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Europa Kein Neuanfang ohne Untergang

Die modernen Großmächte entstanden auf den Knochenbergen der europäischen Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts. Was der Dreißigjährige Krieg mit dem Europa von heute zu tun hat.

Otto von Guericke
Experiment mit einer von dem Magdeburger Physiker Otto von Guericke erfundenen „Maschine“. Foto: imago

Vor 400 Jahren fing der Dreißigjährige Krieg an mit der Rebellion der überwiegend protestantischen böhmischen Stände gegen ihren katholischen Landesherrn. Am 23. Mai 1618 warfen etwa 200 Vertreter der protestantischen Stände die königlichen Statthalter und deren Sekretär – nach einem improvisierten Schauprozess – aus einem Fenster der Prager Burg.

Das war der Anfang eines Krieges, der erst am 24. Oktober 1648 mit den Friedensverträgen von Münster und Osnabrück beendet wurde. Fünf Jahre hatten die Friedensverhandlungen gedauert. Der Westfälische Frieden, zu dem auch die daran sich anschließenden Verträge über Abrüstungs- und Entschädigungsfragen gehörten, fixierte die neu entstandenen Machtverhältnisse und bildete die Grundlage für das neue Europa, in dem das zerfallende Reich von den großen Mächten, den Nationalstaaten, abgelöst wurde.

In den dreißig Jahren zwischen dem Prager Fenstersturz und dem Westfälischen Frieden wurde Mitteleuropa zerstört wie bis zum Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Der Dreißigjährige Krieg bestand aus vielen Kriegen. Neben den Kriegen zwischen katholischem Reich und protestantischen Ständen und Staaten gab es Bürgerkriege und Bauernaufstände. Und je länger der Krieg dauerte, desto mehr Landsknecht-Verbände waren unterwegs, die sich mal den einen, mal den anderen zur Verfügung stellten oder auch auf eigene Faust marodierend durch Deutschland zogen.

Der Krieg mag der Vater aller Dinge sein. Bevor er aber auch zum Beispiel der eines Friedensvertrages werden kann, ist er erst einmal der Vater vieler neuer Kriege und tausendfacher Vernichtung. Nichts ist neu an dem, was wir zur Zeit in Syrien beobachten. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr werden von ihm ergriffen, desto mehr greifen in ihn ein, um so mehr Motive und Interessen werden in und von ihm bewegt. Das galt damals. Das gilt heute. Die Vorstellung, der Krieg ließe sich einhegen, hat nichts mit seiner Wirklichkeit zu tun.

Man kann den Dreißigjährigen Krieg nicht betrachten, ohne an die Europa ab 1560 ergreifende „kleine Eiszeit“ zu erinnern. Sie war der verborgene basso continuo, der den tönenden Kriegstrompeten zu Grunde lag. Die Bevölkerung Deutschlands soll in den dreißig Kriegsjahren von 18 auf 11 Millionen gesunken sein. Kanonen und Musketen hätten das allein nicht geschafft. Mit dem Krieg kamen Hunger und Pest. Er brachte auch erst die Angst und dann die Gewissheit: Es gibt keine Sicherheit. „Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein“, schrieb Andreas Gryphius 1637 - für Gryphius war die Vernichtung der Städte das Ende der Kultur.

„Magdeburgisieren“ wurde zu einer Redensart. Gemeint war die völlige Vernichtung einer Stadt. So wie Magdeburg am 20. Mai 1631 durch kaiserliche Truppen erobert, entvölkert und abgebrannt wurde. Flugschriften und Flugblätter waren die Medien, die damals ganz Deutschland über das größte Einzelmassaker – 20.000 Tote – des Dreißigjährigen Krieges informierten. Sie halfen ein Bewusstsein zu schaffen von der völligen Unmöglichkeit eines sicheren Ortes mitten in der um sich greifenden Vernichtung. Sie schürten, so könnte man auch sagen, die Angst. Ohne sie ist der Dreißigjährige Krieg, ohne sie ist kein Krieg zu begreifen. Angst, heißt es, lähme. Sie macht aber auch aus Opfern Täter. Sie treibt die Spirale der Gewalt weiter.

Magdeburg war nicht verloren. Es wurde langsam wieder aufgebaut. Im Westfälischen Frieden wurde Magdeburg Brandenburg zugesprochen. Von 1648 bis 1678 war Otto von Guericke Bürgermeister der Stadt. Seine berühmten Vakuumversuche mit den Magdeburger Halbkugeln führte er 1654 aus und katapultierte den Namen der Stadt damit in die Geschichte der Physik.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg fand ein Wiederaufbau statt. Wir begreifen die „europäische Katastrophe und das deutsche Trauma“ (Herfried Münkler) dieses Krieges nicht, wenn wir nicht sehen, dass diese Jahre auch die Schaffensjahre von zum Beispiel Paul Gerhardt (1607–1676), Christoffel von Grimmelshausen (1622–1676), von Andreas Gryphius (1616–1664) und Angelus Silesius (1624–1677) waren. Inmitten der Vernichtung, der Auslöschung ganzer Landstriche entstand die bedeutendste deutsche Literatur.

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