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„eHealth“ Überwachung Der neue Geist im Gesundheitswesen

Mit „eHealth“ wird elektronische Gesundheit versprochen und Überwachung verschleiert. Digitale Medien sammeln gewaltige Datenmengen an, für die sich die Forschung, aber auch der Arbeitgeber interessieren könnte. Ein Kommentar.

Big Brother läuft mit. Foto: rtr

Gesundheit ist in der Regel ein wenig erquickliches Thema. Das liegt allein schon daran, dass, wer darüber spricht, zumeist nicht gesund ist oder sich nicht gesund fühlt. Unerquicklich an Gesundheitsthemen ist zudem die hier vorherrschende medizinisch-wissenschaftliche Vernunft mit ihren verdrießlichen, allemal spaßfeindlichen Sollens-Sätzen: Du sollst Dich richtig ernähren, Du sollst Dich richtig bewegen, Du sollst nicht rauchen, trinken oder überhaupt völlen. Und zuletzt, auch das ist kaum erfreulich, kommt die Gesundheit uns allen teuer zu stehen – den Kranken wie den Gesunden, den Kassen und dem Staat.

Muss das so sein? Nein, muss es selbstverständlich nicht. Denn es gibt eine Lösung für all die genannten Gesundheitsprobleme, sie heißt eHealth, ein Name, der mit „elektronischer Gesundheit“ nur unzureichend übersetzt ist und auch schon wieder latent spaßfeindlich daherkommt – Elektronik und Gesundheit, das klingt kaum besser als Stützstrumpf und Rheumapflaster! Doch eHealth schlägt ein neues Kapitel in der Gesundheitsfürsorge auf, nämlich das zur Lifestyle-Medizin, zu einer Spiel-Spaß-Spannung-rundum-sorglos-Medizin, die jede Lebensäußerung im Zeichen frohgemuter Fitness erfasst. Eine Revolution, bei der alle Menschen mitmachen, auch diejenigen, die gar nicht wollen.

Technisch betrachtet geht es um die globale Vernetzung aller Gesundheitsdaten, insofern sie digitalisiert vorliegen, und zwar ganz gleich, ob sie von staatlichen oder privaten Akteuren gesammelt werden, von den öffentlichen Gesundheitsdiensten, von Krankenhäusern und Arztpraxen, von Krankenkassen, Forschungsinstituten oder auch Sportvereinen, von Gesundheitsportalen, Selbsthilfegruppen oder Feierabendjoggern.

All diese Daten sind mal mehr, mal weniger zugänglich, entweder gut geschützt oder frei verfügbar. In jedem Fall aber sind sie ein ungemein wertvoller Datenschatz, den auszubeuten in den letzten zehn Jahren ein Milliardenmarkt entstanden ist. Fitnessarmbänder und Smartwatches mit ihren biometrischen Sensoren sind davon nur der sichtbarste Ausdruck.

Verkäufliche Daten

Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die jüngste Geschäftsanbahnung zwischen den beiden IT-Giganten IBM und Apple: Mit dem iPhone oder der Apple Watch können Nutzer medizinische Daten wie Herzfrequenz, Kalorienverbrauch, Blutzucker- oder Cholesterinwerte aufzeichnen und damit eine Art digitale Patientenakte anlegen; mittels einer App von IBM werden diese Daten über einem Online-Datenspeicher eingesammelt und in einer eigenen – sie wird ihren Hauptsitz in Boston haben und 2000 Mitarbeiter beschäftigen – ausgewertet.

Diese Datensätze will IBM weitergeben beziehungsweise verkaufen: an Ärzte, Forscher, Versicherungs- und Gesundheitsunternehmen oder an Arbeitgeber, die sich für die physische und psychische Verfassung ihrer Mitarbeiter interessieren.

Lassen wir einmal die naheliegende Bedenken beiseite, IBMs Datenspeicher, die nach dem Supercomputer benannte Watson Health Cloud, wird ihres kostbaren Inhalts wegen zum bevorzugten Angriffsziel aller Hacker auf diesem Planeten. Kümmern wir uns ebenfalls nicht darum, dass mit dem Bostoner Standort der besagten Health Cloud auch das US-Recht – inklusive des Foreign Intelligence Surveillance Act – für die Herausgabe der Daten an amerikanische Behörden gilt.

Zudem sollte uns nicht den Spaß verderben, dass zurzeit mit der neuen EU-Datenschutzverordnung auch in Europa alles für den Abbau des Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung getan wird, übrigens unter maßgeblicher Beteiligung der Bundesregierung.

Nein, jetzt weht ein neuer Geist. Die Frage „Wie geht es dir?“ muss jemandem mit dem Lügendetektor am Handgelenk, vulgo: dem smarten Wearable, nicht mehr gestellt werden. Das weiß die Cloud ohnehin besser. Gesundheit ist kein individueller Zustand mehr, sondern ein soziales Netzwerk-Ereignis. Gesundheit wird nicht länger im Rahmen eines geschützten Arzt-Patienten-Verhältnisses ausgehandelt, sondern zu einem öffentlichen Statement. Der IBM-Manager Michael Rhodin hat das erkannt: „Die Generation, die die Apple Watch kauft, ist interessiert an Daten-Philanthropie.“

Treffender lässt sich der alte Überwachungsstaat-Slogan, dass wer nichts zu verbergen hat, auch nichts zu befürchten habe, wohl kaum in einen Lifestyle-Satz voll sprühendem Hipster-Charme umwidmen.

Ein Gesetz des neuen technischen Zeitalters lautet: Je mehr der Staat sich aus seiner Fürsorgepflicht zurückzieht, desto mehr wächst die Überwachung durch digitale Medien und desto mehr ist der Einzelne gehalten, sich den geltenden sozial- oder medizin-hygienischen Normen zu unterwerfen. Freiwillig, versteht sich – ein Konformismus der Selbstverwirklichung.

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