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Erik Olin Wright „Der Kommunismus ist machbar“

Mitten im Kapitalismus sieht der amerikanische Soziologe Erik Olin Wright Chancen für reale Utopien. Ein Gespräch über das Soziale im Sozialismus und das bedingungslose Grundeinkommen.

Mondragon
Arbeiter der baskischen Mondragón-Genossenschaft gingen im Oktober 2013 auf die Straße. Mit dem Banner demonstrierten sie gegen „Vernichtung ihrer Arbeitsplätze“. Foto: rtr

Herr Wright, Ihr Buch heißt „Reale Utopien“. Reale Utopien sind Projekte, die im Kapitalismus über den Kapitalismus hinausweisen. Zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen oder Wikipedia.
Das bedingungslose Grundeinkommen wird eines der zentralen Probleme der jüngsten technologischen Revolution lösen: die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Wikipedia ist ein wunderbares Beispiel dafür, was Kooperation leisten kann. Ohne Chefs, ohne Profit. Der Kommunismus ist machbar.

Mitten im Kapitalismus.
Der Kapitalismus besteht nicht nur aus Kapitalismus. Er könnte zum Beispiel ohne Familien nicht bestehen. Die sind aber gerade nicht kapitalistisch organisiert. Es gibt überall im Kapitalismus die Möglichkeit, kleine Gegenwelten aufzubauen.

Eine anarchistische Vision.
Das reicht natürlich nicht. Es geht im Kern immer um zwei Dinge: um Demokratie und die Erweiterung der Freiheit des Einzelnen. Der Kampf um Demokratie, darum, dass Menschen mitbestimmen über alles, was sie betrifft, muss, um erfolgreich sein zu können, auf allen Ebenen – gewissermaßen vom Gemeinderat bis zur Uno – geführt werden. Aktivitäten, die sich aus dem allgemeinen Kampf um mehr Demokratie heraushalten, bringen nichts.

Als ich Ihr Buch zu lesen begann, dachte ich, Sie sehen das bedingungslose Grundeinkommen, Wikipedia und die anderen realen Utopien, zum Beispiel die Mondragón Genossenschaften im Baskenland, als Keimzellen einer neuen Gesellschaft, später wurde mir klar, Sie sehen sie eher als Schlachtfelder.
Das ist richtig. Es gibt nichts, das einfach nur entwickelt zu werden braucht und schon sind wir im Sozialismus. Die grundsätzliche Auseinandersetzung wird immer wieder an jedem Punkt neu geführt werden, bei jeder Frage. Auf jedem Niveau. Wer soll das bedingungslose Grundeinkommen bekommen? Ab wann? Wie viel? Um jedes Detail wird man streiten. Immer muss man darauf achten, dass die Möglichkeiten der Entfaltung des Einzelnen und die Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung gestärkt werden. Es gibt keine Sicherheit. Nichts, das erreicht wird, ist definitiv. Es wird Rückschläge geben.

Sie waren sehr aktiv im Civil Rights Movement der 60er und 70er Jahre. Hat die Lage sich seitdem verbessert?
Ja und Nein. Sie lachen. Aber so ist es. Das Internet hat Informations- und Organisationsmöglichkeiten bereitgestellt, von denen wir damals nicht einmal träumten. Gewaltige Revolutionen haben unsere Welt radikal verändert. Das ist das eine. Andererseits aber sehe ich die Werte, um die es mir geht, heute stärker bedroht als damals.

Welche Werte?
Gleichheit und Fairness, Demokratie und Freiheit, Gemeinsamkeit und Solidarität. Damit sieht es heute schlechter aus als damals. Es gibt von allem sehr viel in den USA, aber sie spielen doch eine geringere Rolle als früher. In der Gesellschaft wird heute vor allem Egoismus gepredigt.

Was haben diese Werte mit ihrem Ziel, dem Sozialismus zu tun?
Viele Freunde haben mir abgeraten, von Sozialismus zu sprechen. Da ich ja mit dem Etatismus, mit der sogenannten Diktatur des Proletariats, wirklich nichts im Sinn habe. Es geht mir, das schreibe ich ja auch im Buch, darum, das Soziale im Sozialismus und in seinem Begriff sichtbar zu machen. Natürlich stecke ich bis über beide Ohren in der sozialistischen Tradition. Aber die ist eben nicht nur leninistisch. Daran möchte ich auch ein wenig erinnern. Man gäbe dem Leninismus recht, wenn man den Sozialismus mit ihm identifizierte.

