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Entdeckung Amerikas Amerika ist eine verflixte Erfindung

Heute vor 510 Jahren, am 25. April 1507, wurde Amerika entdeckt. Es ist die Geschichte einer Fiktion, die von einer Kleinstadt in den Vogesen aus umgehend die Welt erobert hat.

Weltkarte in der Universit�tsbibliothek M�nchen (Cim 107)
Auf der Weltkarte Martin Waldseemüllers tauchte 1507 erstmals der Name America auf. Die Segmente wurden auf einer Kugel befestigt und so zu einem Globus. Foto: epd

Die Entdeckung Amerikas, fabelhaft eingefädelt, fand in den Vogesen statt. Denn weitab vom Strand von San Salvador, wo der berühmte Kolumbus den ersten Pflock in der neuen Welt einschlug, waren es drei Humanisten, gelehrte Leute, ein Drucker, ein Philologe und ein Kartograph, die an eine Entdeckung glaubten, um sie in die Welt zu setzen.

Es ist eine wahrhaftig andere Entdeckungsgeschichte als diejenige, wie wir Europäer sie heute vor Augen haben, wenn wir Kolumbus bei seiner Tat über die Schulter sehen, im Kino, in der Literatur, auf Bildern. Auch ist eine andere Eroberungsgeschichte als diejenige, zu der sie für die Einheimischen wurde, die ins Gesicht des Kolumbus blickten, bei seinem ersten Schritt an Land.

Entdeckung und Eroberung: ein Doppelbild. Die Fährte der Geschichte führt in ein Hinterland, und sie ist nicht nur eine gefingerte Geschichte. Aber eine Fake-Geschichte wird trotzdem draus. Die Spur führt in das Städtchen St. Dié, wo im Frühjahr 1507 die Konstellation günstig war, unter denen hier ein Fürst, René II., Herzog des Landes Lothringen, der Drucker Gauthier Lud, der Gelehrte Matthias Ringmann sowie der Mathematiker, Geograph und Kartenstecher Martin Waldseemüller zusammenfanden. Der Weltwinkel als produktiver Ort, darüber wird die Weltferne von St. Dié zum Schauplatz einer Herbeiführung von Wirklichkeit.

Denn vom 25. April 1507 an ist die Fiktion auf dem Titelblatt eines Buches zu sehen, das die Druckerpresse verlässt und auf den Weg nach Frankfurt gebracht wird, auf der dortigen Buchmesse umstanden wird, eine Sensation! Die gelehrte Welt liest, weil sie sich auf Latein versteht und verständigt: „Cosmographiae introductio. Cum quibusdam geometriae ac astronomiae principis“ – den Umstehenden muss man nicht sagen: „Einführung in die Kosmographie mit den dazu nötigen Grundprinzipien der Geometrie und Astronomie“.

Das Werk verspricht ferner eine Karte sowohl in flacher als auch in Globusform von all jenen Teilen der Welt, die „in jüngster Zeit entdeckt wurden“. Im Anschluss an einen Text des Ptolemäus, der im 2. nachchristlichen Jahrhundert das erdzentrierte (ptolemäische) Weltbild plausibel erschienen ließ, sind vier Reiseberichte eines Amerigo Vespucci abgedruckt. Amerigo Vespucci? Wie gegenwärtig auch immer er heute ist und ob er doch irgendwie präsent geblieben ist – auf jeden Fall ist der Name immer wieder genannt worden, wenn es um den Vorwurf ging, er hätte sich die Entdeckung Amerikas unrechtmäßig angeeignet. Lässt doch die Kosmographie, die auf der Frankfurter Messe ausliegt, den Namen Christopher Kolumbus unerwähnt.

Stattdessen wird Vespucci als Entdecker der neuen Welten genannt, ausdrücklich im fünften Kapitel. Dann, im siebten Kapitel, wird der Gedanke erwogen, das Neuland, da vom gesagten Amerigo gefunden, „von heute an als Erde des Americus oder America“ zu nennen. „Ich wüsste nicht“, betont der Humanist Ringmann, „warum jemand mit Recht etwas dagegen einwenden könnte“.

Diese Zeilen, so hat es Stefan Zweig sehr schön gesagt, sind der „eigentliche Taufschein Amerikas.“ Der Schriftsteller Zweig (1881-1942) ist in der Vespucci-Affäre gelegentlich bemüht worden, sein an Gedanken reicher und von Formulierungen blitzender Vespucci-Essay ist schwer ausgebeutet worden. Wer war Vespucci? Zweig hat von ihm ein „Doppelbild“ gezeigt, das eines „rechtschaffenen Entdeckers“ aber auch chronischen „Hochstaplers“. Allerdings geschah der „historische Irrtum“, die „Taufe“ Amerikas, „ohne Wissen und Zustimmung des Vaters“.

