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Elektronische Bücher Die E-Book-Revolution

In den USA nimmt der Verkauf von digitaler Literatur rasant zu, während die gedruckten Bücher an Boden verlieren. Auch in Deutschland steigen die Zuwachsraten für E-Books. Ein Streitgespräch zwischen den Verlegern Peter Haag, Michael Krüger und Jo Lendle über die Zukunft der Literatur, digitale Bibliotheken und die elektronische Hölle.

15.03.2012 16:41
Jo Lendle, Peter Haag und Michael Krüger (von l.).

Herr Krüger, Sie sind Geschäftsführer des Hanser Verlages, zugleich haben Sie Romane und vor allem Gedichtbände in anderen Verlagen veröffentlicht. Aber keines Ihrer eigenen Bücher existiert bisher als E-Book. Fühlen Sie sich vernachlässigt?

MICHAEL KRÜGER (MK): Ich wusste das gar nicht. Wohl aber weiß ich, dass die Digitalisierung der Backlist mit den Büchern, die schon länger auf dem Markt sind, ein mühsames und kostspieliges Geschäft ist. Außerdem ist Poesie im E-Book-Sektor sowieso nicht der große Renner.
Was haben Sie zuletzt als E-Book gelesen?

MK: Gar nichts. Ich habe nämlich überhaupt keinen E-Book-Reader. Schauen Sie sich hier um: Ich muss so viele Bücher lesen, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, mich mit so einem Gerät zu beschäftigen.
JO LENDLE (JL): Ich lese darauf Manuskripte. Das ist sehr komfortabel, weil ich nicht stapelweise Papier mit mir herumschleppen muss. Aber ein reguläres Buch von A bis Z auf dem E-Book-Reader – nein, ich kann mich nicht erinnern.

Und Sie, Herr Haag? Lesen Sie überhaupt noch gedruckte Bücher?

PETER HAAG (PH): Was geht mir für ein Ruf voraus? Nur weil unser Verlag eine eigene Vorschau seiner digitalen Produktion gemacht hat. In Wahrheit habe auch ich noch kein ganzes Buch elektronisch gelesen. Bei mir sind es auch eher die Manuskripte.

Ist gerade das nicht eher umständlich – mit Anmerkungen und Querverweisen?

JL: Es sind ja Manuskripte in der Rohfassung. Fürs bloße Lesen und Prüfen ist der Reader ganz gut.

Wie stehen Sie denn grundsätzlich zu den E-Books?

MK: Ich verstehe, dass sich die zweite Generation nach mir eine andere Unterlage wünscht als das Papier. Es wäre naiv zu glauben, die Verlage kämen darum herum. Also beschäftigen wir uns damit – übrigens in einem Maß, das bisher in keinem Verhältnis zu den Erlösen steht. Wir sind in Adventsstimmung: Es kommt etwas Neues, und wir müssen darauf vorbereitet sein, ohne genau zu wissen, worauf. Aber das gilt nicht für die Buchbranche, sondern für den gesamten Einzelhandel.

Schwingt da Angst mit?

MK: Ich bin so alt, ich habe nicht mal mehr Angst vor dem Tod. Da werde ich doch keine Angst vor dem E-Book haben. Ich habe nur die Sorge, dass wir alle von den beschleunigten Veränderungen überrannt werden und uns nicht mehr darauf einstellen können. Wenn irgendwann eine Suchmaschine mehr über mich weiß als ich selber; wenn ein Algorithmus darüber bestimmt, was ich lesen soll – dann tritt wirklich das ein, wovor wir seit zehn Jahren gewarnt werden: die Auflösung des autonomen Subjekts.

JL: Nicht notwendig. Das Internet stärkt den Einzelnen auch. Wenn ich als Autor für mein Manuskript keinen Verlag finde, gut, dann publiziere ich es eben selbst, mit allen Vor- und Nachteilen. Und als Leser kann ich in den sozialen Netzwerken Bücher empfehlen, bekomme selbst Lektüre-Tipps – eben nicht nur von Rezensenten und Buchhändlern. Daraus entstehen Überraschungen, ein neuer Reichtum. Früher hatte ich in meinem Nahbereich vielleicht 20 Menschen, die mich auf Bücher, Platten oder Filme aufmerksam gemacht haben. Heute sind es ein paar mehr.

Sie gucken so skeptisch, Herr Krüger.