Was ist Ihr familiärer Hintergrund?
Vor zwei Jahren beantwortete ich diese Frage tatsächlich noch so: eine typische amerikanische Mischung, von der Mutter her russische Juden, vom Vater her nordeuropäische Immigranten, aufgewachsen in einer unitarischen Gemeinde, in der wir im Kindergottesdienst über die Weltreligionen aufgeklärt wurden. Das Christentum war eine davon.

Und vor zwei Jahren?

Ein Cousin betrieb ein wenig Familienforschung, und es stellte sich heraus, dass mein Vater erst im Jahre 1937 sich in Wright umbenannte. Davor hatte er Weizmann geheißen. Uns und allen anderen hatte er immer erzählt, er habe keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Er habe sich von den jüdischen Eltern seiner Frau gewissermaßen adoptieren lassen. Die waren schon vor dem Ersten Weltkrieg in die USA gekommen und waren von 1917 bis zum Tod Bolschewiken geblieben. Ich war als Kind oft bei ihnen. Ich mochte sie sehr. Cousins von mir waren in den sechziger und siebziger Jahren in allen möglichen linken Organisationen.

Sie waren nie bei Ihren Großeltern väterlicherseits?
Nie. Mein Vater erzählte, sie seien sehr konservative Protestanten. Die Familie seiner Mutter wäre schon vor 1776 in die Staaten gekommen, die seines Vaters erst eine Generation zuvor aus Nordeuropa. Er habe, so erzählte er, die elterliche Farm mit sechzehn verlassen. Er studierte später bei dem aus Deutschland emigrierten Sozialpsychologen Kurt Lewin an der Universität von Iowa und lernte dort meine Mutter kennen. „Ich habe mit meiner Familie nichts zu tun. Wir haben nichts gemeinsam“, erklärte mein Vater.

Ihr Vater verleugnete 1937 in den USA sein Judentum.
Und das sein ganzes Leben lang. Seine Frau, meine Mutter, eine geborene Posener  – sie ist jetzt 99 Jahre alt – wusste nichts davon. So wie wir dachten, seine Familie – Juden, die 1905 aus Polen und Deutschland in die USA gekommen waren – seien antisemitische Protestanten, so hat er dasselbe seine Familie von der Familie seiner Frau annehmen lassen. Das erfuhr ich inzwischen von meinem Cousin. Mein Vater wuchs auch nicht auf einer Farm auf, sondern in New York, an der Lower East Side. Der Namenswechsel ist ein ganz normaler Vorgang, aber niemandem davon zu erzählen, einen abrupten Identitätswechsel zu vollziehen, das ist sehr, sehr außergewöhnlich. Er war übrigens ein sehr charmanter Mann.

Der offenbar sehr gut erzählen konnte.
Er war wohl seit seinem Studium in Iowa zu einem Nicht-Juden geworden. In keiner der Unterlagen seit damals kommt ein Hinweis auf sein Judentum vor. Und kein Hinweis auf seine erste Ehe mit einer Nichtjüdin, die übrigens wie meine Mutter Beatrice hieß.

Er ist Jude gewesen, als er die heiratete?
Ja. Aber ein paar Jahre später änderte er alles und hielt diese Version bis zu seinem Tode im Jahre 1981 aufrecht, Ich bin also, um auf Ihre Frage zu antworten, keineswegs eine breite Mischung, sondern nur die Verbindung von Juden aus Russland, Polen und Deutschland. Keine Spur von weißen, angelsächsischen Protestanten in meinen Genen. Meine Schwester hat sich genetisch untersuchen lassen: 97 Prozent aschkenasische Juden und 2,4 Neandertaler.

Kann man „reale Utopien“ auf solchen Lügen aufbauen?
Man muss. Erst das macht sie real. Dass wir einander belügen, dass wir uns für etwas anderes ausgeben als wir sind, das kommt dauernd vor. Darum sind ja Transparenz und demokratische Kontrolle so wichtig. „Reale Utopien“ sind keine Ideen, die sich jemand ausgedacht hat, sondern sind Institutionen, Firmen, Bürgerinitiativen, Organisationen, die von wirklichen Menschen gemacht werden, also genau aus jenem „krummen Holz“, aus dem niemals etwas ganz Gerades gezimmert werden kann. Aber wir können immer weiter arbeiten an der Verbesserung der Verhältnisse, in denen wir leben.

Interview: Arno Widmann

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