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Entwicklungspolitik Wenn Deutschland kolonialisiert worden wäre

Wie würden wir als ÄthiopierInnen in Zhengistan leben, wenn wir fünf Jahrhunderte Kolonialismus erlitten hätten? Eine postkoloniale Perspektive auf die Entwicklungspolitik und ihre Alternativen.

Germanen
Hätte Zheng He den asiatischen Kontinent in die entgegengesetzte Richtung umrundet, wäre er auf andere Barbaren gestoßen mit der Konsequenz: die Germanen hießen heute AhiopierInnen und stammten aus Zhengistan. Foto: imago

Erstens. Lassen Sie uns einige Jahrhunderte zurückgehen, ins Zeitalter, in dem Kontinente „entdeckt“ wurden, ins 15. Jahrhundert. Überliefert sind folgende Worte des großen Admirals, der über seine Entdeckungsfahrten berichtet: „Wir haben mehr als 50 000 Seemeilen des gewaltigen Ozeans befahren ... und haben unseren Blick auf weit entfernte barbarische Gegenden geworfen.“ Es handelt sich um den führenden Seefahrer und Entdecker der damals größten und technisch fortgeschrittensten Flotte. Sein Name ist Zheng He. 

Obwohl er hierzulande weitestgehend unbekannt ist, sind seine Reisen durchaus vergleichbar mit denen von Vasco da Gama oder Christoph Kolumbus. Er unternahm sieben mehrjährige Expeditionen, von Nanjing aus bis nach Indien, in den Persischen Golf, bis nach Mekka und Ostafrika. Eine dieser barbarischen Gegenden war also die, in der mein Vater geboren ist, der heutige Iran.

Weit hergeholt? 

Als ich die Karte seiner Reisen betrachtete, habe ich mich gefragt: Was wäre geschehen, wenn er den asiatischen Kontinent in der entgegengesetzten Richtung umrundet hätte? Und eine dieser barbarischen Gegenden die Heimat meiner Mutter gewesen wäre, das heutige Deutschland? 

Folgen wir der historischen Fiktion noch ein Stück weiter: Was, wenn er aus unerklärlichen Gründen auf den Gedanken verfallen wäre, der von ihm „entdeckte“ Westzipfel Asiens sei ein eigener Kontinent? Und wenn dieser Kontinent nach ihm als seinem „Entdecker“ benannt worden wäre? Nehmen wir weiter an, Zheng He wäre dem Irrtum erlegen, die von ihm „entdeckte“ Region sei eigentlich Hinter-Äthiopien und die dort lebende Bevölkerung würde infolge dieses Irrtums fortan entsprechend bezeichnet – wir lebten heute als ÄthiopierInnen in Zhengistan. 

Zugegeben, die Geschichte erscheint doch sehr weit hergeholt, aber sie ist es natürlich nicht – jedenfalls im Hinblick auf Amerika, Amerigo Vespucci, Kolumbus und die „IndianerInnen“. Sie verdeutlicht, dass 500 Jahre Kolonialismus Spuren hinterlassen haben: Spuren einer Ära, in der die Europäer 85 Prozent der Erdoberfläche „entdeckten“ und unterwarfen, im festen Bewusstsein, dass sie von Gott oder durch ihre Zugehörigkeit zur „weißen Rasse“ ausersehen waren, über andere Völker zu herrschen.

Die Bezeichnung des amerikanischen Kontinents bleibt eine ständige Erinnerung: Unsere Sicht auf die Welt ist nicht frei von Folgen und Spuren des Kolonialismus – Spuren, die aufzudecken sich die postkolonialen Studien auf die Fahnen geschrieben haben. Dieser Sachverhalt manifestiert sich auch in den Landkarten: Auf der auch heute noch verwendeten Mercator-Projektion von 1568 ist Europa in der Regel weit größer dargestellt, als es tatsächlich ist.

Etwa so groß wie Lateinamerika beispielsweise, während es in Wirklichkeit nur wenig mehr als halb so groß ist (9,7 im Vergleich zu 17,9 Millionen Quadratkilometern). Dass Europa auf diesen Karten in der Mitte der Welt und „oben“ liegt, passt dazu. Unsere „Weltsicht“ ist auch heute noch in manchen Teilen von der Ära des Kolonialismus geprägt. Andere Weltkarten rufen Verwirrung und Stirnrunzeln hervor. In den Worten der Pressesprecherin des Weißen Hauses in der Serie „West Wing“ als jemand die Weltkarte einfach umdreht: „It’s freaking me out“.