MK: 20 nahe stehende Menschen mit ihren Tipps – das ist doch schon mehr als genug, noch mehr kann eh keiner verkraften. Die Vorstellung, ich bekäme plötzlich am Tag 50 Hinweise auf interessante Bücher, lähmt mich ebenso wie der Gedanke, mit 500 oder 5000 Leuten permanent im Austausch stehen zu müssen. Ich weiß, es wird so kommen. Aber meine Bedürfnisse sind andere.

PH: Ich sehe gedruckte Bücher und E-Books gar nicht in einem Gegeneinander. Es sind zwei Formen, Geschichten zu transportieren. Und das ist es, worum es mir als Verleger geht. Darum geht es auch den Lesern. Natürlich ist es ein eigener Reiz, Bücher in der Hand zu haben. Eine Textdatei ist nicht so sexy wie eine Bücherwand. Aber das ist sekundär. An erster Stelle steht das Lesen.

JL: Das sehe ich auch so. Wir verkaufen nicht Papier, sondern Autoren und Inhalte, Geschichten. Ich glaube zwar, dass es dafür kein besseres Medium gibt als das Buch. Aber die Nutzergewohnheiten ändern sich eben. So hängen wir im Büro ja auch den ganzen verdammten Tag am Bildschirm, statt uns über Papier zu beugen.

MK: Dass wir mit unseren Büchern Bedeutung produzieren wollen, ist ja richtig. Aber es gibt heute so viele bedeutende Bücher! Elias Canetti hat mal gesagt, er möchte so alt werden, dass er alles Wichtige gelesen hat. Er ist 90 geworden. Ich kenne seine Bibliothek und kann sagen: Es gibt ein paar wichtige Bücher, die er nicht gelesen hat. Es kommt also auf die Auswahl an, und da wird das Netz sehr schnell Kriterien entwickeln und die Foren schaffen müssen, in denen mindestens so kompetent über Bedeutung geredet wird wie heute in den Zeitungsfeuilletons. Ich kenne aber im Netz keine Clearing-Stelle, die das Gute vom Schlechten trennt.

Nimmt die Schwarm-Intelligenz diesen Platz ein?

JL: Fehlbar ist beides, die elitäre Auswahl durch Rezensenten ebenso wie die scheinbar demokratische Auswahl durch den Schwarm, die Netzgemeinde. Aber es gibt schon jetzt Knotenpunkte im Netz, Blogs wie lovegermanbooks, Stefan Mesch, Klappentexterin (lovegermanbooks.blogspot.com, stefan.mesch.wordpress.com, klappentexterin.wordpress.com). Dort wird Literatur auf hohem Niveau gesichtet und gewichtet.

Herr Haag, Ihr Verlag Kein&Aber hat Furore gemacht mit einem eigenen „Digital-Katalog“ – Marketing-Gag oder reale Gewinnerwartung?

PH: Mit einzelnen E-Book-Titeln erreichen wir bereits fünfstellige Auflagen.
MK: Wirklich, womit denn?

PH: Zum Beispiel mit einem Bestseller wie „Zwei an einem Tag“ von David Nicholls. Den haben wir im Hardcover und als Taschenbuch bereits mehr als eine Million Mal verkauft.

Das heißt: rund 10.000, also ein Prozent E-Book-Anteil – genau die Marge, in der sich die deutsche Verlagsbranche derzeit bewegt.

PH: Ja, aber die Sache nimmt Fahrt auf.

MK: Als ich unsere Januar-Abrechnung bekommen habe, habe ich schon gestaunt: 100 Prozent Zuwachs bei den E-Books! Die Leute, die so einen Reader zu Weihnachten bekommen haben, haben demnach vier Wochen gebraucht, das Ding zu verstehen, und dann haben sie mit dem Einkaufen begonnen. Also, ich erwarte für 2012 einen E-Book-Anteil von 1,5 bis zwei Prozent.

Der angefixte Abstinenzler?

MK: Natürlich bin ich angefixt! Aber die Frage ist doch: Geht es so weiter? Müssen wir unsere Marketing-Etats umschichten? Anderes Personal einstellen? Aus den USA hat Jonathan Franzen mir berichtet, sein letztes Buch, „Freedom“, sei zu 35 Prozent als E-Book verkauft worden. Ein Drittel elektronisch! Ich kann nur sagen: Gott sei Dank sind wir hier noch nicht so weit…

JL: … weil in Amerika das Netz eine Funktion übernimmt, die bei uns ein weltweit einmaliger Buchhandel erfüllt.

