch heute. Foto: rtr

Als er einmal nach dem Zukunfts- und Risikopotential der Stadt gefragt wurde, erwiderte der berühmte Soziologe Ulrich Beck, das klänge „nach homöopathisch dosiertem Antiurbanismus, sozialdemokratischem Neospenglerismus (Weltuntergang plus Rentenvorsorge), Rot und Grün gemischt, also graumeliert“.

Dass Stadtentwicklung heute immer mehr zwischen Schadensbegrenzung und Resignation versandet, dass das Modell der „Europäischen Stadt“ und die Vorstellungswelt des Flaneurs wenig gemein haben mit dem, was die urbane Wirklichkeit bestimmt, ist zwar sicherlich eine stichhaltige Beobachtung. Aber ganz so sarkastisch muss nicht sein, wen stört, dass die Diskussion von Zaghaftigkeit und mangelnder Konsistenz geprägt ist.

Dass es Vittorio Magnago Lampugnani ganz entschieden um eine geistig-gedankliche Vorstellung dessen geht, was Stadt in Zeiten des technologischen und gesellschaftlichen Umbruchs sein könnte, wird man kaum bestreiten können. Nun hat er seine ohnehin vielfältigen publizistischen Aktivitäten nochmals potenziert und in kurzem Abstand gleich eine ganze Reihe von Büchern auf den Markt gebracht. In gewisser Weise wendet er sich darin gegen eine Stadtentwicklung, die keiner gewollt und auch keiner gemacht haben will: kein Politiker, kein Verwalter, kein Bauherr, kein Architekt. Wobei es ihm freilich nicht nur um Städtebau geht, sondern stets auch um eine wünschenswerte Perspektive für unsere Umwelt insgesamt. Und damit nimmt er eine dezidierte kulturpolitische Position ein.

„Die Stadt von der Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert“ ist gewissermaßen die retrospektive Fortsetzung seines Opus Magnum zur „Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert“, deren beide Bände er 2010 (bei Wagenbach) vorlegte. „Die physische Form der Stadt bildet stets das Ergebnis des Versuchs, einer bestimmten sozialen Ordnung eine entsprechende architektonische Gestalt zu verleihen“, schreibt Lampugnani eingangs, um sodann in 13 Kapiteln mit 350 Abbildungen beispielhafte urbane Entwürfe in Europa und Nordamerika zu behandeln.

Es geht ihm um die entscheidenden Momente der Stadtwerdungen in unserem Kulturraum, wobei sein prüfender Blick von den mittelalterlichen Stadtstaaten über die perspektivischen Strategien des Barock bis hin zu den gewaltigen Modernisierungen reicht, durch die sich etwa das Bürgertum die traditionelle Stadt aneignete. Indem er die Stadt als bauliche Hülle der polis, der politischen Gemeinschaft, interpretiert, liegt es auf der Hand, dass es vor allem Residenz- und Hauptstädte sind, die er analysiert. Dass die Renaissance tatsächlich eine Wiedergeburt römisch-antiker Ratio darstellte, illustriert er trefflich am malerisch gelegenen Pienza in der Toskana und am melancholisch verdämmerten Sabbioneta nördlich von Mantua.

Jedes Kapitel ist der architektonischen Form einer europäischen Stadt und ihren besonderen Bedingungen in einer spezifischen Epoche gewidmet: Florenz und Siena etwa als Beispiele für italienische Stadtstaaten, Roms Neuordnung unter Papst Sixtus V., Lissabon und die geometrische Raumordnung, Stadtbau und -entwicklung in London, Wien und Berlin. Arrondiert wird die eurozentrische Sicht mit der Darstellung nordamerikanischer Kolonialsiedlungen, Pionierstädte und Metropolen wie Philadelphia, die linienförmig geplante Küstenstadt Savannah oder Washington D.C. und New York.

Die Stadtbeschreibungen sind beileibe keine trockenen Deskriptionen, sondern bieten durchaus anregende urbanistische Querverbindungen. Beispielsweise hatte Georges-Eugène Haussmanns energische Umgestaltung der französischen Hauptstadt zur Folge, dass die Pariser Künstlerszene, vor allem die Impressionisten, die neuen weitläufigen, lichten und kühnen Stadträume als große Lebensbühne entdeckten und in ihrer Kunst der Ästhetik der Straße huldigten.

