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Erwin Strittmatter Ein Ritt durch die Geschichte

Lange Zeit glaubte man alles zu wissen über Erwin Strittmatter, dann wurden seine Stasi-Kontakte und die Mitgliedschaft in der SS bekannt. Annette Leo ergründet das Leben des deutschen Schriftstellers.

Erwin Strittmatter. Es war nötig, sein Leben noch einmal neu zu erzählen. Foto: imago/werner schulze

Erwin Strittmatter war Schulstoff. Wir nahmen ,Tinko‘ und ,Ole Bienkopp‘ im Deutschunterricht durch.“ Mit diesen ersten beiden Sätzen gibt Annette Leo eine Richtung vor für ihre Erwin-Strittmatter-Biografie. Sie stammt aus der DDR.

Es geht hier um einen Mann, über den man lange alles zu wissen glaubte, bis die Informationen über seine Stasi-Kontakte Kratzer auf das Bild brachten und das Bild schließlich einriss durch die Nachrichten über seine Mitgliedschaft in einem SS-Regiment während des zweiten Weltkriegs. Es geht um einen Mann, dessen Romantrilogien „Der Laden“ und „Der Wundertäter“ in der DDR als Geschichtsbücher gelesen wurden und der nach Lesungen Autogramme geben musste, bis ihm die Hand schmerzte.

Schwerpunkt auf Strittmatters Rolle im Krieg

So ist der 100. Geburtstag am 14. August jetzt nicht einfach ein Anlass, das Werk des 1994 Verstorbenen zu würdigen. Es war nötig, sein Leben noch einmal neu zu erzählen. Die Historikerin und Journalistin Leo, 1948 geboren, legt einen Schwerpunkt auf Strittmatters Rolle während des Krieges, eben weil hier die meisten Fragen aufkamen. Aufgeworfen hatte sie der Literaturwissenschaftler Werner Liersch vor vier Jahren. Aus Dokumenten setzte er ein Faktengerüst zusammen: Strittmatter gehörte dem Gebirgsjäger-Regiment 18 der Ordnungspolizei an, das der SS unterstellt war und in Slowenien sowie Griechenland gegen Partisanen eingesetzt war.

Leo findet zunächst wenig darüber hinausgehendes Material. Dann gibt ihr die Herausgeberin der Strittmatter-Tagebücher Almut Giesecke (der erste Band zu den Jahren 1954–1973 ist vor einem Monat erschienen) noch vor Drucklegung Einblick in die Aufzeichnungen. Vor allem aber sucht Annette Leo das Gespräch mit den Erben. Strittmatters Witwe sah angesichts der Enthüllungen das Lebenswerk ihres Mannes in Gefahr und war nicht bereit, Liersch oder Leo Untersuchungen in privaten Dokumenten zu erlauben.

Als Eva Strittmatter im Januar 2011 starb, übergaben die jüngsten Strittmatter-Söhne Erwin Berner und Jakob Strittmatter den Nachlass an die Akademie der Künste – auch sie wollten ihn zunächst nicht zur Nutzung freigeben. Es ist berührend zu lesen, wie die 1953 und 1963 geborenen Männer darum ringen, sich gegen den Wunsch ihrer Eltern zu entscheiden. Leo bekam alles zu sehen – und so füllten sich die Lücken im Faktengerüst.

Es sind frühe Gedichte und Notate, es sind die Briefe des um die 30 Jahre alten Erwin Strittmatter an die Eltern daheim in Bohsdorf in der Niederlausitz, an die erste Ehefrau und an eine Geliebte. Da schreibt ein Mann mit Ehrgeiz und Glauben an die Richtigkeit seines Tuns. Er schreibt von Feuergefechten, von Toten, von Beutezügen in Oberkrain/Gorenjska im heutigen Slowenien. In einem Nachbardorf von Drazgose habe er „Das Himmelfahrtskommando geführt“. Manchmal spricht schon der Absender – in Krakau ist es die „SS-Totenkopfkaserne“ – für sich. „,Das ist nicht der Vater, den ich kenne’, wiederholt Jakob Strittmatter mehrmals.“ Die Biografin nennt die Kooperationsbereitschaft der Söhne mutig. Ein bisschen fürchtet sie das Echo: „Was die Öffentlichkeit nach dem Erscheinen des Buches daraus machen wird, darauf hat niemand von uns Einfluss.“ Doch der Sohn Erwin sagt: „Sein Werk ist so groß, es wird das aushalten.“

Leo widerlegt Strittmatters Verteidiger Drommer

Leo widerlegt Strittmatters Verteidiger im SS-Streit Günter Drommer, der im Jahr 2000 die Biografie „Des Lebens Spiel“ veröffentlicht hatte. Sie wehrt die Beschönigungen ab, die nach Lierschs Recherchen herauskamen, ohne sich auf die billigen Ost-West-Spielchen von damals einzulassen.