Ist Deutschland deshalb eine späte E-Book-Nation?

JL: Wer es nah zum Buchhändler hat, tut sich leichter, Bücher zu kaufen, ja. Aber Deutschland ist beim E-Commerce ja insgesamt ein bisschen skeptischer.

Und natürlich liegt es nicht etwa daran, dass die Verlage den Stopfen auf dem Zufluss halten?

JL: Ich gebe zu, wir sind zögerlich in den E-Book-Markt gegangen. Jetzt legen wir mehr Schwung rein und stellen fest: Wir stehen bei drei Prozent unseres Umsatzes und machen Gewinne – spätestens seit wir den gesamten Murakami im Angebot haben.

MK: Gefährdet ist am Ende vor allem der Buchhandel. Was den Händlern dort schon jetzt verloren geht, bedroht ihre Existenz.

JL: Deswegen überlegen wir bei neuen elektronischen Projekten immer, wie wir den Buchhandel einbeziehen können, etwa durch E-Book-Gutscheine. Das ist alles noch ein bisschen schwerfällig und bemüht, denn natürlich müssen wir einräumen: Der Charme des E-Books liegt auch im direkten Zugang. Aber es wäre doch schön, auch ein E-Book verschenken zu können.

Ist der Niedergang des Buchhandels aufzuhalten?

PH: Ich befürchte, nicht. Wobei ich glaube, dass die Bedrohung für die großen Ketten mit ihrer extremen Grenzkosten-Kalkulation und ihren riesigen Verkaufsflächen sogar noch größer ist als für kleine, feine Häuser wie Bittner in Köln. Vielleicht gehört denen sogar die Zukunft, weil bei ihnen der Bestseller-Absatz ohnehin nicht die zentrale Rolle gespielt hat wie bei den Buchkaufhäusern.

JL: Ich möchte das nur zu gern glauben. Allerdings: Suchen Sie heute mal den kleinen, interessanten, gut sortierten Plattenladen! Sie werden ihn nicht mehr entdecken. Letztlich entscheidet wieder mal jeder Einzelne durch sein Kaufverhalten, wie es weitergeht.

PH: Ich fand Michael Krügers Hinweis auf Jonathan Franzen interessant. Wir müssen uns fragen: Wo tummeln sich eigentlich die E-Book-Käufer? Ich glaube, es ist der Massenmarkt, das Taschenbuch-Segment. Mutmaßlich werden wir da eine neue Aufteilung erleben zwischen den Bibliophilen, die zum gebundenen Buch greifen, und den Preisbewussten, die auf Taschenbuch und E-Book fliegen.

MK: Das Franzen-Buch war aber auch als ein „nationales Ereignis“ angekündigt, mit Titelgeschichten in den wichtigen US-Magazinen. Die Folge: Wer als Amerikaner etwas auf sich hielt, meinte, dieses Buch kaufen zu müssen – auch Leute, die sonst nie einen Buchladen betreten hatten.

JL: Das glaube ich nicht. E-Book-Leser waren schon vorher Vielleser. Der Nichtleser, dem Sie einen E-Book-Reader schenken, wird deswegen nicht zum Leser. Laut einer Erhebung aus Großbritannien liegen dort 20 Prozent der Geräte ungenutzt herum…

MK: … was auch für jedes fünfte verschenkte Buch gelten könnte.

JL: Ja, aber da fällt es uns nicht so auf. Also, es mag ein paar Technik-Aficionados geben, die sagen: „Hey, jetzt hab ich so ein geiles Gadget, da fang ich mit dem Lesen an“. Aber das sind sicher nur ganz wenige. Die meisten E-Book-Leser sind solche, die ohnehin in der Lektüre eines Buchs versinken können, auch in der eines E-Books. Um die geht es.

PH: Natürlich gibt es nur die beiden Kategorien Leser und Nichtleser. Aber die schnelle Verfügbarkeit des E-Books hat schon etwas Verführerisches. Wenn ich in einer Almhütte sitze und Lust bekomme, etwas Bestimmtes zu lesen, dann aber eine Woche mit dem Kauf warten muss, kaufe ich es am Ende vielleicht gar nicht. Wenn ich mir das Buch aber im selben Moment runterladen kann, dann schon. Die Hemmschwelle sinkt einfach. Und darin sehe ich für uns Verlage auch eine Chance.

