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Ernst May-Festspiele Ingenieurhafte Phantasie

Die Kriegs-Not machte das Neue Bauen effizient. Obwohl der Normalbürger in den 20er-Jahren am Rande des Existenzminimum lebte, wuchs sein Selbstbewusstsein und mit ihm das neue Menschenbild.

27.07.2011 17:49
Wolfgang Pehnt
Planerischer Schwung: Frankfurt-Riederwald, 1926/27. Foto: Christoph Böckheler

In jenem Jahrzehnt, in dessen zweiter Hälfte Ernst May die Baugeschicke der Stadt Frankfurt lenkte, in den 1920er Jahren, gab es ein Schlüsselwort. Es hieß: neu. Von der Neuen Wohnung war die Rede, von der Neuen Raumkunst, dem Neuen Bauen, der Neuen Stadt, der Neuen Musik, der Neuen Küche, der Neuen Frau. Meist war der Begriff neu den Autoren so wichtig, dass sie ihn mit Großbuchstaben schrieben. Eine Publikumszeitschrift hieß Die Neue Linie, Fachzeitschriften Das Neue Frankfurt, Das Neue Berlin und Die Neue Stadt.

Und ein Neuer Mensch. Harry Graf Kessler, der vom Kaiserreich bis zum NS-Regime ein Seismograph der Epoche war, notierte im Sommer 1919 bei einem Besuch in Weimar, die jungen Künstler suchten vor allem den Neuen Menschen. Die Suche hielt lange vor. „Eine neue große Ordnung bereitet sich vor“, prophezeite auch May, sonst eher Pragmatiker. Die „Schönheit des neuen Menschen“ sah er im „Sportelastischen, Wettergehärteten“. Noch 1932 versah der Architekturkritiker Karl Scheffler eine Aufsatzsammlung mit dem offenbar noch immer zugkräftigen Titel „Der neue Mensch“. Das Buch erschien zu einem Zeitpunkt, als sich bereits „neue Menschen“ einer anderen Spezies Straßenschlachten lieferten.

Selbstopfer und Verzicht

Dass die Zukunft Abschied von der Verschwendung der Gründerjahre und des Fin de Siècle bedeutete, auch vom Komfort und Raumluxus des gut gestellten Bürgertums, war den handelnden Personen klar. Auffallend oft treten in ihren Äußerungen die Begriffe Verzicht und Opfer auf. Von notwendigen Verzichten sprachen Berlage, Behrens, Gropius oder Oud; vom Nullpunkt, an dem man beginnen müsse, Le Corbusier; vom Individualismus, den man zugunsten der Typisierung aufgeben müsse, May.

Geopfert wurden das sorgfältige Detail, die komplizierte Organisation des Hauses, die unwirtschaftliche Raumkubatur, die üppig bemessene Höhe der Räume. Geopfert wurden Individualität und Originalität. „Wiederholen wir uns unablässig“, predigte Adolf Loos seinen Zeitgenossen. Geopfert wurde der feine Handwerkerfleiß, das kostbare Einzelstück, das jahrhundertealte Sachwissen, das vor den neuen Konstruktionsverfahren und Materialien versagte. Was immer die Moderne an Neuem, Zukunftsträchtigem entwickelte, sie war auch ein großer Abschied, das Ende einer privilegierten Ausdruckskultur. Ersatz bot, was nicht viel kostete: die Farbgestaltung, der eigene Garten, Luft, Licht, in den mittleren Jahren der Weimarer Republik auch stadtbaukünstlerische Maßnahmen wie gestaffelte Wohnzeilen oder gerundete Zeilenköpfe, bis die steigenden Kreditkosten in der Weltwirtschaftskrise viele dieser Leistungen kassierten. Verzichtserklärungen erfolgten unter Nötigung. Die Spielräume waren drastisch eingeengt angesichts der Wohnungsnot. Rapides Bevölkerungswachstum, räumliche Konzentration in Großstädten, kriegsbedingte und strukturbedingte Wanderungsbewegungen. Im Ersten Weltkrieg und in den Notjahren danach war die Wohnungsproduktion zum Erliegen gekommen. Lokale Sonderprobleme kamen hinzu; in Frankfurt die Sanierung der Altstadt, die viele Menschen obdachlos machte.

