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Erasmus Ohnmacht des Humanismus

Aus der Frühgeschichte der Aufklärung: In diesen Tagen vor 500 Jahren klagt Erasmus von Rotterdam vehement den Krieg an.

Erasmus von Rotterdam
Hans Holbein d. J. malte Erasmus von Rotterdam (1466–1536) mehrfach, hier 1523. Foto: epd/akg-images

Im Frühjahr 1517 konnte man glauben, dass die politischen Eliten Europas ein Einsehen haben: „Von nun widmet Euch in gemeinsamen Konzilen dem Studium des Friedens.“ War der Gedanke, weil er als Klage ziemlich pathetisch formuliert war, falsch?

Einlenken, so der fromme Wunsch, sollten kirchliche Würdenträger, sollten weltliche Funktionsträger, sie sollten sich einlassen auf einen Friedenskongress, angefangen mit dem Papst. Doch von dem musste sich der Antikriegsschriftsteller sagen lassen: „Du begreifst diese Dinge nicht.“ Damit war der Krieg gemeint, der dem Pontifex ein realpolitisches Anliegen war. War der Krieg deswegen richtig?

Der Pazifist Erasmus von Rotterdam, ebendort 1469 geboren, hatte so wenig Erfolg wie der Europäer, der Zeitgenosse hatte, als er 1536 starb, seine Ziele verfehlt. Gehör fand der Humanist, dennoch haben viele Biografen ein Misslingen auf breiter Linie bescheinigt. Kein spektakulärer Durchbruch in weltbewegender Sache, und darum ging es ja, um nichts weniger. Das Urteil Johan Huizingas ist harsch: „Er stand zu sehr außerhalb der praktischen Realitäten und dachte zu naiv über die Besserungsfähigkeit des Menschen.“ Waren die Anstrengungen, die vergeblich waren, deshalb umsonst? „Gewiss nicht“, so einer weiterer Biograf, Léon E. Halkin, „er ist gescheitert, weil er mit seinen richtigen Gedanken zu früh kam.“ Aufklärer, der er vor der Zeit war, kam er bei seinen Zeitgenossen nicht an, beim Papst so wenig wie bei Luther.

Dennoch, 1517 kann man mit Erasmus der Meinung sein, dass das „allerverbrecherischste Jahrhundert“ angebrochen sei, „das unglückseligste und verdorbenste, das man sich denken kann“. Dieser Frevel ist der Grund, einen Auftrag anzunehmen, obwohl sich Erasmus damit schwertut. Er lehnt Berufungen in Ämter und an Universitäten höflich ab, aber er versagt sich nicht der Lobpreisung gekrönter Häupter. Er reimt dann auch. Er ist ein freier Schriftsteller, und Erasmus ist einer, der auf Gönner spekuliert.

Bei der Friedensschrift handelt es sich um eine Auftragsarbeit, mit der er dem Wunsch des Hauses Burgund, seines Kanzlers Jean le Sauvage, nachkommt, der daran interessiert ist, für eine Einigung der Niederländer mit den Franzosen am Hofe Burgunds zu werben. Die Friedensschrift soll einer unmittelbar politischen Mission dienen, zugleich soll mit dem gewünschten Traktat auf einen Friedenskongress hingearbeitet werden zur Neuordnung Europas.

1517 erscheint das Auftragswerk in Basel, der Verleger ist der einflussreiche Froben. Unübersehbar, dass die deklamatorische Anklage vor allem den Papst im Visier hat: „Wie passt die Mitra zum Helm?“ Während die Friedensschrift das Prestige des Autors in der internationalen Humanismusszene noch mehr steigert, wird der Gedanke an den Friedenskongress fallengelassen. Der Gedanke gerät rasch in Vergessenheit.

