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Ernst Ludwig Kirchner Berliner Straßenszenen in New York

Prostituierte verkörpern für Ernst Ludwig Kirchner das Berliner Großstadtleben. Das New Yorker Museum of Modern Art präsentiert eine ganze Bilderserie des expressionistischen Künstlers.

01.08.2008 11:08
Das Handout-Foto des Auktionshauses Christie's zeigt das im Jahr 1913 entstandene Gemälde "Berliner Straßenszene", Foto: dpa

New York (dpa) - Das Schicksal des Meisterwerks "Berliner Straßenszene" (1913) von Ernst Ludwig Kirchner hat lange Zeit hohe Wellen geschlagen. Die Rückgabe des Gemäldes an die jüdischen Erben 2006 und die spätere millionenschwere Versteigerung in New York lösten bundesweit Kritik aus.

Jetzt ist das expressionistischen Bild ein Kernstück der Ausstellung "Kirchner and the Berlin Street", die das renommierte New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) von Sonntag an zeigt. Sieben spektakuläre Werke aus Kirchners Straßenserie sind erstmals seit ihrer Entstehung zwischen 1913 und 1915 gemeinsam zu sehen, zusammen mit 60 thematisch verwandten Arbeiten auf Papier - ein einmaliges "Gesamtkunstwerk" aus der wichtigsten Schaffensperiode des "Brücke"-Künstlers.

"Der deutsche Expressionismus hat bei uns in Amerika nicht die gleiche Beachtung gefunden wie etwa der deutsche Impressionismus oder der Kubismus", sagte MoMA-Direktor Glenn Lowry der Deutschen Presse-Agentur (dpa). "Wir sind deshalb besonders froh, dass wir mit dieser Ausstellung einen so dichten Eindruck vermitteln können."

Die sieben Bilder haben ihr ungewöhnliches Motiv gemeinsam: Prostituierte. Zu zweit, zu dritt oder fünft bewegen sie sich in einer Mischung aus Glamour, Dekadenz und Einsamkeit durch das Straßenleben der Großstadt. Kirchner fängt mit seinen intensiven, fast grellen Farben, den gezackten Formen und bewegten Pinselstrichen auf unvergleichliche Weise die nervöse, brodelnde Atmosphäre vor und zu Beginn des Ersten Weltkriegs ein.

"Diese Bilder sind nicht nur der Höhepunkt von Kirchners Schaffen, sie sind auch ein Meilenstein im deutschen Expressionismus", sagt die langjährige MoMA-Kuratorin Deborah Wye, die für die Gestaltung der Ausstellung verantwortlich zeichnet. Die sieben Straßenszenen sind das Herzstück der Schau. Daneben finden sich auf der einen Seite Zeichnungen, Drucke und Skizzenbücher, die den kreativen Prozess auf dem Weg zu den Ölgemälden erfahrbar machen. Auf der anderen Seite ist die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem weiblichen Körper dokumentiert - dichte Studien von Frauen in Alltagssituationen, beim Baden, auf dem Bett, vor dem Spiegel.

"Die (Straßenszenen) sind in einer der einsamsten Zeiten meines Lebens entstanden, in der mich eine quälende Unruhe Tag und Nacht auf die Straßen trieb", bekannte der Künstler später. Erst zwei Jahre zuvor war er von Dresden nach Berlin gezogen. Die von ihm mitgegründete Künstlergruppe "Die Brücke", die gegen die traditionellen Kunstformen rebellierte, zerbrach 1913 nach achtjähriger gemeinsamer Arbeit. Der Neustart fiel ihm schwer, der Erfolg blieb zunächst aus. Nach der Ächtung seiner Kunst in der Nazi-Zeit nahm sich Kirchner 1938 mit 58 Jahren das Leben.

Dass jetzt seine wichtigsten Werke in New York zu sehen sind, haben die Amerikaner eigenen Mäzenen, vor allem aber auch deutschen Museen zu verdanken. Das Kölner Museum Ludwig, die Nationalgalerie in Berlin, die Staatsgalerie Stuttgart, die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und das Von der Heydt-Museum in Wuppertal liehen ihre Straßenszenen aus. Das MoMA konnte das Bild "Straße, Berlin" (1913) aus eigenem Besitz beisteuern. Und die New Yorker Neue Galerie von US-Kunstmäzen Ronald Lauder stellte die berühmte "Berliner Straßenszene" zur Verfügung.

Der Kosmetikerbe hatte das Gemälde im November 2006 in New York für 38 Millionen Dollar (knapp 25 Millionen Euro) ersteigert. Nur wenige Monate zuvor hatte die Stadt Berlin es an die Erben der früheren jüdischen Besitzer zurückgegeben, die es recht schnell zum Verkauf anboten. Gegner der Rückgabe argumentierten, es sei nicht ausreichend geklärt, ob das Bild zur NS-Zeit wirklich zwangsverkauft wurde. Der Förderkreis des Berliner Brücke-Museums, in dem das Bild bis dahin hing, spricht bis heute von einem "Skandal" und verlangt das Meisterwerk zurück. Bis zum 10. November wird es aber nun sicher im MoMA bleiben.

www.moma.org/exhibitions/2008/kirchner/

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