Wie stellen Sie sich auf die wirtschaftliche Bedrohung durch illegale Downloads ein?

JL: Zunächst einmal ist völlig klar: Unsere Bücher werden digital verfügbar sein – wenn wir sie nicht anbieten, tun es andere. Illegal, aber sie tun es. Die Musikindustrie hat uns die einzig mögliche Reaktion vorgemacht: Wir müssen ein eigenes, bequemes und legales Angebot machen. Piraterie müssen wir bekämpfen, ganz verhindern werden wir sie nicht.

Bekämpfen auch durch attraktivere Preise?

PH: Noch attraktiver? E-Books sind doch nicht teuer. Die Musik-Downloads, auf die dann gern verwiesen wird, sind ein schlechtes Gegenbeispiel. Wenn Sie heute 99 Cent für einen heruntergeladenen Titel bezahlen, ist das – bezogen auf ein ganzes Album – teurer als früher. Aber wir können Romane ja nicht kapitelweise verkaufen.

MK: Der entscheidende Punkt ist: Wir brauchen so schnell wie möglich ein waschechtes Urhebergesetz. Wenn sich die Gesellschaft darauf verständigt, dass eine sogenannte geistige Leistung einen Wert hat und dass der Urheber dieser Leistung Anspruch auf Vergütung dieses Werts hat, dann muss sie Regeln dafür aufstellen und deren Befolgung durchsetzen. Das passiert aber nicht.

JL: Die Naivität großer Teile der vermeintlich so aufgeklärten „Netzgemeinde“ ist schon verblüffend. Das zeigt die Diskussion um „Acta“, das internationale Abkommen zum Schutz von Urheberrechten. Um des leichteren Zugangs zu Inhalten im Netz sind offenbar viele bereit, Grundprinzipien wie das der Autorenschaft preiszugeben.

PH: Was da stattfindet, ist eine beispiellose Enteignung. In rohstoffarmen Ländern wie unseren ist die geistige Produktion doch eine entscheidende Ressource, deren Gebrauch wir schützen müssen.

Jedes Prozent an Wählerstimmen, das die Piratenpartei hinzugewinnt, treibt Ihren Blutdruck in die Höhe?

MK: In ein Parteiprogramm zu schreiben, das Netz sei Motor und Vollender einer freien Gesellschaft – nichts ist leichter als das. Aber es ist Unfug. Das Schleifen des Urheberrechts macht jedenfalls keinen freien Menschen aus mir.

PH: Ich möchte mal wissen, was diese Leute für eine Vorstellung davon haben, wie ein Mehrwert erarbeitet wird. Klar, unsere Autoren oder Sie beide als Journalisten, Sie können in Zukunft alle kostenlos schreiben. Aber wer zahlt dann Ihre Miete? Also, das ist die blanke Heuchelei.

JL: Eine spanische Bestseller-Autorin hat mir unlängst gesagt, ihre Bücher würden so oft raubkopiert, dass sie das Schreiben dran gibt. Es lohne sich einfach nicht mehr.

MK: Und was macht sie dann jetzt?

Die Frage müssen Sie sich als Verleger ja vielleicht auch bald stellen.

MK: Vorher verlange ich aber, Raubkopien zu ahnden. Wir können heute nicht mehr so gnädig sein wie in den 60er Jahren. Da liefen in Berlin auch an jeder Ecke Leute rum, die Raubdrucke von Bestsellern angeboten haben, Arno Schmidts Roman „Zettel„s Traum“ und wie sie alle hießen. Es sollen sogar Bücher aus dem Hanser Verlag dabei gewesen sein. Aber die Menge dieser Raubdrucke war überschaubar, und die Sache ging vorüber. Im digitalen Zeitalter ist das anders. Darum müssen wir klarmachen: Raubkopierer sind Rechtsbrecher. Und die Musikindustrie ist da für mich weder Abschreckung noch Vorbild oder sonst irgendwas. Es mag stimmen, dass wir die illegalen Downloads nicht lückenlos verfolgen und sanktionieren können. Aber die „Normativität des Faktischen“ darf nicht Maßstab für Gesetze werden. Sonst geht auch der letzte Rest an Unrechtsbewusstsein verloren.

