Lade Inhalte...

Echo 2012 Lesbensex auf der Herrentoilette

Gewohnt niveauvoll: In den Messehallen unter dem Berliner Funkturm wurden zum 21. Mal die „Echo“-Musikpreise verliehen. Ein Abend voller lüsternen Moderatorinnen, schockenden Rockern und warm bemützte Popper. Nur der "Bergdoktor" und eine "Tatort"-Wiederholung konnten mehr Zuschauer vor den Fernseher locken.

Sido (Ausschnitt) erhielt einen Echo für das beste Musikvideo. Foto: Getty/Sean Gallup

Am Donnerstag ist in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm zum 21. Mal der deutsche Musikpreis „Echo“ verliehen worden. Zahlreiche internationale Topstars sangen und musizierten! So spielte zum Beispiel die Berliner Band Rammstein ein Stück mit dem Schockrocker Marilyn Manson; dessen hautenge Lederkluft betonte in niedlicher Wiese sein neu erworbenes Wohlstandsbäuchlein.

Moderiert wurde die „Echo“-Verleihung ein weiteres Mal von der niederdeutschen Mundartkünstlerin Ina Müller. Im vergangenen Jahr hatte sie ihre Einsätze vor allem mit anzüglichen Witzen über ihr offensichtlich nicht ausreichend erfülltes Sexualleben bestritten. Am Donnerstag variierte sie das Konzept dahingehend, dass sie gleich zu Beginn ihre neue Mit-Moderatorin Barbara Schöneberger ausgiebig auf den Mund küsste, was beiden im weiteren Verlauf die Gelegenheit zu anzüglichen Lesbensexwitzen verschaffte. Den Höhepunkt an Heiterkeit erreichte das Duo, als Müller mehrere Minuten lang vergeblich versuchte, eine von Schöneberger in einer Handtasche hereingereichte Echo-Trophäe aus dieser herauszupulen.

Interessante Darbietungen kamen zudem von der Sängerin Lana Del Rey, die mit ihrer nach rechts hochgezogenen Oberlippe an den großen Schockrocker Billy Idol erinnerte, und dem Gewinner der deutschen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest, Roman Lob. Er sang das Lied, mit dem er unser Land in Bälde in Baku vertreten wird, und hatte seinen Kopf zu diesem Zweck mit einer Wollmütze bedeckt. Was noch einmal die Frage aufwarf, warum immer mehr junge Männer meinen, auch in geschlossenen, gut temperierten Räumen Wollmützen tragen zu müssen. Leiden sie an Kopffrost? Haben sie hässliche Tätowierungen auf der Glatze? Wissen sie, eigentlich, wie bescheuert sie damit aussehen? Vielleicht kann sich die aktuelle Geschlechterrollendebatte einmal mit diesem Themenkomplex befassen.

In musikalischer Hinsicht bleibt festzuhalten, dass gegen all den beklagenswert banalen Leidende-Männer-Selbstfindungspop, der an diesem Abend präsentiert wurde – von Tim Bendzko bis zu den Radio-Echo-Gewinnern Jupiter Jones – die mit dem Schlager-Echo prämierte Helene Fischer wie eine ganz große Pop-Avantgardistin wirkte. Den Echo für das Lebenswerk erhielt Wolfgang Niedecken, ein sozial engagierter Dialektmusiker mit Florettfechterbart, der zum Dank eine Kostprobe seiner besonders in nordrhein-westfälischen Bahnhofskneipen gern gespielten Rockballaden darbot. Bei den Einschaltquoten rangierte die Fernsehübertragung des „Echo“ klar hinter der zeitgleich gezeigten Serie „Der Bergdoktor“ und der Wiederholung eines „Tatort“-Krimis im WDR. Der schönste Auftritt des Abends war aber auch nicht im Fernsehen zu sehen, sondern auf der Aftershowparty um halb vier in der Herrentoilette. Eine Band, die von einer Schallplattenfirma entdeckt werden wollte, hatte ihr gesamtes Instrumentarium vor den Waschbecken platziert und spielte dort ein Überraschungskonzert.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum