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Edgar Reitz Schabbach für immer

Er schuf „Heimat“: Dem Regisseur Edgar Reitz zum 80. Geburtstag.

Ein Erneuerer: Edgar Reitz. Foto: dpa

Wenn du Kunst und Leben miteinander verwechselst, das ist der brutalste Kitsch“, sagt Herrmann, der angehende Komponist, einmal zu seiner geduldigen Freundin Helga. Zu finden ist die kleine, aber vielsagende Szene in den „Heimatfragmenten“, einer Sammlung von Schnittresten, die Edgar Reitz im Jahr 2006 als Nachtrag zu seiner „Heimat“ veröffentlichte. Tatsächlich hat es Reitz in seinem Lebenswerk immer wieder erreicht, Kunst und Leben in einem ganz eigenen Sinn in Verwechslungsgefahr zu bringen. Allein schon deshalb, weil seine epochale Film-Serie selbst ein Teil unserer Leben geworden ist. Wie das fiktive Nest im Hunsrück namens Schabbach zu einem mythischen Ort geworden ist.

Für einen seltenen Augenblick versöhnte diese „Heimat“, entstanden zwischen 1981 und 1984, das als elitär verschriene deutsche Autorenkino mit seinem Publikum. Vielleicht hatte Fassbinder etwas mehr Zuschauer gefunden mit seiner Arbeiterserie „Acht Stunden sind kein Tag“, vielleicht hat erst Geißendörffers „Lindenstraße“ die Massen wirklich erreicht. Aber dafür war „Heimat“ auch keine Seifenoper sondern ein kompromissloses Kino- oder Fernsehstück. Für alle, die damit aufwuchsen, die ihr Auge schärften an der unvorhersehbaren Abfolge von Farbe und Schwarz-weiß, die sich treiben ließen an die schillernden Ränder zwischen privaten und kollektiven Erinnerungen, ist dieser Film selbst schon ein Stück Heimat.

Heute wird Edgar Reitz achtzig Jahre alt, nachdem er in diesem Jahr schon ein anderes Jubiläum feiern durfte: Den 50. Geburtstag des Oberhausener Manifests, zu dessen Vätern er zählt. An der Seite der Münchner Filmschaffenden Herbert Vesely, Haro Senft und Franz Josef Spieker gehörte er zur Gruppe Doc 59, die das Gründungsdokument des bundesdeutschen Autorenfilms formulierten. „Papas Kino ist tot“, hieß es damals, doch betrachtet man Reitz’ Frühwerk, so erscheint es wie eine Brücke zwischen dem Gestern und dem Morgen deutscher Filmgeschichte.

Vor kurzem erschien in der Edition Filmmuseum die DVD-Box „Die Oberhausener“. Darin auch der Kurzfilm „Schicksal einer Oper“, dessen Regie-Kollektiv Reitz 1958 angehörte. Behutsam ertastet sich der Jungfilmer darin die Kriegsruine des Münchner Opernhauses. Auch später gab es in Reitz’ Kino nichts Neues ohne das Alte. Bis auch das Synonym von Papas verschmähtem Kino, der Heimatfilm, in seinen Händen eine positive Umdeutung erfuhr. Heute drohen die drei Staffeln der monumentalen „Heimat“-Chronik das übrige Werk von Edgar Reitz zu überstrahlen. Unter dem Titel „Das Frühwerk“ macht eine bei Arthaus erschienene DVD-Sammlung mit der erstaunlichen stilistischen Bandbreite von Reitz’ Schaffen bekannt. Auf der Suche nach zukunftsweisenden Filmformen zeigt sich Reitz stets als sicherer Erzähler. Seine geradezu altmodisch anekdotischen Geschichten handeln immer wieder von verlorenen und gefundenen Schätzen („Cardillac“, „Das goldene Ding“, „Stunde Null“). Sie erinnern an Träume, aus denen wir arm, aber lebendig wieder erwachen.

Es sind Lehrstücke ohne implantierte Moral, Geschichten, aus denen man vielleicht klug wird, aber nie schlau. So eindeutig wir Edgar Reitz zu den radikalen Erneuerern des deutschen Kinos zählen, so sehr lehrt er uns auch Respekt vor dessen Tradition. Das ist viel wert in einer zerrissenen Filmnation, die immer wieder einen neuen„Abschied von gestern“ ausruft.

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