PH: Ich finde es völlig richtig, die Netzportale in Haftung zu nehmen. Wenn auf Youtube etwas illegal angeboten wird, dann muss man Youtube dafür belangen können. Und es ist doch doof zu sagen, man könne die Quellen nicht verfolgen. Wenn man irgendwo an die Quellen herankommt, dann im Netz.

Eine anderes Szenario: Autoren, insbesondere erfolgreiche Autoren, könnten versucht sein, an den Verlagen vorbei zu produzieren. Auf eigene Rechnung.

MK: Klar, man kann sich vorstellen, dass ein Bestseller-Autor zu seinem Verlag sagt: Ihr druckt mein Buch, macht mir die Werbung – und mit den E-Book-Rechten versuche ich selbst mein Glück.

Stephen King hat es vorgemacht.

MK: Was er mit dem Geld gemacht hat, ist eine andere Frage. Ist aber auch egal. Ich halte die Gefahr trotzdem nicht für besonders groß. Ein Verlag ist ja nicht bloß eine Buchdruck-Maschinerie, sondern eine künstlerische, intellektuelle Institution. Da findet der Austausch von Ideen und Inspiration statt. Und das wird auch in 50 Jahren noch so sein.

PH: Es ist doch interessant, dass auch die berühmten One-Million-Wanderer irgendwann wieder zu einem Verlag streben, der ihre Bücher herausbringt. Auch und gerade im Netz ist die Herkunft eines Textes wichtig. Ein guter Verlagsname ist ein Gütesiegel für Qualität und Glaubwürdigkeit. Schon deshalb werden die Verlage erhalten bleiben und sogar noch an Bedeutung gewinnen, als „Informations-Broker“ sozusagen. Und noch eine Bemerkung zum Geschäftsmodell Direktvertrieb durch den Autor: Verhandeln Sie mal auf sich allein gestellt mit Amazon! Ich sage nur: viel Erfolg!

JL: Weiß Amazon überhaupt, was es heißt, ein Verlag zu sein? Einem Autor auch mal über die Durststrecke von einem oder zwei unglücklichen Büchern hinwegzuhelfen? Über solche Sachen reden wir nicht so gern, aber eigentlich gehören sie herausgestellt. Denn das spricht ja für die Verlage.

MK: Absolut. In diesem Haus hier sitzen 100 Leute, die nichts anderes tun, als an einigen wenigen Büchern zu arbeiten. Bei einem Gedichtband sind das dann am Ende 800 Exemplare, bei einem Roman vielleicht mal 100.000. Das lasse ich mir nicht von den Netzgläubigen kaputtreden.

JL: Ihren Stolz teile ich. Aber es hat schon etwas von Pfeifen im Walde. Wir wissen doch auch: Die Zahl derer, die keinen übermäßigen Anspruch an die Qualität haben, wird größer und größer. Youtube hat vorgeführt, wie Self-Publishing-Modelle funktionieren: Einfach mal ins Netz stellen und gucken, wie“s läuft. Das wird auch für Bücher so kommen. Da kann es sein, dass plötzlich mal etwas irre nach oben schießt. Wer aber am Ende die besseren, langlebigeren Bücher hat – diesen Wettstreit nehme ich gerne an.

MK: Goethe war auch stinksauer, dass sein Schwager Vulpius mit dem Räuberroman „Rinaldo Rinaldini“ solch einen riesigen Erfolg bei den Zeitgenossen hatte. Dieses Gefälle gab’s immer schon.

Bietet die digitale Welt auch Chancen für die Literatur selbst?

JL: Wir Verleger haben doch im Grunde eine sehr normierte Vorstellung davon, was ein „richtiges Buch“ ist: das abendfüllende Werk mit 300, 400 Seiten. Demgegenüber entstehen im Netz ganz neue Genres – nicht in Konkurrenz zum Buch, sondern als besonders netzaffine Formen. Wir überlegen gerade mit einem Autor, den Serienroman, den man früher aus der Zeitung kannte, im Netz neu zu beleben.

Und der erscheint dann nur digital?

JL: Wir stehen noch ganz Anfang damit. Ob am Ende ein Buchdeckel drum herum kommt, wird man sehen. Jetzt geht es erst einmal um den Reiz für den Autor, sich in der seriellen Arbeit am Text neu zu erfinden.

