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Elektronische Musik Experimente mit Tonbändern

So begannen die Klangpioniere elektronischer Musik: Konzert zur Eröffnung eines neuen Studios in der Akademie der Künste.

11.02.2013 16:33
Von Jacek Slaski
Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten und der Schlagzeuger Michael Wertmüller beim Grand Opening in der Akademie der Künste Foto: Berliner Zeitung/gerd Engelsmann

Etwa in der Mitte des ersten Programmteils kam es zu einem erheiternden Zwischenfall. Der Cellist Walter Prati wollte gerade mit dem Stück „TanEK“ des Komponisten Hans-Joachim Hespos beginnen, da stellte er fest, dass sein Laptop keinen Stromanschluss hatte. Weit und breit konnte er auf der Bühne keinen Stecker finden. Groß war die Aufregung, das Publikum reagierte amüsiert, Techniker irrten herum, Anweisungen wurden durchgegeben. Bis schließlich das Kabel seinen Bestimmungsort fand, der Computer live hochfuhr und Schwuppdiwupp Prati mit seiner Kratz-, Schab- und Krächzimprovisation beginnen konnte, zu der parallel eine fragmentiert-blubbernde Tonspur vom Problemrechner ablief.

Zuvor schon trommelte der Schlagzeuger Michael Wertmüller dumpf und treibend Michael Beils Werk „Batterie“ voran, begleitet haben ihn dabei elektronisch zugespielte Klänge und eine Videoprojektion. Auch Georg Katzers 1987 entstandenes Werk „Dialog Imaginär 2“, glänzend von dem Pianisten Ernst Surberg dargeboten, vereinte disharmonische Klavierkaskaden mit deren verfremdetem digitalen Ebenbild. Erstklassige Beispiele für die Begegnung von analog und digital erzeugter Musik, die bei dem Konzert zur Neueröffnung des Studios für Elektroakustische Musik am Freitagabend im Auditorium der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu hören waren.

Neuausrichtung mit dem Umzug

Die Ursprünge dieses anfangs ästhetisch sehr radikalen, heute aber international verbreiteten Genres, gehen auf Experimente mit Tonbändern und elektronischen Gerätschaften von Klangpionieren wie John Cage, Luciano Berio und Pierre Schaeffer zurück. Sie haben auch den 1935 in Schlesien geborenen Komponisten der Neuen Musik Georg Katzer veranlasst, in den frühen 1980er-Jahren an der Ost-Berliner Akademie der Künste einen Ort zu schaffen, an dem sich Künstler, Tontechniker und Musiker austauschen und Grenzen des Machbaren ausloten konnten.

Damit entstand das erste Berliner Studio für Elektroakustische Musik. Solche Produktionsstätten der Avantgarde existierten schon früher, allerdings waren sie meist zweckgebunden und an eine Universität oder Rundfunkanstalt angedockt, wie das vom WDR betriebene Kölner Studio für elektronische Musik, an dem Karlheinz Stockhausen wirkte, oder der BBC Radiophonic Workshop. Dort konnten Komponisten arbeiten, es wurden aber auch Klangeffekte, Hörspiele und ähnliches produziert. „Das Studio der Akademie gehört neben dem Studio des Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe und dem Freiburger Experimentalstudio zu den einzigen freien Studios in Deutschland“, so Gerd Rische, heutiger Leiter der Einrichtung.

Nach der Wende und der Vereinigung der Ost- und West-Akademie, zog das Studio in den Heubnerweg nach Charlottenburg, es konnte von den Akademie-Mitgliedern genutzt werden, spielte in der Öffentlichkeit aber kaum eine Rolle. Mit dem Umzug in den Hanseatenweg, einem der beiden Akademie-Stammsitze, soll eine Neuausrichtung erfolgen. „Zunehmend zeigt sich, dass Elektroakustische Musik eine Art Katalysator darstellt für interdisziplinäre Projekte, die den Rahmen des traditionellen Verständnisses von Musik generell überschreiten“, sagt Rische und verwendet lieber die Bezeichnung „Studio für Elektroakustische Kunst“.

Eine kleine Sensation!

Überschreitungen und Neudefinitionen bestimmen den neuen Charakter und dafür soll auch das „Producer in Residence“-Programm sorgen, in dessen Rahmen ein Produzent die Möglichkeit bekommt, über einen längeren Zeitraum in dem Studio zu arbeiten.

Den Anfang macht Gareth Jones. Der 1954 geborene Engländer ist vor allem als innovativer Tontechniker und Produzent wegweisender Alben von Depeche Mode, Einstürzende Neubauten, Wire und Erasure bekannt. „Bei Jones besteht das Bedürfnis, in anderen Sparten der Kunst zu wirken“, erklärt Rische, so kann er etwa Aufnahmen zeitgenössischer Kammermusik eine „Transparenz und Tiefe einer professionellen Produktion“ verleihen, die in dem Genre oftmals fehlt, schon allein wegen der damit verbundenen Kosten.

Neben der Verpflichtung von Jones unterstrich der zweite Teil des Eröffnungskonzertes noch viel deutlicher den Wunsch, alte Muster zu verlassen. Erstmals trafen Blixa Bargeld, Kopf der Einstürzenden Neubauten, der Brachialgitarrist Caspar Brötzmann sowie der versierte Free-Jazz-Schlagzeuger Michael Wertmüller aufeinander. Eine kleine Sensation! Mehrere Tage bereitete sich das von Rische und Wertmüller zusammengestellte Trio im Studio auf den Auftritt vor. Brötzmann und Wertmüller spielten ihre Instrumente, Bargeld benutzte seine Stimme zudem kamen elektronische Versatzstücke aus den Laptops. „Die Rock-Elemente transportierten eine Menge komplexer Klänge und Strukturen, hinzu kommt das Körperliche als Transportebene elektroakustischer Musik“, beschreibt Rische den Plan.

Bestialisches Dröhnen, zermürbender Hall, übersteuerte Feedbacks. Nur Sekunden nach Blixa Bargelds süffisanter Einleitung „Caspar fängt an“, türmte Brötzmann eine akustische Drohkulisse auf, die er seit Jahren mit seiner Formation Massaker praktiziert. Das „Körperliche als Transportebene“ war kein Schlagwort, der Klang fräste sich buchstäblich in die DNA, da konnten auch die vorher sorgsam verteilten Ohrstöpsel nicht immer helfen. Bargeld wechselte zwischen sonoren Chorälen, hysterischem Schwanengesang und dadaistischer Liturgie, Wertmüller klopfte dazu ekstatische Rhythmen in die aufreißenden Lücken.

Tod der Geschichte

Das Doom und Schrecken verbreitende Einstürzende-Free-Jazz-Massaker brach über den prall gefüllten Saal. Die drei Bilderstürmer krochen aus dem feudalen, mit teuerster analoger und digitaler Technik ausgestatteten Akademie-Studio und zeigten, was sein kann, wenn man sie nur lässt. Aus dem erhabenen Krach schälte sich urplötzlich ein Schrei hervor: „Kill History!“, brüllte Bargeld. Tod der Geschichte, auch der, die die drei Musiker selbst im Gepäck hatten, dem Industrial, Punk und Noise. Tod den Wurzeln, ob sie Rock und Jazz heißen oder Fluxus und musique concrete. „Nur was nicht ist, ist möglich“, heißt es in einem Stück der Einstürzenden Neubauten. Hier war aber was, eine Möglichkeit, und die haben Bargeld, Wertmüller und Brötzmann von dem Studio bekommen und sie genutzt. Das Studio als Ermöglichungsmaschine und Quelle der Inspiration. So kann es funktionieren.

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