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Entschuldigung! Das große Entschuldigen

Um Verzeihung zu bitten, liegt im Trend und hilft derzeit doch wenig.

Kevin Spacey hat es getan, Dustin Hoffman auch. Irgendwie jedenfalls. Das Wort Entschuldigung kam dabei vor. Wenn es zutreffe, so lautete in etwa deren Formulierung, dass Menschen von ihnen sexuell belästigt worden seien, so bäten sie um Vergebung. Sätze im Konjunktiv. Wenn, dann ... Vollzogen wurde die Entschuldung aber nicht. Erst recht nicht seitens einer Öffentlichkeit, die weiter gebannt zuschaut. You name it.

Eine Entschuldigung ist kommunikativer Austausch. Jemand bittet einen anderen um Verzeihung für etwas, das er ihm zugefügt hat. Sie muss gewährt werden, andernfalls hat sie ihren Sinn verfehlt. Ein alltäglicher Vorgang, den es auch in institutionalisierter Form gibt. Die bekannteste ist die katholische Beichte. Man tritt vor einen Vertreter Gottes und bekennt ein wie auch immer geartetes Vergehen. Auf die Beichte folgt keine juristische Entlastung, aber sie verheißt eine seelische. Für den Gläubigen stellt sie eine Art Reinigung dar.

Reden hilft, in der Psychologie spricht man darum sogar von einer „talking cure“. Das Prinzip der Beichte scheint über die konfessionelle Bindung hinaus tief in unserem kulturellen Leben verankert zu sein. In den Alltagsformen reicht die Bandbreite von einem flüchtig dahingenuschelten „’tschulligung“ bis hin zu Gesten der Unterwürfigkeit.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann ist die formale Entschuldigung derzeit einem erhöhten öffentlichen Druck ausgesetzt. Die ARD bat kürzlich über ihre digitalen Kanäle noch während des laufenden Programms um Nachsicht dafür, dass sie während eines „Tatorts“ die Nachricht über einen aktuellen Anschlag in Texas eingeblendet hatte. Später wurde das wieder zurückgenommen. Offensichtlich hatte sich jemand entschuldigt, der dazu nicht autorisiert war.

Die Redaktion der Talk-Sendung „Anne Will“ entschuldigte sich am Montag dafür, dass die Regie in der Sendung zum Thema „Sexuelle Belästigung“ eine anzügliche Kamerafahrt über das Beinpaar von Verona Poth über den Sender geschickt hatte. In der Journalistensprache nennt man so etwas eine Text-Bild-Schere. Man darf zur Entlastung der Verantwortlichen annehmen, dass sie ihnen eher unterlaufen ist, als dass sie intendiert war.

Die auffällige Häufung von Entschuldigungen ist nicht zuletzt Ausdruck eines nervösen Nebeneinanders von Provokation und Meinung, der Geltung von Normen und dem Bedürfnis nach Widerspruch. Eine Entschuldigung zielt darauf, den Ausgangspunkt einer Beziehung wiederherzustellen. Nichts scheint derzeit schwieriger zu sein.

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