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Erinnerung an Václav Havel Engagiert Euch!

„Versuch, in Wahrheit zu leben“, Václav Havels 1978 geschriebener Essay ist auch heute noch aktuell. Darin ging es ihm nicht nur um die Demaskierung des Sozialismus, sondern auch um die Überwindung des Konformismus der Industrie- und Konsumgesellschaft generell. Eine aktuelle Lektüre.

Havel nach der Wahl zum Präsidenten, 29. Dezember 1989. Foto: imago

„Versuch, in Wahrheit zu leben“, Václav Havels 1978 geschriebener Essay ist auch heute noch aktuell. Darin ging es ihm nicht nur um die Demaskierung des Sozialismus, sondern auch um die Überwindung des Konformismus der Industrie- und Konsumgesellschaft generell. Eine aktuelle Lektüre.

Václav Havels „Versuch, in Wahrheit zu leben“ war keine dieser Erbauungsschriften, deren Umsetzung im Alltagsleben zum Scheitern verurteilt ist. Es war das politische Programm eines aus dem Alltag hervorgehenden Aufstands der Ohnmächtigen gegen ein System der Lüge: „Die Macht der Bürokratie wird ,Macht des Volkes‘ genannt; im Namen der Arbeiterklasse wird die Arbeiterklasse versklavt; die Demütigung des Menschen wird für seine Befreiung ausgegeben; Isolierung von der Information wird als Zugang zur Information ausgegeben; die Manipulation durch die Macht nennt sich ,öffentliche Kontrolle der Macht‘, und die Willkür nennt sich ,Rechtsordnung‘; die Unterdrückung der Kultur wird als ihre Entwicklung gepriesen; die Ausbreitung des imperialen Einflusses wird für die Unterstützung der Unterdrückten ausgegeben; Unfreiheit des Wortes für die höchste Form der Freiheit. Die Macht fälscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.“

Der realexistierende Sozialismus ist untergangen, das System der Lüge nicht. Der 1978 geschriebene Essay liest sich heute weniger als ein Denkmal der Dissidenz, die gut zehn Jahre später erfolgreich war und Havel ins Präsidentenamt beförderte, sondern – wie der Autor in einem Gedankenblitz vorhersah – als „eine Art Memento für den Westen, indem wir ihm seine latenten Richtungstendenzen enthüllen“. Es ging Havel also nicht allein um die bereits in seinem dramatischen Werk angelegte Demaskierung der realsozialistischen Tragikomödie, sondern um die Überwindung des Konformismus der Industrie- und Konsumgesellschaft generell.

Gegen das Leben in der Lüge

Dass West und Ost trotz ihres ideologischen und politisch-militärischen Antagonismus konvergierten, war in den 1970er-Jahren eine verbreitete Hypothese. Die Unterschiede zwischen der Dissidenz dort und dem Protest hier sollen allerdings nicht verwischt werden – die Risiken, die ein Václav Havel einging, waren weit höher als die eines Rudi Dutschke oder Daniel Cohn-Bendit. Doch wirkt zum Beispiel die vermeintlich unpolitische Auflehnung der mit Havel eng verbundenen Rockband The Plastic People of the Universe gegen das „Leben in Lüge“ immer noch erstaunlich aktuell – und zwar im Bezug auf die Blogger in Teheran, Tunis und Kairo und die globale Occupy-Bewegung. Auch sie sind erst einmal „unbekannte junge Leute, die nichts anderes wollten, als in der Wahrheit zu leben: die Musik zu spielen, die sie mochten, darüber singen, womit sie wirklich leben, sie wollten frei, würdig und brüderlich leben.“

Václav Havels Leitfigur war der Gemüsehändler, der das Spruchband „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“ in sein Schaufenster hängt, obwohl er daran nicht im Mindesten glaubt, während Partei und Staat ebenso wenig davon ausgehen, dass er es täte. Der Gemüsehändler durchschaute die Lüge – der Parteichef auch –, aber er akzeptierte das halbwegs kommode Leben mit ihr und wurde damit Opfer und Bestandteil des Systems. Bei uns kann man den Gemüsehändler durch den Familienvater aus der Fernseh-Werbung ersetzen, der seine Freiheit darin verwirklicht sehen soll, bei seiner Bank einen halben Prozent mehr Festzinsrate als sein Freund herausgeholt zu haben. Oder durch den Jubel der spanischen Dorfbewohner, als sie den Zuschlag für den Standort der Atommüll-Entsorgung bekommen, die Arbeitsplätze bringen soll.

Können die schüchternen Ansätze, die wirtschaftliche Übermacht und politische Alternativlosigkeit in Frage zu stellen, heute eine ähnliche Implosion auslösen wie die samtene Revolution zwischen 1977 und 1990, der es immerhin gelungen ist, ein bis an die Zähne bewaffnetes, unüberwindbar scheinendes Regime mit dem kindlichen Ausruf „Der Kaiser ist nackt!“ auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern? Václav Havel hat den Wendepunkt beschrieben: „Die Leute hatten es allmählich satt, fruchtlos abzuwarten und sich, in der Hoffnung, dass sich die Verhältnisse vielleicht doch noch bessern, in passivem Überleben zu üben. (...) Viele Gruppen und Strömungen, die bisher isoliert oder zurückhaltend waren oder sich so unterschiedlich engagierten, dass sie schwer zusammenarbeiten konnten, haben plötzlich stark und gemeinsam empfunden, dass die Freiheit unteilbar ist.“

Bedürfnis nach Brüderlichkeit

In diesem vermeintlich „vorpolitischen Raum“ entstand eine Art „Parallel-Polis“ (Václav Benda), eine zweite Kultur, die seinerzeit Samisdat-Kopien und heute Blogs und Facebook-Aufrufe zirkulieren lässt. Genau wie dem Dissidenten-Fähnlein der „Charta 77“ hält man heute der Occupy-Bewegung oder den Piraten das Killerargument der Unterkomplexität entgegen und allen, die sich von unten um die Erneuerung der Demokratie bemühen, den Vorwurf politischer Naivität. Als „unsäglich albern“ hat Joachim Gauck, immerhin einst der Kandidat der deutschen Bürgergesellschaft für das Amt des Bundespräsidenten, den antikapitalistischen Protest jüngst abgefertigt.

Dabei entwickelt sich heute wieder eine moralische Gemeinschaft und das lebendige Bedürfnis nach Brüderlichkeit. Havel erblickte darin die Keime einer neuen Demokratie, die sich, so hoffte er, auch im Westen von den bequemen Fesseln des Konsumismus befreien würde. Als dreifacher Präsident seines Landes musste er mit ansehen, wie Konsumdenken und Marktgläubigkeit dann auch im Osten das Kommando übernahmen. Dennoch bleibt Václav Havels Frage von 1978 aktuell, „ob die ,bessere Zukunft‘ wirklich und immer nur die Angelegenheit irgendeines fernen ,dort‘ ist. Vielleicht ist sie schon längst hier – und nur unsere Blindheit hindert uns daran, sie um uns und in uns zu sehen und zu gestalten.“

Vaclav Havels Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ ist im Rowohlt Verlag erschienen und antiquarisch erhältlich (Reinbek 1978/2000, 96 Seiten).

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