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Europa Brendan Simms Mit einem Ruck zu den Vereinigten Staaten von Europa

„Erfolgreiche Unionen waren immer Ereignisse, keine Prozesse“: Der in Cambridge lehrende Historiker Brendan Simms über die Geschichte und Zukunft des Kontinents. Und sein neues Buch „Kampf um Vorherrschaft“.

1453: Die Osmanen unter Mehmed II. erobern Konstantinopel und werden für Jahrhunderte zur Bedrohung. Foto: imago stock&people

Herr Simms, wie lange schrieben Sie an Ihrem neuen Buch?

Ungefähr vier Jahre. Natürlich nicht jede Minute dieser Zeit. Aber solange hat es gedauert von der Konzeption bis zum Druck.

Es sind fast 900 eng bedruckte Seiten. Das klingt nach einer nicht zu bewältigenden Masse. Aber es ist leicht zu lesen, weil die zentralen Gedanken auf jeder Seite zu sehen sind. Der Leser verliert keine Sekunde den Überblick.

Wenn man eine Geschichte Europas von 1453 bis heute schreiben möchte, ist die Hauptgefahr, sich in Details zu verstricken. Andererseits braucht man die Details, um die These klar und plastisch vorstellen zu können. Wenn man einfach von vorne anfängt und die Geschichte gewissermaßen nacherzählt, sind Autor und Leser verloren. Man braucht ein, zwei das Ganze organisierende Grundgedanken.

Welche sind das?

An erster Stelle: Deutschland spielt eine zentrale Rolle in der europäischen Geschichte. Was das zwanzigste Jahrhundert angeht, nicken da alle. Aber ich sage, das war schon seit Ende des fünfzehnten Jahrhunderts so. Ich arbeite dabei auch heraus, dass – sagen wir einmal so – die deutsche Frage auch für die Innenpolitik der anderen europäischen Staaten wichtig war. Nehmen Sie England im 17. Jahrhundert. Karl I. kostete es seinen Kopf, dass er nicht bereit gewesen war, die deutschen Protestanten im Dreißigjährigen Krieg gegen die katholischen Mächte zu verteidigen. Der zweite Grundgedanke ist das angelsächsische Unionsmodell. Auf der einen Seite also die zerstrittenen deutschen Staaten, auf der anderen als Kontrast die Vereinigung von England, Schottland und Irland mit einem gemeinsamen Parlament und gemeinsamer Wirtschafts-, Finanz-, Außen- und Sicherheitspolitik.

Lassen Sie uns auf den zweiten Punkt später zurückkommen. Der erste kommt mir vertraut vor. Dass Deutschland das zerstückelte Zentrum Europas war, Beute, Opfer seiner Nachbarn bis die Reichsgründung das Land zu einem immer stärkeren Machtfaktor werden ließ und zu einer Gefahr für diese Nachbarn, das haben wir in der Schule gelernt. Was bringen Sie Neues?

Im 17., im 18. Jahrhundert, im frühen 19. Jahrhundert ist Deutschland tatsächlich im Wesentlichen ein Opfer, ein Objekt der europäischen Machtpolitik. Nach 1871 wird es Subjekt, ein so starkes Subjekt, dass es sich nicht mit dem Frieden Europas und der Welt vertrug. Es wurde zum Störenfried. Das ist richtig. Ich füge dem aber noch eine Überlegung hinzu: die Frage nach der Rolle des Deutschen Reichs im europäischen Mächtesystem. Die ist doch jahrhundertelang beschämend klein. Nehmen Sie nur die Verteidigung Europas gegen die Osmanen im 16. und 17. Jahrhundert. Die wurde doch weitgehend den Habsburgern überlassen.

Darum beginnt Ihre Geschichte 1453?

1453 zog England sich vom europäischen Kontinent zurück und ermöglichte so Frankreich, sich seinem östlichen Nachbarn mit voller Kraft zuzuwenden. 1453 eroberten aber auch die Osmanen Byzanz. Das ist der Beginn einer mehr als zweihundert Jahre andauernden Bedrohung Europas. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob die europäischen Mächte angesichts der Gefahr näher zusammenrücken sollen, oder man dan neuen europäischen Mitspieler – das osmanische Reich – nicht benutzen soll, um mit seiner Unterstützung die vertrauten Feinde zu schwächen.

Wie Frankreich und auch Preußen es taten.

Franz I. von Frankreich tat es im 16. und Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert. Es ging dabei immer gegen die Habsburger.

Die Türkei gehörte zum Spiel der europäischen Mächte?

Das ist eines der Themen des Buches: Man darf das osmanische Reich nicht in erster Linie als eine nahöstliche Macht verstehen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts lebte die Mehrzahl der Untertanen der Osmanen in Europa. Außerdem verstand sich das osmanische Reich als Nachfolgerstaat des oströmischen Reiches.

So wie Sie die Kolonialkriege schildern, geht es selbst bei denen um Deutschland.