Unvergessen, dass der Achtjährige mitansehen musste, wie Menschen auf dem Rad zu Tode gefoltert wurden. 1488 war Erasmus’ Geburtsstadt Rotterdam geplündert worden. Während seiner Italienjahre hatte er den martialischen Einzug des triumphierenden Papstes als Augenzeuge erlebt. Die Gräuel waren ihm gegenwärtig, ein in jeder Hinsicht makelloser Makler ist auch er nicht, wenn er, ein Motiv bis heute,  gegen die Juden übel ausfällig wird. Es bleibt nicht bei dieser einzigen Stelle, mit der sich das Ressentiment gegen die Juden belegen lässt.

Die Inkarnation des internationalen Humanismus ist parteiisch, wenn sie die Göttin Pax als Verkörperung des Friedens sprechen lässt, dabei das wegen seiner Expansionspolitik berüchtigte Frankreich, wo ja doch auch „Besitzgier“ oder auch nur „läppische Motive“ zum Krieg aufstacheln, als „weitaus blühendstes“ Reich darstellt. Richtig oder falsch? Belege sind dem Frühaufklärer eine großartige Verwaltung, großartige Universitäten (obwohl er an der Pariser gelitten hat wie ein Hund) sowie die Freiheit der Religion. So sehr hinter der Schrift die Absicht steht, die gewiss nicht friedliche habsburgische Politik auch zu legitimieren, schont er nicht die nationalen Egoismen in einem chronisch kriegerischen Europa.

Es ist nicht die erste Friedensschrift ihrer Art, nicht die erste pazifische, die der Humanist selbst verfasst, nicht die erste in der Geschichte. „Angenehm erscheint der Krieg nur den Unerfahrenen“, dieses Zitat aus seiner 1515 veröffentlichten Sprichwörtersammlung verweist auf eine Tradition des Pazifismus schon im Altertum. Es ist eine Überlieferung, die im Mittelalter durch die berühmte Unterscheidung zwischen „gerechtem“ und „ungerechtem Krieg“ durch Thomas von Aquin fortgeführt wurde. Pazifismus schnitt allerdings im Mittelalter miserabel ab, er galt als Feigheit und wurde nicht selten als Ketzerei verfolgt und bestraft.

Es gab den übermächtigen Dante, der für die Vision einer universalen Monarchie der Christenheit einen transzendentalen Freiheitsbegriff formuliert hatte, es gab Sekten, die einem schwärmerischen Pazifismus anhingen – Erasmus alles bekannt.  Er geht dabei nicht als blinder Pazifist, sondern als Zeitgenosse vor – und damit greift er über das Jahr 1517 aus. Das betrifft seine Auseinandersetzung mit Martin Luther in den darauffolgenden Jahren. Das reicht über die Schwelle der Frühen Neuzeit hinaus.

Von Luther wird in den 1520er Jahren der beharrlich behauptete Wille zum Guten strikt dementiert. Ein solcher Optimismus widerspräche dem tragischen Geist des Reformators. Es gibt diesen Willen nicht, weil ja kein freier Wille existiert, keine menschliche Selbstbestimmung in Anbetracht göttlicher Vorherbestimmung. Alles „Rennen und Laufen erweist sich als unnütz“ vor Gott, lautet ein Lutherwort, das zum Dogma wird. Wenn es der Allmächtige für richtig hält, so verhängt er den Krieg.      

Luther war mit dem Freiheitsbegriff seiner Zeit über Kreuz (weil er mit dem freien Willen auf Kriegsfuß stand). Schon 1517 hätte Erasmus Luther suspekt erscheinen müssen – wenn denn das Mönchlein den Fürst der Humanisten schon zu diesem Zeitpunkt wahrgenommen hätte. Als der Glaubensfanatiker Luther den Freigeist Erasmus entdeckt, prallen Gegensätze aufeinander. Besserwisserwut versus weitsichtige Skepsis. Auch dieser Widerspruch macht Luther umso maßloser.