Die Fiktion wird verfertigt durch zwei Dokumente, zum einen durch Vespucci selbst, durch Berichte einer fingierten, noch dazu einer von 1499 auf 1497 vordatierten Reise. Mit seiner frei erfundenen Fahrt ist Urs Bitterli in seinem Standardwerk über die „Entdeckung Amerikas“ schnell fertig geworden: „Fest steht nun allerdings, dass Amerigo Vespucci dadurch, dass man dem neuen Kontinent seinen Namen gab, eine Ehre erwiesen wurde, der seine Leistung nicht entsprach.“ Allerdings hatte Vespucci von seinen Entdeckungsfahrten, die Küste des heutigen Südamerika entlang, einen Begriff mitgebracht: „Mundus Novus“. Da er also von einer „Neuen Welt“ sprach, im Unterschied zu Kolumbus, der noch auf dem Sterbebett davon überzeugt war, in Indien angelandet zu sein, stimulierte Vespuccis Benennung dessen Ruhm, so Stefan Zweig: „Mit zwei Worten, ,Mundus Novus‘, hat ein Mann sich berühmt, mit drei Zeilen eines kleinen Geographen sich unsterblich gemacht“.

Unsterblich – dazu lässt sich sagen: Beide Entdecker, Kolumbus ebenso wie Vespucci werden, ohne dass die politische oder die Gelehrtenwelt dies würdigte, unter die Erde gebracht, 1506 ein fast vergessener Kolumbus in Valladolid, 1512 ein gewisser Depuchy oder Vespuche in Sevilla.
Der Ruhm löst sich von den Helden, er überträgt sich von den Akteuren auf deren Hinterlassenschaften. Was folgt, und es geschieht postwendend, ist die rasante Popularisierung des Namens Amerika: auf Globen, auf Karten, auf Stichen, in Büchern – allerdings kennt die Geschichte der Amerikawerdung auch eine Pointe, für die wiederum Waldseemüller selbst sorgt. Vermeidet er doch 1513 auf einer von ihm verfertigten Karte den Namen Amerika, er, der den Namen in Umlauf gebracht hat, unterlässt ihn fortan. War dem Erfinder womöglich aufgegangen, dass er dem Entdecker Kolumbus Unrecht getan hatte?

Die Frage, warum Amerika nicht Kolumbia heißt, benannt nach dem Seefahrer, der am 12. Oktober 1492 an einem Strand anlandete, um der Insel den Namen San Salvador zu geben, hat Generationen von Forschern beschäftigt. Gründe dafür, dass sich Amerika durchgesetzt hat, finden sich bereits in der Frühgeschichte der Benennung. Fünfzehn Jahre nach Waldseemüllers alles andere als astreiner Tat ist es zur Kolonisation der Forscher- und Gelehrtenköpfe gekommen.

Die Kartographen, so Stefan Zweig, haben „kapituliert“, unter ihnen eine solche Großmacht wie ein Sebastian Münster auf seinen Weltkarten. So geht das Wort praktisch um die Welt. Auch wenn, ja, obwohl die Karten weiterhin falsche Vorstellungen vermitteln, die gelehrte Welt zeigt sich im Zeitalter der Entdeckungen weiterhin unbelehrbar, schlägt den Kontinent im Norden weiterhin Asien zu. Erst 1538 ist es Gerhard Mercator, der gute Mann aus Duisburg, der auf einer seiner Karten den Namen Amerika auf beide Teile schreibt.

Es ist aber auch die Zeit angebrochen, in der Vespuccis „Hochstapelei“ (Bitterli) durchschaut worden ist. Die Lichtgestalt ist abgestiegen zum „Zwielichtmann“ (Zweig), seine Unverfrorenheit klagt maßgeblich ein Dominikaner an, Bartolomé Las Casas kommt auf den „usurpierten Ruhm“ des Amerikafahrers zu sprechen. Der Bischof wird zum heftigsten Kritiker einer Tat, die er als Annexion begreift.

