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Erdbeben in Italien Goldgrube für die Mafia

Nach der Gefahr durch das Beben, droht nun die durch den Wiederaufbau: L'Aquila war bisher eine starke, von der Camorra unabhängige Stadt. Hilfsgelder könnten sie jetzt magisch anziehen. Von Roberto Saviano

17.04.2009 00:04
ROBERTO SAVIANO
Eine Stadt wurde entblößt: Wohnungen in L’Aquila.: Foto: afp

Wir werden es nicht zulassen, dass spekuliert wird. Schreib das so! Sag laut, dass sie gar nicht daran zu denken brauchen, uns mit Zement zuzuschütten! Hier entscheiden wir, wie wir unser Land wieder aufbauen...". Diese Worte sagt mir ein Mann auf dem Rugby-Platz. Direkt ins Gesicht. Er kommt mir so nahe, dass sich unsere Nasen fast berühren und ich seinen Atem spüre. Er umarmt mich kräftig, dankt mir dafür, dass ich gekommen bin. Aber seine Angst ist mit dem Erdbeben nicht vorbei.

Der Fluch des Erdbebens zeigt sich nicht nur in jener Minute, in der die Erde bebt, sondern auch in dem, was danach geschieht. Ganze Stadtviertel müssen abgerissen, Ortschaften wieder bewohnbar gemacht und Hotels neu errichtet werden. Das Geld, das eintrifft, hilft, die Wunden zu heilen, aber es droht auch, die Seelen zu vergiften. Die Bewohner der Abruzzen befürchten, dass sich beim Wiederaufbau die Hilfe zu einer grenzenlosen Spekulation auswächst.

Hier in den Abruzzen ist mir die Geschichte eines berühmten Abruzzesen wieder in den Sinn gekommen: Benedetto Croce. Er ist hier in Pescasseroli geboren. Seine Familie wurde bei einem Erdbeben zerstört. "Wir waren zu Tisch beim Abendbrot, ich, meine Mutter und meine Schwester, als der Vater sich gerade dazusetzen wollte. Plötzlich sah ich ihn, wie er, als ob er schwerelos geworden wäre, wankte, und dann versank er im Fußboden, der sich seltsamerweise geöffnet hatte. Meine Schwester schoss wie ein Pfeil hoch in Richtung Decke. Geschockt schaute ich mich nach meiner Mutter um. Ich holte sie auf dem Balkon ein, wo wir beide hinabstürzten. Ich verlor das Bewusstsein." Benedetto Croce stand bis zum Hals im Schutt. Noch Stunden lang sprach der Vater mit ihm. Dann verschied er. Man erzählt, der Vater habe ihm immer wieder denselben Rat gegeben: "Biet dem, der dir hilft, hunderttausend Lire an."

Die Abruzzesen wurden mit einem pausenlosen Einsatz gerettet, der jedem Gemeinplatz über den angeblich faulen Charakter der Italiener und über ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden Hohn spricht. Aber der Preis, den diese Region zu bezahlen haben wird, könnte sehr hoch sein, er könnte die hunderttausend Lire, die der arme Vater von Benedetto Croce genannt hat, bei weitem übersteigen. Der Schrecken von Irpinia (Kampanien), wo vor bald 30 Jahren die Erde bebte, die Geldverschwendung dort, die Korruption, das Monopol der Politiker und Verbrecher beim Wiederaufbau geben Anlass zu Angst. Man weiß ja, was Zement bedeutet und was die Gelder bewirken, die ja nicht für die Entwicklung, sondern als Nothilfe eintreffen.

Was für die Bevölkerung eine Tragödie ist, wird für manch einen eine günstige Gelegenheit, eine unerschöpfliche Fundgrube, ein Paradies, das Profit abwirft. Konstrukteure, Landvermesser, Ingenieure und Architekten sind dabei, in die Abruzzen einzufallen. Als scheinbar harmloses Hilfsmittel, das am Anfang der Invasion von Zement steht, dienen ihnen die Formulare zur Feststellung der Schäden an den Häusern. Sie werden in diesen Tagen an die Bauämter aller Provinzhauptstädte der Abruzzen verteilt. Hunderte von Formularen für Tausende von Inspektionen. Wer dieses Blatt in den Händen hat, kann sich sicher sein, hochbezahlte Aufträge zu erhalten.

