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"Embedded Art" Im Keller

Die Akademie der Künste vermisst die Sicherheit im öffentlichen Raum.

Die puppenstubenhafte Gemütlichkeit am Pariser Platz, an dessen westlichem Rand das Brandenburger Tor als geschichtspolitisches Symbol aufragt, ist trügerisch. Sie betreten einen Sektor der Hochsicherheit. In unmittelbarer Nachbarschaft von amerikanischer, französischer und britischer Botschaft ist der Kunst nicht alles erlaubt.

Für den angemessenen Blick auf Klaus Staecks Beitrag zur Ausstellung "Embedded Art" in der Berliner Akademie der Künste hätte es einer Überfluggenehmigung zu Dokumentationszwecken bedurft, die der Akademiepräsident nicht erhielt. "Off limits for google" heißt seine Installation, in der er zusammen mit der Gruppe Remotewords, einem künstlerischen Langzeitprojekt, auf die visuelle Macht von Google Earth aufmerksam machen will, die jenseits des spielerischen Umgangs mit juvenilen Forscherfantasien als gigantisches Überwachungsmedium betrachtet werden kann.

Dass die künstlerische Intervention gegen Google sich an sicherheitspolitischen Vorgaben des Standorts in Berlin-Mitte rieb, ist eine unfreiwillige, aber gewiss nicht unwillkommene Pointe des Ausstellungsprojekts, mit dem die Akademie der Künste die gewohnten Bahnen der Kunstpräsentation verlässt. "Embedded Art" ist eine Konzeptausstellung, mit der die Akademie an ihre Grenzen geht. Und das im buchstäblichen Sinn. Mann muss weit nach unten in dem geschichtsträchtigen Gebäude. Gezeigt werden 43 Auftragsarbeiten, die die Künstler Olaf Arndt, Moritz von Rappard, Janneke Schönenbach und Cecilia Wee von der Künstlergruppe BBM kuratiert haben. BBM ist die Abkürzung von Beobachter der Bediener von Maschinen, und zur adäquaten Umsetzung des Gruppennamens in ihrem Haus hat die Akademie die Künstler in die Keller hinabsteigen lassen.

Von Maschinen beobachtet

Während sich die eigentlichen Werke der Ausstellung in den Gängen und Magazinen der Akademie befinden, werden diese jeweils per Video in die oberen Säle übertragen. Auch die Kunst, so die Botschaft, wird von Maschinen beobachtet. Ein Ziel der Schau sei es, so Staeck, den Hochsicherheitstrakt Akademie von innen her aufzubrechen. Es gehe, führt Arndt ferner aus, um subtile Strategien des Reagierens und der Ermittlung gesellschaftlicher Verwerfungen.

Die Ausstellungsmacher halten sich nicht lange an soziologischen Feinmalereien zu Begriffen wie Beobachtung und Gegenbeobachtung auf. Ihr Zugang ist eminent politisch, und die meisten Künstler haben sich einer Lesart verschrieben, der zufolge der Einzelne von fremden Apparaturen beobachtet wird. Die künstlerische Einbildungskraft ist nicht von Science Fiction inspiriert, die Werke nehmen vielmehr eine den legitimen und illegitimen Überwachungsbedürfnissen vorauseilende Realität in den Blick. Angesichts der technischen Reflexion, die die Künstler vollziehen, wirkt eine gesellschaftliche Diskussion über den Einsatz von Nacktscannern an Flughäfen harmlos und antiquiert. Man ist bisweilen zu träge, sich vorzustellen, auf was alles wissenschaftliche Energie verwandt wird.

So filmten die Videokünstler Korpys & Löffler einen Workshop der rheinland-pfälzischen Bereitschaftspolizei, bei dem die Beamten im Umgang mit der Elektroschockwaffe Taser geschult wurden. Die Polizisten wurden zu Übungszwecken selbst von den Elektrostößen getroffen. Die Erduldung von Folter per Dienstanweisung. Das Video zeigt verlangsamt die Wirkungsweise des Tasers und veranschaulicht den physischen und psychischen Schock.

Etwas weniger martialisch, aber durchaus nachhaltig sind die Klangwellen, die die britische Kultgruppe Koda 9 in ihrer Installation "Unsound" erzeugt. Die Töne werden nicht mehr gehört, sondern vom gesamten Körper erspürt. Was in den Tanzhallen des Techno eingeübt wurde, so kann man Koda 9 verstehen, war der erste Schritt zu einer Kriegsführung mit Schallwaffen.

Und die Lust?

"Embedded Art" ist kein Vergnügen und will es nicht sein. Die Akademie zwingt seine Besucher in den Keller, der nur in organisierten Führungen zu besichtigen sein wird. Mit vielen Werken wird die Assoziation Folter geweckt oder unmittelbar angesprochen. Was in den Begriffen Sicherheit und Beobachtung noch neutral angesprochen wird, steigert sich in den Ausstellungsräumen zwangsläufig zu Phantasmagorien von totalitären Systemen. Dieser Sichtweise entkommt man nicht, die Formen der ästhetischen Erschließung erweisen sich als nicht minder totalitär.

Das mag zur politischen Absicht des Konzepts gehören und wird kaum einen Besucher unberührt lassen. Wenn man aber wieder heraus ist und sich der Winterluft auf dem gut bewachten Pariser Platz erfreut, fragt man sich doch, warum nicht wenigstens der ein oder andere Künstler sich mit den zunehmenden Sicherheitsbedürfnissen der Leute und deren bisweilen auffälligen Lust, überwacht zu werden, beschäftigt hat.

Akademie der Künste, Berlin: bis 22. März. www.adk.de

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