Karl V. betrachtete die transatlantischen Eroberungen als eine Möglichkeit, sich Ressourcen für den Kampf um die Herrschaft über Europas Mitte zu verschaffen. Auch Philipp II. brauchte das lateinamerikanische Silber und Gold für seinen Krieg gegen die Niederlande. Wenn englische Piraten spanische Schiffe kaperten, dann verstanden sie das nicht nur als einen Akt der Selbstbereicherung, sondern auch als einen strategischen Schachzug zur Schwächung der katholischen Habsburger. Im 17. Jahrhundert kam im Londoner Parlament immer wieder die Forderung auf, die Spanier in Übersee anzugreifen, um sie von ihren Geldquellen abzuschneiden. Im 18. Jahrhundert kommt dasselbe Argument. Dann richtet es sich allerdings gegen Frankreich.

Ihr Buch hat eine aktuelle politische Stoßrichtung. Die hängt mit dem englisch-angelsächsischen Unionsmodell, dem zweiten Grundgedanken von „Kampf um die Vorherrschaft“ zusammen.

Es gibt ein deutsches Problem. Das hat nichts mit der Mentalität, dem Charakter der Deutschen zu tun. Die unterscheiden sich auf lange Sicht nicht von denen anderer Völker. Das Problem hat zu tun mit der Mittellage, mit der Größe und mit dem wirtschaftlichen Potenzial. Dieses deutsche Problem ist auch ein europäisches. Deutschland ist für Europa zu stark und für die Welt zu schwach. Das wurde lange durch eine systematische Schwächung der Mitte gelöst. Mit dem Nachteil, dass ein ungeheures Potential zur Stärkung Europas – zum Beispiel gegen die Osmanen – nicht genutzt wurde. Das Heilige Römische Reich kann kein Modell sein für den Aufbau Europas.

Wir brauchen ein einigeres, stärkeres Europa?

Europa muss sich an dem englischen Unionsmodell orientieren. An dem, das die Engländer und die Schotten 1707 schufen. Die Gründer der USA schauten sich lange um, als sie darüber nachdachten und stritten, wie die Vereinigten Staaten von Amerika aussehen sollten. Sie sahen sich auch das Heilige Römische Reich an. Aber diese Lösung schien ihnen nicht attraktiv. Sie folgten dem Vorbild des Königreichs Großbritannien, von dem sie sich gerade lösten.

Das empfehlen Sie jetzt für Europa?

Wir hätten dann einen europäischen Föderalstaat im amerikanischen Sinne. Die Souveränität der europäischen Staaten würde aufgehoben werden durch eine gemeinsame Währung – die gibt es schon –, eine gemeinsame Außenpolitik und ein gemeinsames Parlament, das auf der einen Seite die Gesamtbevölkerung nach der Einwohnerzahl vertreten würde und andererseits gäbe es so etwa wie einen Senat, einen Bundesrat, in dem die Einzelstaaten, die Länder vertreten wären.

Wie sollen wir dahin kommen?

Eine wirkliche Europäische Union, wie ich sie mir vorstelle, wird nur unter starkem außenpolitischem Druck zustande kommen. Wo wird der Druck herkommen. Vom „Islamischen Staat“? Den gab es, als ich das Buch schrieb, noch nicht. Ich sprach damals von Putin. Das war noch vor der Annexion der Krim, vor den Auseinandersetzungen um die Ostukraine. Wir dürfen einen Punkt dabei nicht übersehen. Deutschlands Mittellage hat sich radikal geändert. Bisher fühlte sich Deutschland stets bedroht oder war es auch tatsächlich. Jetzt, zum ersten Mal in seiner Geschichte, ist Deutschland von Freunden umgeben. Das bedeutet aber auch, dass Deutschland von den Gefährdungen Europas an seinen Grenzen nichts mitbekommt. Desto wichtiger ist eine gemeinsame politische Struktur. Damit keiner glaubt, er könne sich vor der gemeinsamen Verantwortung drücken. Wie das damals im Heiligen Römischen Reich geschah. Wir brauchen eine Union, sonst wird Europa Stück für Stück, mal an diesem, mal an jenem Ende überrannt werden.

Wie viel Zeit hat man?

Ich weiß nur, dass eine solche Union nicht Schritt für Schritt hergestellt werden kann. Sie muss ein Ruck sein. Von einem auf den nächsten Tag. Erfolgreiche Unionen waren immer Ereignisse, keine Prozesse.

Wird Großbritannien zu diesem Europa gehören?

Als ich mit dem Buch anfing, ging ich davon aus. Heute glaube ich, die Europäische Union wird ohne England gegründet werden müssen. England ist in den letzten Jahrhunderten nicht mehr besetzt worden. Es hat nicht die Erfahrung der europäischen Katastrophen, ohne die es die Idee einer Europäischen Union nicht gegeben hätte und ohne die es sie wohl auch nicht geben kann. Die Briten sehen darum keinen Grund ihre Souveränität aufzugeben. Sie werden es also auch nicht tun. Das Europa, von dem ich spreche, wird das Europa der Eurozone sein. Das muss es dann aber auch sein. Wir müssen es machen wie die USA es gemacht haben. Wir imitieren das britische Modell. Die Eurozone wird deutlich stärker sein als Großbritannien und vielleicht sogar stärker als die USA. In dieser neuen Konstellation werden sich dann neue Fragen der Konföderation stellen.

Wird Putin der Geburtshelfer Europas sein?

Vielleicht. Hoffentlich.

Interview: Arno Widmann

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