"Je höher der Schaden veranschlagt wird, desto mehr verdienst du", sagt mir Antonello Caporale. Ich bin mit ihm in die Abruzzen gekommen. Er ist Journalist und hat das Erdbeben von Irpinia erlebt. Die Wut des Erdbebenopfers wird man nicht so leicht los. Um zu verstehen, welche Gefahr den Abruzzen droht, muss man just von jenem Erdbeben vor 29 Jahren ausgehen, von einem Dorf in der Nähe von Eboli. "In Auletta", sagt der Vizebürgermeister Carmine Cocozza, "sind wir noch immer dabei, die Rechnungen im Zusammenhang mit dem Erdbeben zu begleichen. Ein Viertel der staatlichen Hilfe geht als Honorar an Techniker." In Auletta hat die Regierung noch in diesem Jahr Gelder für die Fertigstellung von Arbeiten verteilt, die das Erdbeben erfordert hat. "Meine Gemeinde hat zweieinhalb Millionen Euro erhalten. Mit dem Geld sollen die letzten Häuser gebaut und das finanziert werden, was als letztes noch getan werden muss." Es ist schwer, sich vorzustellen, dass noch nach 29 Jahren Gelder für den Wiederaufbau fließen. Aber es geht um die 25 Prozent, die den Technikern zustehen. Es sind nach den Tarifen der Berufsvereinigungen berechnete Beträge, alles korrekt und nach Gesetz abgerechnet. Projektionskosten, Kosten für die Bauaufsicht, Kosten für die Abnahme durch die vom Amt bestellten Prüfer. Die Beträge steigen und steigen. Die Kontrollen sind zahllos. Der Techniker stellt fest und stempelt ab. Die Gemeinde begleicht die Rechnung.

Die Gefahr beim Wiederaufbau liegt genau hier. Das Gutachten gibt den Schaden zu hoch an, und es fließen mehr Gelder. Wer einen Auftrag erhält, splittet ihn auf und verkauft Teile davon weiter. So kommt ein Kreislauf von Zement, Erdbewegung, Bagger zustande. Die Baumaßnahmen ziehen die Avantgarde beim Geschäft um Aufträge an: die Clans. Die Familien der Camorra, der Mafia und der 'Ndrangheta sind schon immer hier gewesen. Und nicht nur, weil in den Gefängnissen der Abruzzen die Crème de la crème der Camorra-Unternehmer einsitzt. Es besteht die Gefahr, dass es in Zeiten der Krise den Organisationen gelingt, die großen Geschäfte Italiens nun unter sich aufzuteilen. Zum Beispiel die Mailänder Expo für die 'Ndrangheta und die Aufträge beim Wiederaufbau der Abruzzen über zwischengeschaltete Firmen für die Camorra.

Es muss jetzt eine Kommission gebildet werden, die in der Lage ist, den Wiederaufbau zu kontrollieren. Die Präsidentin der Provinz Aquila, Stefania Pezzopane, und der Bürgermeister der Stadt, Massimo Cialente, haben es klar gesagt: "Wir wollen kontrolliert werden, wir wollen Kontrollkommissionen…" Die Gefahr, dass kriminelle Elemente einsickern, ist groß. Seit Jahren bauen und investieren die Clans. Und eine bizarre Fügung des Schicksals wollte es, dass just das Gebäude, in dem der größte Teil der Bosse eingeschlossen sind, die im Zementsektor investieren, das Gefängnis von Aquila nämlich (mit etwa 80 Häftlingen, die wegen "Mitgliedschaft in kriminellen Organisationen mit Mafia-Charakter" verurteilt sind), das Erdbeben am besten überstanden hat.

Die Daten zeigen, dass die Camorra in den Abruzzen im Lauf der Jahre ihre Macht enorm ausgebaut hat. Im Jahr 2006 ermittelte man, dass in den Abruzzen, in einem Hinterzimmer von Villa Rosa di Martinsicuro, der Beschluss gefasst wurde, dem Mafiaboss Salvatore Vitale eine Falle zu stellen. Am 10. September des vergangenen Jahres hatte der Drogenboss Diego León Montoya Sánchez, den der FBI auf seine Liste der zehn meistgesuchten Personen gesetzt hatte, in den Abruzzen einen Stützpunkt unterhielt. Nicola Del Villano, der Kassenwart einer Clique krimineller Unternehmer aus dem Clan der Zagaria-Familie von Casapesenna, konnte sich seiner Verhaftung mehrmals entziehen, weil er ein Refugium im Nationalpark der Abruzzen hatte, wo er frei ein- und ausging. Gianluca Bidognetti (der 2008 verhaftete Sohn eines Camorra-Bosses, A.d.R.) befand sich hier in den Abruzzen, als sich seine Mutter entschied, mit der Justiz zusammenzuarbeiten.

Die Clans haben beschlossen, die Abruzzen zu einem Verkehrsknoten für den Handel mit Abfällen zu machen, weil weite Gebiete der Gegend dünn besiedelt sind und es zahlreiche aufgegebene und verlassene Steinbrüche und Müllhalden gibt. Eine Studie der Carabinieri ergab, dass Ende der 90er Jahre rund 60 000 Tonnen städtischer Abfälle aus der Lombardei in den Abruzzen auf Brachen und in aufgegebenen Müllhalden abgeladen wurde. Dahinter stecken offensichtlich Camorra-Clans.

