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Ein Mann räumt auf

Schmerzlich-schönes, gewalttätiges Südafrika: Deon Meyers flammender neuer Krimi "Weißer Schatten"

Lemmer hatte eine miese Kindheit, legt keinen Wert auf (s)einen Vornamen und saß vier Jahre im Knast. Vorher beschützte er nachrangige Minister der südafrikanischen Regierung, nachher arbeitet er für einen privaten Bodyguard-Service. All die Jahre hat er trainiert, dazugelernt, beobachtet. Nie ist seinen Schützlingen etwas passiert, nie wurde es ernst. Aber dass das nicht so weitergehen würde, war klar: Lemmer ist der maulfaule, innen und außen verstrubbelte Protagonist in Deon Meyers neuem Krimi - und obwohl die Krimis des Südafrikaners nicht nur aus Action bestehen, so versteht er es doch, einen gierig Seite um Seite umblättern zu lassen.

Das ist gut, aber nicht das Wichtigste. Denn es geht hier nicht um irgendein Land mit irgendwelchen Konflikten und ab und zu einem Verbrechen. Deon Meyer erzählt von einem Leben mit und in der Gewalt. Von "Menschen, die Schmerz nicht länger fürchteten und zugleich einen gewissen Druck verspürten, ihn zu verursachen". Von bloßen Missverständnissen und blankem Hass zwischen Weißen und Schwarzen. Von Korrumpierbarkeit auf allen Seiten und den wenigen Aufrechten dazwischen. Von Tierschützern, die bereit sind, Menschenleben zu opfern. Und von denen, die nie mehr heimkehren werden zu ihren Familien, weil sie beim Wildern erwischt wurden.

Mit Vorurteilen fängt es an: Lemmer denkt, dass die junge Frau, die einen Bodyguard angefordert hat, nur eine dumme reiche Afrikaaner-Pute sein kann. Emma le Roux wiederum hält ihn für beschränkt. Gute Voraussetzungen - das kennt man von Liebeskomödien -, um sich zusammenzuraufen. Lange aber können die beiden nicht raufen, da wird auf Emma geschossen und sie schwer verletzt. Das wiederum kann Lemmer nicht auf sich sitzen lassen. Und er folgt einem Impuls, den ihm das Leben antrainiert hat: Rache. Motto: Ein Mann räumt auf.

Und doch hat man nicht das Gefühl, hier werde eine zweifelhafte Lese-Lust bedient. Deon Meyer stellt vielmehr die Frage, wie man sich in einer so gewaltgesättigten Gesellschaft überhaupt noch moralisch korrekt verhalten kann. Seinem "Helden" Lemmer hilft zuletzt nur eine unfaire List gegen den Widersacher, der die Macht hat und die Politiker in der Tasche. Und ein schwarzer Polizist tritt im Frust Dellen in seinen Büroschrank und brüllt: Ich bin nicht käuflich. Was er verschweigen muss: sein Vorgesetzter ist es. Alle sind sie auf die ein oder andere Art "Weiße Schatten", die sich verbergen oder etwas zu verbergen haben.

Aber auch das Land, seine Tiere, seine Weite, die berührende Schönheit und staubige Härte Südafrikas spielen eine Rolle in diesem Roman. Und die Leidenschaft, mit der Menschen versuchen, das alles zu bewahren. Keine Zeile dieses Buches ist lau, und so kann es auch den Leser kaum kalt lassen.

Deon Meyer:

Weißer Schatten.

Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann. Rütten & Loening 2008, 19,95 Euro.

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