Viele, die seinem Glauben nicht rückhaltlos anhängen, erklärt Luther zu Verrätern an der ganz großen Glaubenssache. Richtig oder falsch? Es ist bei Luther ganz so wie bei der alten Kirche, die ihre Interpretation der Schrift zum Christentum selbst erklärt. Aufklärung wäre etwas anderes. Ebenso wenig ist es nicht falsch, Erasmus als Antipoden des frühmodernen Fundamentalismus zu würdigen.

Luther verhöhnt, um auf Erasmus’ Pazifismusprogramm zurückzukommen, dessen Friedensliebe. Der wiederum weiß, warum er in dem Eiferer, und Luther macht sich schriftlich und von der Kanzel herab einen Namen als Exponent extremer Intoleranz, „barbarische“ Züge ausmacht. Man könnte darin eine Reminiszenz ausmachen, erst recht im Jahr des Reformationsjubiläums, auch wenn nicht von der Hand zu weisen ist, dass Erasmus angesichts der politischen Konstellationen und Verwicklungen, und die Machtverhältnisse waren wahrhaftig extrem verwickelt, ein hoffnungsloser Idealist war. „Du verstehst die Dinge nicht.“

Erasmus-Biografen, darunter der große Johan Huizinga, Autor der bahnbrechenden Darstellung über den „Herbst des Mittelalters“, haben den Intellektuellen Erasmus einen vollkommen unpolitischen Kopf genannt. Man hat sich in der Erasmus-Literatur dem Vorwurf angeschlossen. Nicht klaglos dessen Scheitern, aber krachend.

Eine Politik, die sich etwas auf ihren Pragmatismus sowie die Einsicht in die normative Kraft unfriedlicher Fakten einbildet, ist mit einem solchen vermeintlichen Realismus rasch bei der Hand – einem Realismus, den Erasmus barbarisch genannt hätte. Ging es ihm doch nicht nur um einen moralisch grundierten Wirklichkeitssinn, sondern um die normative Kraft der Würde, um die Selbstbehauptung des Menschen, einen tugendorientierten Imperativ: „Was ist denn der Mensch noch wert, wenn Gott so in ihm wirkt wie der Töpfer am Lehm wirkt und wie er auch an einem Stein hätte wirken können.“

Hat die „Neigung, den menschlichen Willen überhaupt für unfrei zu erklären“, fragt Ernst Bloch in seinem fiebrigen Thomas-Müntzer-Buch, den Menschen letztendlich der Verantwortung enthoben? Mit dem Fatalismus griff eine ungeheuer fatale Entwicklung um sich. Erasmus dagegen sah durch die Verantwortungslosigkeit schlechthin, den Krieg, die Würde des Menschen angegriffen. Angetastet wurde sie auch durch die Lutherlehre, die den Menschen zur Knetmasse in den Händen eines großen Töpfers, des vorherbestimmenden Schöpfers erklärte. Luther theologisierte die gesellschaftlichen Zerwürfnisse. Die Kritik des gläubigen Christen Erasmus war Gesellschaftskritik – seine Klage des Friedens nahm den Menschen als Vasallen Gottes als Zeitgenossen in die Pflicht.

Auch 1517 entwickelt sich nicht zu einem guten Jahr, angefangen damit, dass die Friedenskonferenz in diesen Tagen vor 500 Jahren nicht zustande kommt. Es bleibt bei der List der Unfriedfertigen, was bleibt, ist die Tücke der Scheinfriedfertigen.

Erasmus von Rotterdam ist vielfach gescheitert. Ist der Satz nun richtig oder falsch? Zweifellos kommt er auch mit vielen Gedanken mitten in unserer Gegenwart an, und das ist kein Zufall, weil er auch über die „läppischen Motive“ von Kriegen spricht, über fadenscheinige Begründungen, faule Ansprüche, „gefunden oder erfunden“.

Groß, damals, vor 500 Jahren, der allgemeine Glaube an faktische Lügen. Auch möchte man glauben an alternative Fakten. Weit verbreitet sind gefakte Beweise. So wird dieser Glaube zu einer universellen Belastung.

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