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Europa Erzählung vom wüsten Land

Im römischen Sommer auf der Suche nach einer Zukunft für und in Europa.

Rom
Reinigungsarbeiten am Trevi-Brunnen in Rom. Foto: afp

The nymphs are departed.
And their friends, the loitering heirs of city directors – 
departed, have left no 
addresses.

Europa, gibt es das überhaupt?, fragte mich ein römischer Freund beim Abendessen. Wir saßen an einem kleinen See am nördlichen Rand der mutmaßlich ewigen Stadt, Familien zogen an uns vorbei, an den Restauranttischen um uns wurde getafelt, als könnte nichts die Lebensfreude hier erschüttern, die ich mir früher, wie viele andere aus der Ferne wohl auch, als ein stetiges Bad unter dem Wasserfall des Fontana di Trevi vorgestellt habe, warm, sinnlich und mit dem Triumph der Kunst, hinter der sich Macht und Elitarismus leidlich schön verbergen. Rom könnte eine Idylle sein, aber idyllisch ist es in Rom vielleicht immer nur für die Touristen und Pilger gewesen. Sie sind auch die Einzigen, die heute noch in die römischen Brunnen springen, die meisten von ihnen etwas weniger hübsch als Anita Ekberg, weshalb die Stadt das Brunnenbaden mittlerweile mit einem Bußgeld belegt hat.

Mein Bekannter wohnte außerhalb, zwei Zimmer und vierzig Minuten Fahrtzeit, anderes konnte er sich trotz seines Professorengehalts nicht leisten. Bald wollte er umziehen, erzählte er, an die Piramide, dort, wo der cimitero acatolico mit seinen Platanen eine Hoffnung davon weckt, dass das Jenseits doch kein so schlechter Ort sein könnte. Bald, bald zöge er dorthin – wenn es die Republik Italien dann noch geben sollte, wie er zynisch (oder war es doch realistisch?) meinte. „Ein paar Monate haben wir noch bis zur Wahl, ein paar Monate, die ohne Staatsbankrott über die Bühne gehen müssen.“

Zynismus, zumindest Sarkasmus schien das Einzige zu sein, womit mein italienischer Freund durch den Tag kam, wenn er nicht auf seinem Motorrad so halsbrecherisch fuhr, dass ich als Mitfahrerin fürchtete, Zeugin und Mitleidtragende eines Suizids zu werden. Das Glück, die Fahrt überstanden zu haben, all das Adrenalin, das mein Körper während der Tauchgänge durch die Untertunnelung Roms ausgeschüttet hatte, ließ mir die Stadt und das Leben in ihr noch einmal strahlender erscheinen. Ich musste hier schließlich nur zu Abend essen, Freunde treffen, Kirchen besuchen, ich musste hier keine Rechnungen bezahlen und gottlob trotz der Motorradfahrt nicht zum Arzt, ich musste weder Kinder einschulen noch Eltern pflegen, ich brauchte keine Perspektive für diese Stadt, die ihre Realität so vielen Wandlungen unterzogen hatte, von einem Großreich über einen Kirchenstaat hin zur Hauptstadt eines vereinigten Italiens, und jetzt existierte sie vor allem für die Selfiesticks, mit denen sich Touristen aller Nationen ihre Handys vors Gesicht hielten. Reliquien als Bildschirmschoner. 

Jedes Mal, wenn ich in die Stadt zurückkehre, in der ich studiert habe und in der ich einmal leben wollte, erlebe ich dieselbe Resignation, eine Stimmung des allmählichen Untergangs oder vielmehr der Gewissheit: Hier ist kein Platz für uns. Das höre ich von meinen italienischen Freunden, die noch da sind, viele sind es nicht mehr. Kein Platz für unsere Generation. Kein Platz für jene, die nicht aus den wohlhabenden Familien kommen. Kein Platz für neue Ideen, für Bewegung, für Zukunft zwischen so viel Altertum. Rom sei die schönste Stadt der Welt, aber zum Leben unmöglich, sagte mir der Freund am See. Italien habe zwar eine gewaltige Geschichte, aber als Gegenwart nur Chaos und als Zukunft allenfalls den cielo azzuro, aber vermutlich nicht einmal mehr den.

Rom hatte sich auch dieses Mal wieder verändert. Am Corso standen Armeesoldaten, Maschinengewehre an die Schulter gelehnt. Die Parks verlotterten, weil die Mafia, wie mir mein Freund erzählte, die einzige Organisation gewesen sei, die sich um die Pflege gekümmert habe – das nun also sei das Ergebnis der Anti-Mafia-Gesetze. Die Partito Democratico verkam, weil Renzi auch nicht besser war als  ... nein, eher schlechter als alle anderen, hörte ich den Freund sagen, und dasselbe hätte ich wohl über so ziemlich jeden Politiker gehört, mit Ausnahme von Andreotti und Berlusconi, denen er nur noch ein betontes Ausatmen nachgeschickt hätte, unumstößlich waren sie wie die Hügel von Rom. Aber auch jenseits von ihnen blieb Politik ein verlorenes Spiel, weil bequeme Strukturen, Nepotismus, Korruption, Ämtergeschiebe so resistent sind gegen jeden Änderungsversuch und der Movimento Cinque Stelle, die neue politische Bewegung, die damit hatte aufräumen wollen, sich nur im Schlechten darin bewiesen hatte, was er am Anfang hatte werden können, aber nicht zwingend hätte werden müssen: ein Clownsladen, der, wo er regierte, wenig hinbekam und im Übrigen Italien aus der EU treiben wollte.

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