Führen wir diesen Verfremdungseffekt noch ein Stück weiter, lassen wir uns ein auf die historische Fiktion und die Verwirrung als Mittel der Hinterfragung eigener Gewissheiten. Wie würden wir, als ÄthiopierInnen in Zhengistan, leben, wenn wir fünf Jahrhunderte Kolonialismus erlitten hätten?

Vielleicht hätten nur wenige vom Stamm der Hessen den Völkermord von 1904 überlebt, als der Chef des Generalstabs von Chinesisch-Zentral-Europa mit den folgenden Worten befahl, den Aufstand gegen die Kolonialherrschaft niederzuschlagen: „Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen!“

Selbst über 100 Jahre später wäre der unter HistorikerInnen unstrittige Völkermord nicht von der chinesischen Regierung als solcher anerkannt, es gäbe weder offizielle Entschuldigungen, geschweige denn Reparationen – die würden nur an asiatische Nationen gezahlt.

Stattdessen gewährte man uns großzügig „Entwicklungshilfe“ (wie im Fall der Herero in Namibia, siehe Zimmerer/Zeller 2004). In asiatischen und sogar den meisten zhengistanischen Schulbüchern würde die Epoche des Kolonialismus trotz aller Völkermorde und Massaker zumindest auch positiv dargestellt. Immerhin hätte die Kolonialherrschaft Arbeitsplätze geschaffen und Autobahnen gebaut).

Wahrscheinlich wäre unsere Landwirtschaft einseitig auf den Export von exotischen Nahrungsmitteln angelegt, mit riesigen Spargel- und Apfelplantagen, anstatt auf die Versorgung der Grundbedürfnisse unserer Bevölkerung. Und 70 Prozent der fruchtbaren Böden wären auch heute noch im Besitz der Nachfahren asiatischer Kolonialherren (wie in Namibia). 

Die Bodenschätze wären ausgeplündert, aber wir hätten nichts davon gehabt außer riesige Braunkohlelöcher in der Erde und Eisenbahnschienen bis zum nächsten Hafen, weil die Verarbeitung der Rohstoffe, die Stromerzeugung in den Kohlekraftwerken und die Wertschöpfung auf der anderen Seite der Welt stattgefunden hätten.

Wahrscheinlich wäre unser Staat auch lange nach der formalen Unabhängigkeit von unseren Kolonialherren noch nicht souverän. Womöglich wäre 1973 unsere erste demokratisch gewählte sozialistische Regierung unter Willy Brandt einem durch ausländische Geheimdienste massiv unterstützen Militärputsch zum Opfer gefallen, wie damals in Chile. Womöglich gäbe es aufgrund der Vielzahl solcher Putsche den Ausdruck Spargelrepublik. Vielleicht müssten wir auch heute noch die Schulden der vom Osten unterstützten Diktaturen abbezahlen, wie Südafrika oder die DR Kongo. Oder vielleicht wäre die drohende Kanzlerschaft von Oskar Lafontaine 1998 durch eine Intervention des IWF verhindert worden, wie in Südkorea zu dieser Zeit.

Wahrscheinlich würden unsere besten Fußballer schon in jungen Jahren von den Talentscouts der reichen Vereine in die asiatischen Ligen gelockt, wo sie dann bei Shanghai oder Guangzhou spielen und wegen ihrer Körper- und Gesichtsbehaarung als Affen beschimpft würden. Kroos, Götze und Müller würden regelmäßig mit Tierlauten begrüßt. Vor allem Frauen würden sich Schönheitsoperationen unterziehen, um keine „Langnasen“ mehr zu sein.

Wahrscheinlich würden unsere traditionellen kulturellen Praktiken, wie zum Beispiel junge Mädchen während der Karnevalssaison als Tanzmariechen in knappen, ihre Unterwäsche preisgebenden Kostümen auftreten zu lassen, als barbarisch und frauenverachtend, mindestens aber als lächerlich und rückständig gelten. In einigen Gegenden wären sie gesetzlich verboten.