1559 schließt der Humanist in einem Kloster von Valladolid eine vehemente Anklage ab, auch gegen die bereits zehntausendfachen Gräuel in der Neuen Welt. Der 85 Jahre alte Greis versieht seine Geschichte Amerikas mit einer Anklage gegen die Verbrechen der Konquistadoren an der indigenen Bevölkerung. Anschaulich macht der Autor das Grauen, unmissverständlich missbilligt der Bischof die Hybris der Europäer.

Die Instanz Las Casas will auch im Streit um Vespucci nicht unbeteiligt zusehen. Wie so viele nicht, denn die Vespucci-Legende hatte sich dramatisch entwickelt, der Ruf, in den Vespucci gerät, ist miserabel. Das Image färbt grell ab auch auf den Namen Amerika. Amerika? Könnte man nicht etwa, halt etwas an dem Namen machen – ihn also ändern?

Zwei der vier Vespucci-Fahrten sind gesichert, die von Mai 1499 bis Juni 1500 unter spanischer, die von Mai 1501 bis September 1502 unter portugiesischer Flagge, aus der der berühmte Bericht „Mundus Novos“ hervorgeht, der ein Jahr später gleichzeitig in Paris und in Vespuccis Geburtsstadt Florenz erscheint. Der zwischen 1451 und 1454 geborene Florentiner, lange als Buchhalter in den Diensten der Medici, erkundet als rund 50jähriger die Ostküste Südamerikas. Das Handelshaus hat ihn als Vertrauensmann nach Sevilla geschickt. Die Hafenmetropole wird auch für ihn das Tor zur Welt.

Dem Fernfahrenden verdankt der Kontinent, den er, im Unterschied zu Kolumbus nicht als ein Ensemble von Inseln, sondern als unübersehbare Landmasse betrachtet, Namen wie Venezuela, weil ihm die dortigen Pfahlbauten wie ein Klein-Venedig erscheinen. Er bringt den Namen Rio de Janeiro (Januar-Fluss) mit nach Europa. Er erobert die Neue Welt, indem er ihr Namen gibt. Dadurch, dass er sie benennt, wird Europa ihrer habhaft. Von ihm stammt der Satz über die Bucht von Rio: „Wenn in der Welt ein irdisches Paradies zu finden ist, dann muss es ohne Zweifel nicht weit von dieser Gegend sein.“

Vespucci belebt den Gedanken an das vollständig andere, an das Abenteuer, auch das Abenteuer der Utopie, zugleich tauchen vermeintliche Briefe von ihm auf. Er revolutioniert ein Weltbild, das durch fingierte Dokumente entsteht. Und doch sind es nicht nur Fabeleien, die zur Wirklichkeit drängen. An den Orten, die er den Karten einschreiben lässt, können sich die Nachfolger orientieren, und doch, hundert Jahre nach seinem Tod ist Vespuccis Name „erledigt“, so Stefan Zweig in seinem so farbigen wie auch verwirrenden Essay, da er daran interessiert ist, eine „Komödie der Irrungen“ nachzuerzählen. Darin soll sich ein Leser zurechtfinden!°

Im 17. Jahrhundert hat die Kolumbusfraktion die Deutungshoheit übernommen und den Ruhm für den Erstentdecker zurückgewonnen. Es ist merkwürdig, mit dem zeitlichen Abstand von 100 Jahren erscheinen Verfehlung und Fälschung Vespuccis klar. Bemerkenswert aber auch: Mit den Anfängen einer kritischen Geschichtsschreibung anstelle einer parteiischen Perspektive gewinnt der verdammte Vespucci wieder an Boden. Dazu gehört, dass Vespucci, der Hochstapler als tiefgründiger Autor angesehen wird. Ein Thomas Morus hatte ihn schon 1516, in seinem Traktat „Utopia“, verehrt, 250 Jahre später kommt ein Rousseau auf Vespuccis lebhafte Darstellungen zurück. Nacktheit und Natürlichkeit einer herrschaftslosen Gemeinschaft, ein Leben in der Hängematte, ohne Gesetze und Glaube, das lässt den Europäer staunen, auch wenn Kannibalismus und Inzest die Vorstellung vom Paradies beträchtlich eintrüben. Vespucci hat ein Thema begründet, das als Topos das alte Europa erobert. Zu dieser Eroberungsgeschichte gehören indianische Amazonen.

Vespucci, auf einer seiner ersten Fahrten unterwegs mit einem gegenüber den Indianern äußerst brutalen Spanier, einem Konkurrenten des Kolumbus, wird wahrgenommen wegen eines differenzierteren Blicks. Es ist der verständnisgeleitete Blick Vespuccis, der den Seefahrer nicht nur als „wilden Aufschneider und Übertreiber“ dastehen lässt, sondern als frühen Ethnographen.