MK: Ich kenne, ehrlich gesagt, keine wirklich guten Texte, die der „Idee des Netzes“ verpflichtet sind. Was ich kenne, ist die Leichtigkeit, mit der heraus- und hineinkopiert wird. Was dabei herauskommt, ist verwässerte Literatur. Ob die Generation nach uns dereinst sagen wird, „irgendwann am Anfang des 21. Jahrhunderts, da entstand eine neue Textsorte, der Netzroman“? Ich kann es mir nicht vorstellen.

PH: Aber auch dem Buchdruck Gutenbergs sind sehr wohl neue Textsorten zu verdanken. Indem er die Verbreitung von Texten ermöglichte, etwa von Flugblättern, wurden Ideen und Gedanken einer breiten Masse zugänglich.

MK: Den bürgerlichen Roman gab es vorher auch nicht.

JL: Nur hat der nach der Erfindung des Buchdrucks noch ein paar Jahrhunderte auf sich warten lassen. Worum es doch geht, sind Texte, nach deren Lektüre wir anders sind als vorher. Weil wir davon berührt sind, aufgerüttelt, was auch immer. Wir kennen das besonders gut von der Art, wie Romane uns verführen. Ich habe es aber auch – viel seltener, zugegeben – bei der Lektüre von Blogs erlebt, dass sie mich in ihren Bann ziehen, so dass ich ihnen folge. Durch das serielle Schreiben, auch durch das Kommentieren und Mit-Schreiben entsteht schon etwas anderes, Neues. Das hat wahrscheinlich nicht die Konzentriertheit eines Romans. Konzentration ist überhaupt die Achillesferse des Digitalen. Konzentration ist ein Wesenselement von Literatur. Aber auch das Sprunghaftere, Spielerische von Literatur im Netz hat seinen Reiz.

MK: Woran denken Sie?

JL: Wolfgang Herrndorfs Blog „Arbeit und Struktur“ über sein eigenes Sterben (www.wolfgang-herrndorf.de; die Red.) ist für mich einer der Texte aus dem vorigen Jahr, die mich umgehauen haben. Dafür würde ich viele Bücher stehen lassen. Und das ist ein im tiefsten Sinn des Wortes literarischer Text.

PH: Früher gab es da die literarischen Selbstgespräche oder den inneren Monolog, wie zum Beispiel in Arthur Schnitzlers Novelle „Fräulein Else“.

JL: Ja, oder es gab Tagebücher. Sandor Marais Tagebücher, die dann in Buchform herauskommen – so etwas kannten wir in der Tat schon. Aber in Echtzeit dabei zu sein wie etwa in Herrndorfs Blog, das ist neu und anders, das voyeuristische Moment eingeschlossen.

MK: Ich werde mir das heute Abend gleich anschauen. Ich kann Ihnen aber sagen, mein Lieber: Das ist ein ganz seltener Fall, dass ein bedeutender Kopf eine Form dafür findet, mit so etwas wie einer tödlichen Krankheit zurande zu kommen.

JL: Seltenheit war in der Literatur noch nie ein Einwand.

MK: Aber das Exzeptionelle führt dazu, dass dann alle über diesen einen seltenen Fall sprechen. Mit dem experimentellen Roman war das genauso. Ich kokettiere noch mal mit meinem Alter und erinnere daran, dass die moderne Literatur in meiner Jugend – angefangen mit dem Dadaismus – vom Gedanken beherrscht war, das Individuelle möglichst auszuschalten. Dieser Begriff von Avantgarde ist völlig verschwunden, und das Netz bietet noch keinen Gegenentwurf. Es wird viele Experimente geben. Aber am Ende werden wir Verleger hergehen – ich dann nicht mehr, aber Jo Lendle, Peter Haag und andere – und sie werden den einen Roman herrichten, den alle Welt liest. Gelesen haben muss.

Gibt es Titel, von denen Sie sagen: Die mache ich nur als E-Book oder als App?

PH: Heute nicht, aber das wird so kommen, ja. Die Schwelle für digitale Publikationen wird sinken, die Schwelle zum gedruckten Buch wird höher werden. Ob das schlecht ist? Ich sage jetzt mal was Heikles: Es gibt doch sowieso zu viele Bücher!
MK: Das ist überhaupt nicht heikel, sondern nichts als die Wahrheit.

PH: Dann kann es ja vielleicht gar nicht schaden, wenn die Verlage sich noch genauer überlegen, welches Manuskript sie über die Schwelle zum Druck heben.

