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Eichborn und Aufbau Verlag Das Spiel der Verleger mit den Aktien

Der Berliner Aufbau Verlag und der Frankfurter Eichborn Verlag wollen fusionieren. Damit ginge nach Suhrkamp ein weiterer Buchverlag von Frankfurt in die Hauptstadt.

21.01.2011 17:20
Birgit Walter
Das Original-Titelblatt des Barockromans «Simplicissimus» aus dem Jahr 1669 (Handout). Foto: dpa

Der Aufbau Verlag Berlin und der Eichborn Verlag Frankfurt a.M laden in Berlin zu einer Pressekonferenz. 45 Minuten lang verkünden fünf Verleger und Eigentümer wohlklingende Selbstdarstellungen, preisen Ideen, Traditionen und die inhaltsgetriebenen Programme der beiden mittelständischen Verlage, die sich gegen die widerspenstigen Märkte behaupten müssen.

Die Worte Zusammengehen, Fusion oder gar Übernahme fallen kein einziges Mal. Es braucht eine weitere halbe Stunde und die energische Nachfrage „Was wollen Sie uns sagen?“, bis aus den Verleger-Akteuren der Kern der Pläne herausgeschält ist.

Nein, der schwer angeschlagene Eichborn Verlag wird nicht vom stabileren Aufbau Verlag gekauft. Ja, Eichborn zieht ins neue Aufbau-Haus nach Berlin und die am Donnerstag informierten Mitarbeiter daheim am Main sind höchst unbegeistert. Dort war am Freitag Nachmittag noch nicht einmal angekommen, dass Eichborn keineswegs an Aufbau verkauft werden soll.

Börsengang schadete Eichborn Verlag


Was tun die Verlage da, warum laden sie Journalisten ein und präsentieren einfache Fakten so zögerlich und umständlich? Der Vorstandsvorsitzende der Eichborn AG, Stephan Gallenkamp, schaltete sich mehrfach ein mit der Feststellung, es gäbe nur Absichtserklärungen. All das Komplizierte lässt sich allein darauf zurückführen, dass der Eichborn Verlag vor zehn Jahren an die Börse gegangen ist. Jetzt muss er erst die Aktionäre fragen, ob sie nach Berlin zum Aufbau Verlag wollen. Da andererseits der Hauptaktionär Ludwig Fresenius mit 75,2 Prozent Aktienbesitz anwesend und verschmelzungsbereit war, erschließt sich dem Laien die komische Übervorsicht doch wieder nicht. Auf jeden Fall kann man resümieren: Der Börsengang vor zehn Jahren ist Eichborn schlecht bekommen. Bis heute ist er der einzige mittelständische börsennotierte deutsche Buchverlag. Die Pläne waren während der New Economy-Blase gereift und entsprechend kühn. Eichborn wollte kein kleiner Buchverlag mehr sein, sondern ein großes Medienunternehmen, sammelte 20 Millionen Euro ein und verlor sie wieder. Die Aktie ist in dieser Zeit von zwölf Euro auf 62 Cent gefallen. Eichborn hatte sich an Projekten beteiligt, die nichts mit Büchern zu tun haben und also nicht zwingend in Verlegerhand gehören, etwa an einem Musikverwertungsunternehmen.

Zudem herrschte im Verlag großer Unfrieden, wichtige Mitarbeiter wie Wolfgang Ferchl verließen den Verlag und nahmen renommierte, profitable Autoren mit, etwa Walter Moers mit der Reihe „Das kleine Arschloch“. So machte Eichborn nur noch in den Jahren Gewinne, in denen Sven Regner seine Bücher herausbrachte. Im Herbst 2010 musste wegen schlechter Bilanzen ein Programmteil verkauft werden.

Aber das soll nun alles ein Ende haben, jetzt, wo die Verlage zusammen stark werden wollen. Die Mitarbeiter beider Häusern wissen, wie sich eine unsichere Zukunft anfühlt. Der Aufbau Verlag wurde erst 2008 von dem solventen Kaufmann Matthias Koch übernommen. Zuvor war er von dem Immobilienhändler und ambitionierten Verleger Bernd F. Lunkewitz in die Insolvenz geführt worden – ein geplanter Schritt. Dem ging eine dramatische Posse mit der Treuhandanstalt voraus, die den Verlag verkauft hatte, obwohl er nicht in ihrem Besitz war. Schadenersatz wurde nicht geleistet und Lunkewitz ließ sich mit dem sarkastischen Satz zitieren, es sei ganz leicht, ein kleines Vermögen zu machen: „Man nehme ein großes Vermögen, kaufe einen Verlag und wird sehr bald ein kleines Vermögen haben.“

Umzug soll Verlag "Gesundschrumpfen"

Der wagemutige Unternehmer Matthias Koch, 64, schlug den Rat in den Wind und kaufte den Aufbau Verlag. Bislang wirkt er wie ein Segen, zumal er in schwierigen Zeiten investiert und gerade das neue Domizil am Moritzplatz ausbaut. Dort entsteht auf 17?000 Quadratmetern ein sogenanntes Kreativzentrum mit Verlagen, Künstlerbedarf, Klub, Buchladen und Kindergarten – das Aufbauhaus. Ab Februar ziehen die ersten Mieter ein, für Mai ist der Umzug von Aufbau geplant. Auch die Räume für Eichborn-Mitarbeiter werden empfangsbereit sein, wenngleich niemand weiß, wieviele von ihnen übersiedeln wollen und dürfen. Solche Umzüge sind jedenfalls eine bewährte Methode des „Gesundschrumpfens“. Fest steht immerhin, dass die Verlage ab Juni ihren Vertrieb vereinen, aber getrennte Marken und getrennte Programme behalten.

Der Eichborn-Hauptaktionär Fresenius, wie Koch Jahrgang 1943, gab sich vor der Presse jovial und als zufriedener Genießer, aufgewachsen mit „Anfällen von Bescheidenheit“. Für den Verlag habe er sich wegen seiner Frau entschieden, sie liebe Bücher, er Wein. Da fand er es ungerecht, dass er einen Weinberg habe und seine Frau nichts. So kam er zu Eichborn, wo er aber bitte nicht als der böse Investor gelten will, sondern als Gegner des Kaputtsparens dar. Erfolg brauche eine Mindestgröße und die habe sein Verlag nicht. Na gut, schwarze Zahlen wären für den Anfang auch in Ordnung. Einen Versuch ist die Fusion allemal wert.

Den Schritt Eichborn kann man in der Buchmesse-Stadt nach dem Verlust von Suhrkamp nicht feiern. Aber Berlin kann über den verlegerischen Zuzug nicht meckern.

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