Effizientes Bauen und Kochen

Industrialisierung des Bauens sollte dem quantitativen Bedarf genügen. Zu den ersten weitgehend rationalisierten Architekturprojekten nach 1918 kam es in einer Reihe deutscher Großsiedlungen, auch solchen in Frankfurt. Dazu gehörten präzise Zeitablaufpläne, die festlegten, wann und für welches Baulos die Baustelle eingerichtet wurde, wann die Ausschachtung begann, wann die Fertigteile angeliefert werden mussten, wann die Dachhaut aufgebracht würde. Herrschaft über die Zeit kennzeichnete eine Planungstätigkeit, die gedanklich das gesamte Verfahren in allen Phasen vorwegnahm.

Betriebswirtschaftliche Forderungen wurden nicht nur in der Bauproduktion berücksichtigt, sie hatten Rückwirkungen auch auf Entwurf und Grundriss. Die arbeitsökonomische Anordnung der Verkehrswege in Haus und Stadt, der zeitsparende Verlauf von Ganglinien, die gesonderte Bedienung jeder Funktion entsprachen dem rationalisierenden Denken. „Zu gutem Wohnen gehört u. a. die ganze Summe von Bedingungen, die die Abwicklung der Alltäglichkeit zusammendrängen auf ein Minimum an Kraft- und Zeitaufwand“, schrieb Erna Meyer, eine Theoretikerin des zeitgenössischen Haushaltens. Grete Schütte-Lihotzky setzte solche Grundsätze in der berühmten Frankfurter Küche um.

Die Architekten der Avantgarde sahen ihre Arbeit und die Menschen, für die sie entwarfen, durchaus nicht nur als Opfer. „Alles kommt darauf an, dass unsere Einfachheit, unsere Armut nicht erzwungen erscheint, sondern freiwillig, dass das harte Müssen zu einem freien Wollen gemacht wird“, schrieb Karl Scheffler 1920. Die schlanke, spartanische, kühle, technikbewusste Form erschien bald nicht mehr als Ergebnis der Not oder zeitgemäßer Produktionsmethoden. Sie wurde zum gewollten Symbol der Moderne. „Die Phantasie wird ingenieurhaft sein“, prophezeite Scheffler.

Neuer Mensch, alter Adam

Der neue Mensch war die Vision einer nahe geglaubten Zukunft. Gegenwart war der alte Adam: der Normalbürger mit seinen überlieferten Denkmustern. Die Bauten des Neuen Bauens fügten sich nicht seinen Gewohnheiten, sondern setzten eine andere Wohnkultur voraus oder wollten zu ihr erziehen. Die asketischen Räume, die technische Versorgung, die Mobilität und Offenheit der Lebensweise, das Pathos eines reformierten Daseins, die exponierten Dachterrassen, die Einbaumöbel waren eher auf flexible Intellektuelle zugeschnitten, wie sie am ehesten noch in der Römerstadt vorzufinden waren.

Aber profitierten Arbeiter und Angestellte nicht auch von den neuen Angeboten, so fremd sie ihnen erschienen? Viele Bewohner der 24 Frankfurter Stadtrandsiedlungen kamen aus erbärmlichen Wohnverhältnissen. Für eine Familie, die zu fünft eine Einzimmerwohnung im Slum bewohnt hatte, bedeutete eine Dreizimmerwohnung von 60 qm in der Neubausiedlung das Paradies auf Erden, bedeutete eine Verbesserung auch dann noch, als die Wohnungsgrößen in der Weltwirtschaftskrise auf 48 oder gar 42 qm schrumpften.

Der Normalbürger entscheidet über seine Umwelt

Der Alte Adam richtete sich ein in Gehäusen, die dem Neuen Menschen zugedacht, aber aufs Existenzminimum zugeschnitten waren. Wo die Planer keine Wohnküche mehr gestatteten, setzte sich die Hausfrau mit der Schüssel Stangenbohnen, die sie schälen wollte, in den Wohnraum. Fehlte es an Nebenräumen, wurde trotz Musterwohnung und Wohnberatung angebaut: Schuppen, Kaninchenställe, Wintergärten.

Mögen solche Entstellungen heute den Denkmalpfleger und den ästhetisch sensibilisierten Passanten befremden, ein Zeichen für neu gewonnenes Selbstbewusstsein waren auch sie – eine Etappe in jenem unendlichen und alles andere als abgeschlossenen Befreiungsprozess, in dem Bürger über ihre eigene Umwelt entscheiden sollten.

Der Text basiert auf einem Beitrag im Katalog der May-Ausstellung, der auf einen Vortrag zurückgeht, den die FR in Teilen dokumentierte (31. 7. 10). Pehnt hat zahlreiche Standardwerke über die deutsche und internationale Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts veröffentlicht. Zu seinem 80. Geburtstag am 3. 9. erscheint die Aufsatzsammlung „Die Regel und die Ausnahme“ (Verlag Hatje Cantz).

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