Wahrscheinlich würden gewaltbereite christliche Extremisten und FundamentalistInnen, die ihrer Religion in Nordirland mit Gewalt zur Vorherrschaft verhelfen wollen, in Georgia im Namen der „Armee Gottes“ Bombenanschläge auf Abtreibungskliniken verüben, in Norwegen das christliche Abendland mit Massenmord verteidigen, auf kreuz.net gegen Homosexualität hetzen oder im Vatikan einen Gottesstaat errichten, als repräsentativ für den ganzen christlichen Glauben und die zhengistanische Kultur gesehen. 

Entwicklungshelfer ohne jede Qualifikation 

ChristInnen in Asien würden ständig aufgefordert, sich vom „christlichen Terrorismus“ zu distanzieren und ihre rückständige Religion abzulegen. Und wahrscheinlich würden jedes Jahr Scharen von Freiwilligen aus China nach Deutschland kommen, um als „EntwicklungshelferInnen“ tätig zu sein, weiße Waisenkinder zu betreuen oder die Armut zu bekämpfen – oft ohne jede Qualifikation außer ihrer Herkunft aus einem „entwickelten“ Land.

Zweitens. Genug der Abschweifungen in historische Fiktionen: In einer ziemlich genau in der Mitte Zhengistans gelegenen Stadt – bekannt für seinen ICE-Bahnhof, Ahle Worscht und marodierende Waschbären – wurde ein Fachgebiet für Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien gegründet. Wenn postkoloniale Studien, inspiriert von antikolonialen Widerstandsbewegungen, die Spuren, Reproduktionen und Reaktualisierungen des Kolonialismus bzw. Prozesse der Dekolonisierung und Rekolonisierung auf epistemischer und materieller Ebene untersuchen, was bringen sie zum Vorschein, wenn sie das Feld der Entwicklungspolitik umpflügen? 

Aus dieser Perspektive werden einige koloniale Kontinuitäten in der Entwicklungspolitik sichtbar, z.B. im an außenwirtschaftlichen Interessen orientierten Africa Agriculture Trade and Investment Fund (AATIF) oder in der mancherorts immer noch präsenten eurozentrischen Norm, die als Maßstab für Projekte und Programme der „Entwicklung“ dient – wir sind schließlich „entwickelt“ und andere Gesellschaften dieser Norm gegenüber rückständig. (Langfassung des Textes, siehe Infokasten)

Drittens: Dekolonialisierung der Entwicklungspolitik. Da es postkolonialen Studien nicht nur um Theorie und Analyse, sondern gerade auch um Kritik und Veränderung geht, ist nun zu fragen: Wie sähe eine Entwicklungspolitik aus, die frei von den hier skizzierten kolonialen Kontinuitäten wäre? Welche ihrer Elemente müssten abgeschafft werden und was wären Alternativen?

Der Eurozentrismus der Entwicklungspolitik könnte vermieden werden, indem von der Identifikation einer guten Gesellschaft mit dem in Europa und Nordamerika vorherrschenden Modell abgerückt würde und andere Modelle einer guten Gesellschaft, auch jenseits der gängigen westlichen bzw. genauer: hegemonialen Modelle der Organisierung von Wirtschaft, Politik und Wissen, in Betracht gezogen würden.

Beispiele wären kollektiver Landbesitz oder basisdemokratische Praktiken in den zapatistischen Gemeinden in Mexiko. In diesem Kontext könnten Rassismus, häusliche Gewalt, Kriminalität, Selbstmordraten, psychische Krankheiten ebenfalls als Indikatoren guter oder schlechter Gesellschaften gesehen werden, ebenso wie das subjektive Wohlbefinden der Menschen oder ihr Verhältnis zur Umwelt. Der Happy-Planet-Index oder der Gross-National-Happiness-Index sind erste Vorschläge. 

Probleme im Süden, Wissen im Norden? 

Kolonial ist weiterhin die implizite Annahme der geographischen Verteilung von Problemlösungswissen (Probleme im Süden, Wissen im Norden). Diese kann entweder durch die konsequente Abschaffung der Entwicklungszusammenarbeit oder zumindest durch den Verzicht auf die Verschickung weißer EntwicklungsexpertInnen in den Süden angegangen werden, oder durch die Einführung von ExpertInnen aus dem Süden, die hierzulande durch die Verbreitung von Wissen über Ubuntu, Gacaca-Gerichte, Akupunktur, Buddhismus oder Pachamama zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen.

