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EU und Putin „Russland unterstützt zerstörerische Kräfte“

Ein Gespräch mit dem Historiker Timothy Snyder in der FR über die Strategien Wladimir Putins und Gemeinsamkeiten mit Donald Trump.

Russland
Historiker Snyder hält die Unterstützung von Putins Russlands durch die politische Linke für problematisch. Foto: afp

Professor Snyder, der Konflikt im Schwarzen Meer geht immer noch keiner Lösung zu. Der russische Präsident Wladimir Putin spielt in internationalen Konflikten – wie in der Ukraine – mittlerweile die Hauptrolle des Schurken. Die SPD will sich jedoch wieder mehr Russland annähern. Verstehen Sie das als jemand, der den sozialdemokratischen Ideen nahesteht?
Ich kann nicht verstehen, wie man Sympathie für einen Politiker empfinden kann, der eine Politik der Fiktion und Spaltung in der Welt verfolgt. Noch weniger, wenn man das als Linker oder Sozialdemokrat tut. Einfaches Nachdenken darüber, was sich international gerade abspielt, müsste für ein äußerstes Misstrauen gegenüber Oligarchen eigentlich ausreichen. Besonders wenn es sich um ein Land handelt, das sein Bestes gibt, um andere Nationen zu spalten. Wenn die politische Linke oder die SPD in Deutschland solche Oligarchen wie Putin umgarnt oder ihren Erdichtungen glauben schenkt, wird sie keine Zukunft haben. Man sollte sich immer darüber im Klaren sein, was man da in den Armen hält. 

Wartet eine böse Überraschung?
Man sieht darüber hinweg, dass Putin einen faschistischen Autor wieder hoffähig macht. Um eines direkt klar zu stellen: Ich glaube nicht, dass Putin an sich ein Faschist ist oder dass Russland ein faschistisches System hat. Aber es ist doch offensichtlich, dass er die Philosophie von Iwan Iljin (1883-1954) zu reanimieren versucht, dessen Ideen unmissverständlich faschistisch sind. 

Warum greift die russische politische Führung auf Ideen aus den 1930er Jahren zurück?
Iljin nannte seinen Erlöser einen „demokratischen Diktator“. Das, was Putin jetzt darzustellen versucht. Damit hat er eine Form der gelenkten Demokratie etabliert, in der es die Russen zur Meisterschaft gebracht haben. Den russischen Menschen bläut Putin unentwegt ein: Wir sind die Guten, die anderen sind böse und bedrohen uns. Er hat es geschafft, seine Politik und damit die politische Gegenwart zu verewigen. Dies erfordert endlose Krisen und permanente Bedrohungen. Nur so kann er es gegenüber dem Volk legitimieren, dass eine Gruppe der wenigen Reichen, die Oligarchen, in Russland überhaupt an der Macht besteht. Wenn sich Leute der politischen Linken in Deutschland oder anderswo Russland wieder annähern wollen, ist das, offen gesagt, schockierend.

Gefährliche Alternativlosigkeit

Brexit, Front National, die Wahl Trumps. Putin soll auf vieles Einfluss genommen haben. Welche Ideen stehen hinter dieser Intervention?
Der Leitspruch der einen lautet: „Es gibt keine Alternativen.“ Ich nenne sie die Politik der Unausweichlichkeit. Sie beruht einzig auf der Idee, dass es keine Ideen gibt, bis auf eben diese eine, die   aber äußerst mächtig ist. Wer sie verfolgt, wird zum Schlafwandler, der seinem Grab entgegenwankt. In kapitalistischen Gesellschaften tritt bei der Politik der Unausweichlichkeit die Logik des Marktes an die Stelle der Politik mit der Folge einer wachsenden ökonomischen Ungleichheit. Durch sie wird zugleich der Glaube an den Fortschritt zerstört.

Mit welchen Folgen?
Wenn es keine soziale Mobilität mehr gibt, wird aus der Politik der Unausweichlichkeit die Politik der Ewigkeit. Aus der Demokratie wird eine Oligarchie. Es ist, als ob das Gespenst aus dem Leichnam der Politik der Unausweichlichkeit gestiegen ist. 

Gilt das nur für den Kapitalismus oder auch für den früheren Gegenspieler, den Kommunismus? 
Der Kommunismus setzte voraus, dass es nur eine mögliche Zukunft geben kann und die ökonomischen Bedingungen zu dieser Zukunft notwendig hinführen würden. Die große Ironie von 1989 ist, dass die Leute, die man als die großen Anti-Kommunisten betrachtet, Ronald Reagan oder Margaret Thatcher, die Anhänger des Ökonomen Friedrich Hayek, genau diese Idee des Kommunismus aufgriffen und ihr eine andere Form gaben. Sie übernahmen einfach die Politik der Unausweichlichkeit. Das Versprechen war, dass nur durch den Kapitalismus Demokratie möglich werde. Wenn mehr Kapitalismus auch mehr Demokratie bedeutet, warum sollte man sich dann Sorgen machen? Aber dieses Mantra legitimierte etwa in den USA die immense Ungleichheit. Die Grundannahmen über den Determinismus in der Geschichte haben 1990 überlebt. Und damit der Glaube an die Unausweichlichkeit und Alternativlosigkeit. Das ist das große intellektuelle Missverständnis unserer Zeit. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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