Doch auch das Geld spielte stets eine große Rolle. So legte etwa der Pariser Baumeister Claude-Nicolas Ledoux 1773 erste Pläne für die von Ludwig XV. in Auftrag gegebene königliche Salinenstadt Chaux bei Besançon vor. Dieses Projekt, allein zum Zwecke der Sanierung der zerrütteten Staatsfinanzen geplant, wurde zu einem Finanzdesaster und nie gänzlich fertig. Die Baukosten verdoppelten sich in der Bauphase, die Erträge blieben lange weit hinter den Erwartungen zurück.

Es gibt auch hinreichend Personalisierungen. Etwa Hermann Josef Stübben, der als Stadtbaumeister von Köln nach der Schleifung der alten Befestigungsanlagen in Anlehnung an die Wiener Ringstraße in der Domstadt eine halbkreisförmige Alleensequenz schuf, die noch immer die Stadt prägt. Auch das Thema der „Idealstädte“ wird angeschnitten – Visionen, die das Elend der Industriellen Revolution aufheben und Arbeit und Leben vereinen sollten, wie die „Familistère“ im ländlichen Frankreich. Doch die haben eigentlich mit Urbanismus wenig gemein. Im Unterschied zu Barcelona, das den Schlusspunkt bildet – mit einer „der schönsten Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts: einem streng, geradezu überstreng rationalen Rasterplan“.

Der kaum minder gewichtige Band „Manuale zum Städtebau“ widmet sich komplementär einer „Systematisierung des Wissens von der Stadt“ für den Zeitraum 1870–1950. Lampugnani und seine Co-Autoren kompilieren hier diverse Handbücher aus England, Frankreich, Italien, den USA und Deutschland und ordnen sie ein. Zwar ist es wenig überraschend, dass seit jeher gesammelt, artikuliert und systematisiert wird. Aber das Buch legt bislang unbeachtete Zusammenhänge offen und macht zugleich verlorenes Wissen von der Stadt für den zeitgenössischen Diskurs und die heutige Praxis fruchtbar.

Etwas für Spezialisten

Die zweibändige Publikation „Atlas zum Städtebau“ hingegen ist eher etwas für Spezialisten. Sie dokumentiert auf minutiöse Weise 68 der Straßen, Plätze, Höfe und Uferpromenaden, denen in der europäischen Urbanisierung zentrale Bedeutung zukommt: Etwa die Plaza Mayor in Madrid, die Bahnhofstraße in Zürich, die Amsterdamer Mercatorplein oder die Via Garibaldi in Genua.

Diesen drei exemplarischen Tiefenbohrungen gibt der Essay-Band „Die Stadt als Raumentwurf“, der auf eine Tagung sowie ein vorgeschaltetes Forschungsprojekt zurückgeht, einen stärker theoriebildenden Rahmen. Im Fokus steht dabei jene „Beschäftigung mit dem Raum“, die seit dem späten 19. Jahrhundert zu einem zentralen Gegenstand in Philosophie, Psychologie und Kunsttheorie geworden war: wenn man so will, eine frühe Spielart des spatial turn. Und dessen Wechselwirkungen mit dem Städtebau sind interessant. Denn im Zuge der institutionellen Verankerung der Disziplin wurde der Stadtraum als Entwurfsobjekt (wieder)entdeckt und städtebautheoretisch aufgearbeitet.

Die am Menschen, seinem Maßstab und seiner Sinneswahrnehmung orientierte Gestaltung städtischer Räume wurde als Heilmittel gegen jenen technokratisch und ökonomisch bestimmten Investorenstädtebau erkannt, der in den Reißbrettquartieren der europäischen Stadterweiterungen vor Augen stand. Neben der deutschsprachigen Debatte untersuchen namhafte Autoren wie Werner Oechslin, Michael Mönninger oder Ákos Moravánsky den Diskurs auf frühe Vorläufer, internationale Verflechtungen sowie langfristige Wirkungen auf den Urbanismus der Nachkriegszeit.

Lampugnanis Grundmotivation für sein Forschen und Schreiben dürfte in dem Umstand liegen, dass die Neuzeit in Sachen Städtebau ganz überwiegend ein Desaster war. In keinem Säkulum zuvor wurde das, was seit Menschengedenken das Urbane ausmachte und was wir als Bild der Stadt verinnerlicht haben und bis heute lieben, so gering geschätzt, so missachtet, entstellt, dekonstruiert oder – wie es Wolf Jobst Siedler formulierte – „gemordet“ wie in den Jahrzehnten zwischen 1920 und 1980. Deshalb sieht Lampugnani, ins Positive gewendet, in und mit seinen historiographischen Arbeiten „die Möglichkeit, die traditionelle Stadt mit modernen Mitteln zu rekonstruieren, ohne sie zu fragmentieren, zu imitieren oder zu zerstören“.

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