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Dreissigjähriger Krieg Mutwillig in den Krieg

23. Mai 1618: Heute vor 400 Jahren setzte der Prager Fenstersturz den Dreißigjährigen Krieg in Gang.

"Prager Fenstersturz" vor 400 Jahren war Ausloeser fuer den Dreissigjaehrigen Krieg
Photogravure nach dem Gemälde „Prager Fenstersturz“ (1889) von Wenzel von Broznik (1851-1901). Foto: epd

Der Komet löste eine „Massenhysterie“ (Schmidt) aus. Aufgeladen, wie die Atmosphäre seit Jahrzehnten bereits war, in der die „hasserfüllten und kompromisslosen Kontroversen der Theologen die Gläubigen ängstigten und die Ungewissheit steigerten“ (Schmidt), bestätigte die Himmelserscheinung nur zu deutlich die irdische Lage. Es war das Jammertal, heimgesucht von der „unheilvollen Dreieinigkeit“ (Burkhardt) Krieg, Hunger und den biblischen Plagen, gehörte die Gegenwart, so wiederum Schmidt, „bereits der Endzeit.“

Aneinanderreihung von Grausamkeiten

Der Komet stand sichtbar über weiten Teilen Europas. Wer glaubte – und wer tat es nicht, beunruhigt durch Pfarrer, die sich mit düsteren Drohungen wahrhaftig nicht bedeckt hielten – tat es in Erwartung der apokalyptischen Reiter. Das war die Lage, in der der Krieg auf böhmischem Boden in das zweite Jahr ging, sich ausweitete auf weitere Territorien, zunächst die Pfalz. Im Laufe von dreißig Jahren taten sich die Menschen Dinge an, „die sie vorher nicht getan hatten“, schreibt Schmidt lapidar. Das Lapidare ist wie geschaffen für die Andeutung unvorstellbarer Schrecken. Und insofern ist der Dreißigjährige Krieg eine Aneinanderreihung von Grausamkeiten, die unvorstellbar lapidar begangen wurden, wie selbstverständlich. Vergewaltigung, Mord, Kannibalismus. 

Nicht von ungefähr zeigte der Barock diesen Krieg als eine selbständige Macht, als einen „eigenen Akteur mit einem eigenen Willen, den er gegen die Willen der Kriegsführenden einsetzte“ (Münkler). Auch deswegen ist dieser Krieg immer wieder als der Krieg der Kriege bezeichnet worden, so auch jetzt erneut von Johannes Burkhardt. Um der Fassungslosigkeit einen Ausdruck zu verschaffen, um Mitleid oder Erbarmen zu erwirken, entwickelte sich die Geschichte dieses Krieges zu einer Großen Erzählung der Klage. Die „kumulative Kriegsgewalt“ (Burkhardt) löste einen „,Superlativ des Entsetzens‘“ aus, „weil die Klagenden ansonsten kein Gehör mehr fanden“, so Schmidt. 

Dieser Krieg wurde zum Trauma schlechthin. Seine verheerenden Dimensionen können kaum überbewertet werden, als Urkatastrophe ist er beschrieben worden. Ohne Elend, nackte Not, Hunger, „sexistische Dauergräuel“ und „serielle Gewaltorgien“ (Burkhardt), Entvölkerung und Massenflucht in irgendeiner Form relativieren zu wollen, macht auch Schmidt plausibel, dass die entsetzlichen Superlative durch eine „Kampagne“ des 19. Jahrhunderts im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verlebendigt wurden. Das Trauma ist das Ergebnis einer sowohl patriotischen als auch protestantischen Meistererzählung, die den Krieg zum „deutschen Alleinstellungsmerkmal“ stilisierte, zum deutschen Martyrium, zur deutschen Opfererzählung, aus der sich eine Mission ergebe. Das war dann der preußische Sendungsauftrag. 

Die Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges vertieften den österreichisch-preußischen Dualismus, den Zwist zwischen Habsburgern und Hohenzollern. Getrieben vom preußischen Sendungsbewusstsein, so Schmidt bissig, fiel das Gedenken im deutschen Revolutionsjahr 1848 „martialisch aus: Die Inszenierung folgte den Mustern des Alten Testaments“. Eine erneut religiös motivierte Aufladung der Geschichte setzte sich durch: „Der Krieg als Zeit der Reinigung und Läuterung und das folgende Dahinsiechen als letzte Probe vor der Erlösung, dem Gelobten Land des Nationalstaates.“ 

Ein Vabanquespiel mit Endzeitstimmungen zum 200. Jahrestag des Westfälischen Friedens. Aus der heutigen Rückschau kann man die Etappe einer aggressiven Politik festhalten, mit verheerenden Folgen im 20. Jahrhundert für ganz Europa. „Die Urkatastrophe und das Trauma des deutschen Volkes schuf erst die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts“, schreibt Schmidt. Die Lehren, die man aus der Beschäftigung mit diesem Krieg ziehen könnte, bestehen darin, dass dieses Lehrstück extrem instrumentalisiert wurde. Seine Lehren wurden „zum politischen Argument“. Mit der „Kaperung und Borussifizierung der deutschen Vergangenheit“ wurde der Westfälische Friede von 1648 zu einem Siegfrieden fremder Mächte stilisiert. Nicht das bis dahin beispiellose zivilisierende Moment des Friedensschlusses wurde in den Vordergrund gestellt, sondern das Vertragswerk von Münster und Osnabrück als Ursache politischer Ohnmacht und Unterdrückung gewertet – ein Narrativ, das 1919 wiederbelebt wurde, in der Bewertung des Vertrags von Versailles. 

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