MK: Ich kann mir das Netz gut als Experimentierfeld vorstellen: Funktioniert eine neue Idee? Findet sie Interessenten? Früher war das die Funktion des Taschenbuchs. Rowohlt hat in seiner „Schwarzen Reihe“ 20 Titel für 5,80 Mark verkauft – und das 21. Buch, dessen Autor sich als interessant und erfolgreich erwiesen hat, dann als Hardcover herausgebracht. Alle anderen haben es auch so gemacht.

PH: Den Grundgedanken können Sie auf das E-Book übertragen, ja.

Muss das E-Book gegenüber der gedruckten Version einen „Mehrwert“ bieten?

JL: Zumindest keine drangeklatschten Videos mit dem Autor! Wer um alles in der Welt schaut sich die „Bonus-Tracks“ auf DVDs an? Das ist das Entsetzlichste, was es gibt.

PH: Manche Verlage glauben offenbar nicht an ihre Bücher. Sonst würden sie die E-Book-Versionen nicht mit allem möglichen Schnickschnack zukleistern. Ich halte das E-Book ohnehin für einen Irrläufer der Natur.

Wohin geht dann der Weg der Evolution?

PH: Zum Streaming, zu einer Online-Bibliothek, in der Sie an den Regalen entlanggehen, etwas herausgreifen, es lesen und wieder zurückstellen. Dieses umständliche Herunterladen und Abspeichern von Büchern – das wird überflüssig. Noch einmal: Eine richtige Bücherwand wie die hier hinter uns, das macht was her, aber doch kein voller Ordner in einem E-Book-Reader.

JL: Die Anfänge sind schon gemacht. „Skoobe“ zum Beispiel bietet bald ein Monats-Abo an, für das Sie online so viel lesen können, wie Ihr Hirn erträgt. Dadurch kommt übrigens auch Schwung in die Debatte nach einer Kultur-Flatrate, mit der man die Erlöse ausgleichen könnte, die den Urhebern durch das Filesharing im Netz entzogen werden.

PH: So eine Flatrate würde bedeuten, dass Künstler nicht mehr von ihrer Arbeit leben könnten, sondern von der Gesellschaft ausgehalten werden müssten. Damit sind wir dann wieder beim feudalistischen System. Wollen wir vielleicht, dass die Künstler und Wissenschaftler wie früher von der Kirche oder den Landesfürsten abhängig sind? Eine geistige Leistung muss doch ihren Preis haben, sie muss sich für den Urheber lohnen.

Sie haben, Herr Krüger, einmal die „elektronische Hölle“ beschworen. Sind wir mit E-Books auf Höllenfahrt oder einem paradiesischen Trip?

MK: Unsere Aufnahme- und Selektionsfähigkeit ist durch die ganze digitale Entwicklung schon bis aufs Äußerste strapaziert. Das ist vielleicht noch nicht die Hölle, aber nicht mehr weit weg davon. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Gehirn beschaffen sein soll, das noch mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten kann.

JL: Das haben die Leute aber auch schon vor hundert Jahren gesagt, als Radio und Film aufkamen. Oder vor 200 Jahren, als die Frauen davor gewarnt wurden, Romane zu lesen. Informationen zu filtern und zu verarbeiten - das ist die Aufgabe des homo sapiens. Ich glaube, wir dürfen ihm zutrauen, den Möglichkeiten standzuhalten, die er sich von Generation zu Generation neu schafft. Was wir brauchen, ist die Demut des Entdeckers, der nicht weiß, was ihn im Hinterland erwartet, wenn er den Fuß auf einen neuen Kontinent setzt.

PH: Der für mich weder der Himmel noch die Hölle ist. Ich betrachte die digitale Welt als ein Angebot. Ich kann mich dem Zug nicht entziehen, also gehe ich auf ihn zu. Ich liebe das gedruckte Buch nach wie vor, und ich bin sicher: Es bleibt uns erhalten – neben E-Books, Apps und allem anderen.

MK: Von dem US-Dichter Robert Lowell gibt es das Wort: „If we see light at the end of the tunnel / it's the light of the oncoming train.“ Es kommt also darauf an, dass wir im Tunnel rechtzeitig zur Seite gehen.

JL: Oder aufspringen.

Interview: Joachim Frank und Martin Oehlen

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