Dennoch kommt der Tag, und es ist der Jahrestag der Kolumbusfeiern 1992, an dem ein moderner Spezialist wie Bitterli schreibt: „Die moderne Forschung beurteilt die Bedeutung des Seefahrers Vespucci, bei abweichender Schattierung im einzelnen, noch kritischer als jene des Reiseberichterstatters.“

Nur noch harsch das Urteil eines Christian Mehr. Aber hätte Spanien tatsächlich einen „Trittbrettfahrer“ (Reclam-Kompaktwissen) 1508 zu einem „piloto major“, zu einem Chefnavigator ernannt? Unbestritten bleibt: Der frühen Auffindung, den ersten Tagen der Neugier folgen Inbesitznahme und Besiedlung. Vespucci nimmt den neuen Erdteil durch Benennung in Besitz. Die neugierige Erkundung einer zuvor nicht bekannten Weltgegend wird bald schon begleitet von niedermachender Eroberung. Die Erkundung erfolgt unter Missachtung der Rechte der Ureinwohner, ihrer Souveränitätsrechte ebenso wie ihrer Menschenrechte. Landnahme und Besitzanspruch stehen unter dem Oberkommando der christlichen Heilslehre.

Zur unmittelbaren Reaktion auf die Entdeckung gehört die Eroberungsdirektive, wie sie die Bulle des Papstes im Jahr 1493 auf zwei Punkte konzentriert: Unterwerfung der Heiden und deren Bekehrung. Eine weitere Reaktion, wiederum nur ein Jahr später und nur zwei Jahre nach der ersten Kolumbusfahrt, besteht in der Ironie! In Sebastian Brandts Moralsatire „Das Narrenschiff“ von 1494 ist in den soeben erst aufgefundenen „Goldinseln“ von „nackten Leuten“ die Rede.

Der Südamerikafahrer Vespucci hat als Aufschneider, durch „ehrgeizigen Betrug“ und „fromme Fiktion“ (Zweig) die eine oder andere Fake-Geschichte in die Welt gesetzt, auch dank des Waldseemüller-Atlas’ von 1507, der eine Auflage von 1000 Exemplaren gehabt haben soll – weitgehend verschwand, jedoch dann doch nicht ganz spurlos. Taucht doch 1901 im oberschwäbischen Schloss Waldegg ein Exemplar wieder auf, eines, das 2007 für zehn Millionen Dollar an die Library of Congress nach Washington verkauft wird.

Bundeskanzlerin Merkel hatte sich zuvor persönlich eingesetzt für die Sondergenehmigung – für so etwas wie eine Abtretung des „Taufscheins Amerikas“ an die USA.

Zur abenteuerlichen Geschichte der Waldseemüllerkarte gehört auch die Episode, dass ein weiteres, ein fünftes Exemplar 2012 in München auftaucht, in einem Bucheinband des 19. Jahrhunderts verborgen ist die gefaltete Globussegmentkarte Waldseemüllers, die den „Horizont der Alten Welt aufriss“, mit der der Kompass der Weltentdeckung neu justiert wurde“ (FR v. 4. Juli 2012).

Die Wiederentdeckung der Waldseemüllerkarte, eine Legende für sich, macht darauf aufmerksam, dass die Lebensfähigkeit von Legenden nicht etwa davon abhängig ist, ob sie richtig oder falsch sind, sondern vielmehr von ihrer Wirkmächtigkeit.

Es kommt allerdings, damit Legenden plausibel erscheinen, noch etwas hinzu. Wie zur Entdeckung der Neuen Welt die Eroberung gehörte, so ist es das „erobernde Wort“ (Zweig), das von einem Dorf in den Vogesen aus seinen Anfang nahm. Die Fiktion funktioniert nur durch den Zugriff auf die Sache selbst.

Mit der Fiktion wurden Pflöcke eingeschlagen. Die Legendenbildung, welcher Politiker wüsste das nicht besser als der Populist heute, ist eine Form der Landnahme – wenn man denn unter darunter eine Eroberungsstrategie versteht, die Kolonisierung der Köpfe. Selten, so schrieb Stefan Zweig in seinem Vespucci-Aufsatz vor rund 75 Jahren: „Selten holt die Wahrheit die Legende wieder ein. Ein Wort, einmal in die Welt gesprochen, zieht aus dieser Welt Gewalt.“

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