Tatsächlich war Strittmatter nie Mitglied der SS, „sein Regiment bekam 1943 zwar das SS-Kürzel vorangestellt, dessen Angehörige blieben jedoch Polizisten und behielten ihre Polizei-Dienstränge.“ Doch war er viel stärker in deutsches Besetzergebaren eingebunden, als er es später zugab. Im Mai 1940 schreibt Strittmatter seinem Vater, dass er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet habe. „Bin dort vor drei Wochen auch gemustert und angenommen worden.“ Die Thüringische Zellwolle AG Schwarza , bei der er seit Oktober 1938 arbeitete, ließ ihn nicht gehen. Die Biografin unterstellt Strittmatter nicht Kriegsbegeisterung, sondern glaubt, dass ihn der Drang trieb, sich vor den Eltern zu beweisen, nachdem sein Bruder Heini bereits zu Kriegsbeginn Soldat war, und außerdem die Möglichkeit der ersten Ehe zu entfliehen. Als sich frühere Kriegskameraden nach Veröffentlichung des ersten „Wundertäter“-Bandes bei ihm melden, reagiert Strittmatter zurückhaltend. Unkonkret, das Thema nur streifend, behandelt er in Briefen an sie die gemeinsam erlebte Zeit. Als wollte er nicht die Legende ins Wanken bringen. In dem Zusammenhang liest Leo auch Strittmatters wiederholte Beteuerung, im Krieg habe keine Kugel seinen Gewehrlauf verlassen, „wie eine Beschwörungsformel“.

Auf andere in den vergangenen Jahren aufgeworfene Fragen etwa zu Strittmatters Aufenthalt in Wallern, Südböhmen, am Kriegsende findet sie zumindest Teilantworten. Ob er wirklich desertierte, wie er immer behauptete, kann sie nicht belegen. In seinen offiziellen Lebensläufen und Fragebogen-Antworten stößt sie schon früher auf Widersprüche. So weitete er einen mehrstündigen Polizeigewahrsam im Jahr 1934 zu Schutzhaft und Schreibverbot aus.

Nach dem Krieg beginnt er journalistisch zu arbeiten und verfolgt konsequent den Plan, Schriftsteller zu werden. Also nähert sich Annette Leo ihrem Helden nun über die Lektüre seiner Bücher. Sie schätzt ihn als Autor, der eine Region und ihre Menschen zu porträtieren versteht, gesteht ihm beim „Laden“ eine „wunderbare Sprache“ zu. Bei ihr selbst traf im Jahr 1980 der dritte Band des „Wundertäters“ einen Nerv, schreibt sie – so, wie er sich mit stalinistischen Strukturen in der DDR auseinandersetzte. Diesen persönlichen Blick versteckt sie auch bei anderen Themen nicht. Strittmatters Verhältnis zu seinen Frauen, denen er nicht nur immer wieder untreu wurde, sondern die er auch als untergeordnete Mitarbeiterinnen betrachtete, kann die Biografin nicht gutheißen. „Schwer erträglich“ findet sie seine lieblose, zum Teil verächtliche Haltung den eigenen Kindern gegenüber – und im Gegensatz dazu „seine hingebungsvolle Zuwendung zu den Pferden“.

Kein Kontakt zu Oppositionellen

Die Bücher ordnet sie Lebensphasen zu und beobachtet daran die politische Entwicklung des Autors, der jeweils einen veränderten Blick nicht nur auf die Figur, sondern auch auf die Gesellschaft repräsentiert. Sein Eifer, die Methode des sozialistischen Realismus anzuwenden, lässt unter dem Eindruck der Wirklichkeit nach. Zu seiner zeitweiligen Mitarbeit als Informant der Staatssicherheit in der DDR findet Leo eher Entlastendes für den Schriftsteller. Für die Stasi war er nicht geeignet, weil er keinen Kontakt zu Oppositionellen hatte. Erich Loest, der als junger Autor einen Monat zusammen mit Strittmatter in Budapest verbracht hatte, erinnert sich, dass der Kollege auch bei Schwierigkeiten treu zum Staat im Osten hielt und ihm erklärte, dass er der Partei so viel verdanke.

Später, als er mit etlichen Auszeichnungen geehrt ist, aber doch Probleme mit der Zensurbehörde hat, als ihn die Versammlungen im Schriftstellerverband anöden und die ideologischen Zwänge ihm zu groß werden, da wird sein bäuerliches Leben im winzigen Dorf Schulzenhof in der Nähe von Rheinsberg als Ausgleich immer wichtiger. Er knüpft da an, wo er vor dem Krieg begann, als Hundedresseur und Kaninchenzüchter, macht damit weiter, womit er als Wachtmeister in Slowenien Erfolg hatte: als Pferdeversteher. Strittmatter hält manche Freundschaft über Jahrzehnte, aber er kann auch über Weggefährten sehr herablassend urteilen, wie man schon im Tagebuch lesen konnte. Dramatisch ist der Bruch mit Boris Djacenko – er wirft dem Kollegen feindliches Denken vor. Hässlich schreibt er über Biermann. Kein Wunder, dass niemand ihn fragte, ob er den Protest gegen dessen Ausbürgerung unterzeichnen will.

Anders als Günter Grass hat Strittmatter die Zwiebelhäute, der ihm in den vielen Folgejahren über seine Kriegserlebnisse wuchsen, nicht mehr abgetragen und darunter geschaut. Das haben nun andere übernommen. Es ist ein deutscher Lebensweg, wie er im 20. Jahrhunderts möglich – aber nicht unausweichlich war. Durch den Vergleich mit Schriftsteller-Kollegen wie Stephan Hermlin, dem Nazi-Gegner und kritischen -Intellektuellen, wie Erich Loest, dem verführten Werwolf, zeitweiligen SED-Mitglied und später unbestechlichen Beobachter, zeigt sie, dass man sich nicht zwangsläufig so entscheiden musste, wie Strittmatter es tat. Dabei verlässt sie immer wieder den chronologischen Faden, um einzelne Abschnitte genauer zu behandeln. Ihre Erzählung des von Widersprüchen gesäumten Wegs kann auch für Menschen, die nie eine Zeile dieses Autors gelesen haben, erhellend sein. Es ist ein Erklärungsbuch für die Deutschen in Ost und West. Muss ja nicht gleich Schullektüre werden.

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