Ein zaghafter Schritt in Richtung interkultureller Austausch statt einseitige Entwicklungshilfe kann in der Einführung einer reverse-Komponente im Weltwärts-Programm gesehen werden, die durch anhaltende postkoloniale Kritik erreicht worden ist.

Wenn das Problem jedoch nicht nur im Eurozentrismus, sondern im Prinzip der Treuhandschaft verortet werden kann, wie die problemlose Übernahme der Konstruktion der Anderen als „weniger entwickelt“ durch nationale Eliten im Süden nahelegt, dann muss es genereller um den Abbau der Hierarchien zwischen EntwicklungsexpertInnen und Betroffenen gehen. Diesen Pfad hat die Entwicklungszusammenarbeit eigentlich schon seit den 1980er Jahren mit dem Grundsatz der Partizipation eingeschlagen. Solange Partizipation jedoch auf die Ebene der Projektimplementierung beschränkt bleibt und nicht schon auf der Ebene der Problemdefinition ansetzt und solange die Finanztransfers von der Geber/Nehmer-Hierarchie geprägt sind, werden hehre Konzepte wie Partizipation, Ownership und Empowerment an den bestehenden Machtverhältnissen nichts Grundlegendes ändern.

Ansatzpunkte für Reformen sind daher die bereits vorgeschlagene Einführung von EZ-Gutscheinen, die bei EZ-Organisationen einzulösen sind und mehr Selbstbestimmung ermöglichen, welche Projekte und Programme von welcher Organisation die Betroffenen haben wollen, oder die Einführung von Rechenschaftsmechanismen nach dem Vorbild des Inspection Panels, das den Betroffenen eine Kontrolle der EntwicklungsexpertInnen oder zumindest eine Beschwerdemöglichkeit eröffnet.

Eine Politik, die ernsthaft auf die Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse des weniger privilegierten Teils der Menschheit abzielen würde, müsste sich – das ist leider nichts Neues – mit weltwirtschaftlichen Strukturen auseinandersetzen: mit dem Schuldendienst und den damit verknüpften Finanztransfers vom Süden in den Norden, der die ODA, die Mittel der Öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (Official Development Assistance) um ein Vielfaches übersteigt, mit der Repatriierung von Profiten durch transnationale Konzerne, mit der Steuervermeidung und den illicit financial flows, durch die Eliten Gelder auf Schweizer Konten schaffen, aber auch mit den Rücküberweisungen der Migrant_innen, die sich mittlerweile ebenfalls auf die dreifache ODA-Summe belaufen. Mit der aggressiven Marktöffnungspolitik von EU und USA (unterstützt von IWF, Weltbank und WTO) bei gleichzeitiger Subventionierung und protektionistischer Abschirmung der eigenen Landwirtschaft (gedeckt durch WTO-Regeln).

Mit Reparationen für koloniale Ausplünderung, Kriege und Völkermorde. Mit der Beendigung der imperialen Lebensweise, die auf dem Import von billigen Rohstoffen und billiger Arbeitskraft beruht und deren Konsequenzen ausgerechnet wieder Menschen in der Peripherie am schlimmsten zu spüren bekommen – sei es durch Dürre und Wirbelstürme oder Katastrophen wie den Einsturz von Rana Plaza.

In meinen Augen liegt ein Problem der heutigen Welt nicht nur in der globalen Ungleichheit, sondern auch darin, dass der Kampf gegen globale Ungleichheit heutzutage überwiegend als ein Kampf für „Entwicklung“ und mehr Entwicklungshilfegelder begriffen wird – und nicht als einer für Selbstbestimmung und gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Selbst der Kampf gegen die Resultate des Kolonialismus ist so in gewisser Hinsicht noch von kolonialem Denken geprägt.

Schon zu Beginn der Dekolonialisierung Afrikas sagte Frantz Fanon: Die Menschheit erwarte etwas anderes von uns als diese fratzenhafte Nachahmung Europas und wenn sie vorankommen soll, müssen wir ein neues Denken entwickeln. Aus der Perspektive der postkolonialen Studien möchte ich ihm antworten: Einige von uns im Herzen Zhengistans arbeiten dran, Frantz!

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