Die Stadt Aquila ist bis heute noch nicht stark infiltriert worden. Es mangelte an Möglichkeiten, große Geschäfte zu tätigen. Aber jetzt öffnet sich den Unternehmen eine Goldgrube. Bislang noch dämmt die Solidarität jede Gefahr ein. Auf dem Rugby-Platz zeigt man mir die Pakete, die von Rugby-Mannschaften aus ganz Italien angekommen sind, und die Betten, die Rugby-Spieler und freiwillige Helfer aufgestellt haben. Hier ist Rugby der Hauptsport, ja sogar ein heiliger Sport. Und kaum bin ich in der Zeltstadt der Erdbebenopfer angekommen, fliegt tatsächlich ein eiförmiger Ball über meinen Kopf hinweg. Die Jungs spielen in den Gassen zwischen den Zelten. Vor allem von Rugby-Vereinen ist in diesem Lager viel Hilfe angekommen. Der Widerstand dieser Personen ist der Mörtel, der Freiwillige und Stadtbewohner zusammenkittet. Und erst wenn dir nur noch das Leben bleibt und nichts anderes, verstehst du die Freude an jedem Atemzug. Das ist es, was mir die Überlebenden zu erzählen versuchen. Die Stille von Aquila ist erschreckend. Zur Mittagsstunde liegt die evakuierte Stadt reglos da. Eine solche Stadt sieht man sonst nirgends. Einsturzgefährdet, staubbedeckt. Aquila ist zu dieser Stunde einsam. Fast in allen Häusern ist zumindest teilweise der erste Stock eingestürzt.

Ich hatte eine ganz andere Vorstellung von diesem Erdbeben. Ich glaubte, nur das historische Zentrum oder die ältesten Stadtteile seien getroffen worden. Doch es ist anders. Alles ist von der Erschütterung gezeichnet. Ich musste hierher kommen. Und die Leute erinnern mich sofort daran, weshalb. "Ah, du hast dich daran erinnert, dass du ein Aquilaner bist....", sagen sie mir. Aquila gehörte vor einigen Jahren zu den ersten Städten, die mir die Ehrenbürgerschaft angeboten haben. Und die Leute hier erinnern sich daran, und sie erinnern mich daran und an meine Pflicht: Überwachen, was passiert, und es berichten. Gedächtnis sein, daran erinnern. Ich halte vor dem Studentenheim. Bei diesem Erdbeben sind junge und alte Leute gestorben. Die einen lagen im Bett, als die Decke auf sie einstürzte oder als sie selbst ins Leere fielen, andere versuchten, sich über die Treppen zu retten, die am wenigsten stabilen Teile in einem Gebäude.

Die Feuerwehrleute lassen mich nach Onna rein. Ich habe Glück. Man erkennt mich. Man umarmt mich. Die Leute sind verdreckt, voll Staub und vor allem voll Schlamm. Sie mögen es nicht, dass die Journalisten überall herumschnüffeln. "Dann muss ich sie wieder herausholen, weil vielleicht ein Dach eingestürzt ist oder sie irgendwo eingeklemmt sind", sagt mir Gianluca, ein Ingenieur aus Rom, und macht mir ein Geschenk, das jedes Kind entzückt hätte: einen roten Feuerwehrhelm. Onna gibt es nicht mehr. Der Begriff Trümmer ist abgenutzt. Es ist, als ob er nichts mehr bedeuten würde. Ich notiere mir die Gegenstände, die ich sehe. Ein Waschbecken, das am Boden liegt, ein fotokopiertes Buch, ein Kinderwagen, aber vor allem Leuchter und Lüster, überall. Es ist genau das, was man sonst nie außerhalb des Hauses antrifft. Hier aber siehst du überall Kronleuchter. Es sind die zerbrechlichsten Gegenstände und die beim Erdbeben zuerst, oft vergeblich, Alarm geschlagen haben. Man bringt mich zu einem Haus, in dem ein Mädchen gestorben ist. Die Feuerwehrleute wissen über alles Bescheid. "Dieses Haus, siehst du, war schön, es schien solide, aber es wurde auf alten Fundamenten gebaut." Kontrollen gab es kaum...

Die Feuerwehrleute berichten mir von der extremen Würde der Menschen: "Niemand verlangt etwas von uns. Es ist, als ob es ihnen genüge, am Leben geblieben zu sein. Ein alter Mann sagte mir: ‚Kannst du mir bitte die Fenster schließen, damit der Staub nicht eindringt...'. Ich bin hingegangen und habe die Fenster geschlossen. Aber das Haus hat kein Dach, und es fehlen zwei Außenwände. Hier haben einige noch gar nicht begriffen, was passiert ist."

Franco Arminio, einer der wichtigsten Poeten dieses Landes, der am besten je über ein Erdbeben erzählt hat und darüber, was es angerichtet hat, schreibt in einem Gedicht: "Fünfundzwanzig Jahre nach dem Erdbeben ist von den Toten wenig übriggeblieben, und von den Lebenden noch weniger." Noch ist es Zeit, zu verhindern, dass es in den Abruzzen so endet. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Spekulation obsiegt, wie es in der Vergangenheit immer geschehen ist. Das ist die einzige wirkliche, konkrete Hommage an die Opfer dieses Erdbebens, getötet nicht von der Erde, sondern vom Zement.

Übersetzung: Thomas Schmid

© 2009 by Roberto Saviano - Published by arrangement with Roberto Santachiara Literary Agency

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