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Pritzker-Preis 2013 Kulturelle Fixpunkte

Der japanische Architekt und Stadt-Utopiker Tojo Ito erhält wenig überraschend den Pritzker-Preis 2013 für sein Lebenswerk.

19.03.2013 16:34
Von Nikolaus Bernau
Toyo Itos Messetürme in Barcelona. Foto: dpa/Robichon

Nein, eine Überraschung ist diese Preisvergabe wirklich nicht, und auch kein vor allem aus politischen Gründen interessantes Wagnis, wie es die Vergabe des Pritzker-Preises an den jungen und weitgehend unbekannten chinesischen Architekten Wang Chu im vergangenen Jahr war. Die Juroren scheinen zum eigentlichen Sinn des Pritzker-Preises zurückkehren zu wollen, dieser mit 100.000 Dollar zwar bei weitem nicht am höchsten dotierten, aber ruhmvollsten Auszeichnung für Architekten weltweit. Also Künstler zu ehren, die ein reiches Lebenswerk vorzuweisen haben. Allein unter diesem Aspekt musste Tojo Ito endlich den Preis erhalten, ein Mann, der viel geplant und gebaut hat, dessen Werke in keinem anständigen Handbuch fehlen, über den – nicht zuletzt – seit Jahrzehnten gestritten wird.

Der fünfte Japaner

Er ist der fünfte aus Japan kommende Träger des 1979 von der Inhaber-Familie der Hyatt-Hotels begründeten Pritzker-Preises. Nur die USA waren mit sieben Preisträgern, kaum verwunderlich, erfolgreicher. Japan und die Moderne, das scheint eins zu sein, spätestens, seitdem Kenzo Tange – der 1987 den Pritzker-Preis erhielt – mit seinen kraftvollen Betonbauten der Nachkriegsarchitektur Lust am Material, am Raum, an der Utopie gab. Zwar ist es immer noch ein Streitthema der Kunstgeschichte, wie sich die strenge Ästhetik klassischer, vom Zen-Kult geprägter japanischer Paläste, Wohn- und Teehäuser einerseits und andererseits die Sehnsucht der Moderne nach Askese gegenseitig beeinflussten.

Ito ist kein ästhetischer Asket wie Tadao Ando (Preisträger 1995), der mit wunderbar gegossenen Betonwänden die Stille der Tempelgärten des 17. Jahrhunderts wiederaufleben lässt, will auch nicht wie das Team Saana (Preisträger 2010) mit zarten Hallen oder ätherischen im Himmelsgrau verschwimmenden Metallfassaden wie denen der Louvre-Dependance in Lens (vgl. FR vom 5.12.2012) den Weg zu einer regelrechten Nicht-Architektur in der Architektur beschreiten.

Ito ist mit seinen kräftig gebogenen und geknickten Formen ein Geschichtenerzähler, durchaus mit postmoderner Begeisterung für Ironie. Viel weniger die Tradition des Tee-Hauses als vielmehr die Fabulierlust der bunten Holzschnitte prägt sein Werk, die seit 1870 in Europa für Furore sorgten und dem Impressionismus eine kunsttheoretische Legitimation gaben.

Geboren 1941 in Seoul, während der japanischen Besatzung Koreas, eröffnete er 1971 nach dem Studium und der Tätigkeit im Büro Kiyonori Kikutakes – der zu den großen Betonarchitekten der Zeit gehörte – in Tokio ein eigenes Büro. Der Name: „Urban Robot“. Stadt-Roboter. Man sieht die japanischen Zukunftsfilme, die hemmungslose Technik- und Massenbegeisterung der Metabolisten der 1960er-Jahre geradezu vor sich.

Erst 1979, die Postmoderne hatte das einzelne Künstlertum rehabilitiert, wurde das Büro zu „Toyo Ito & Associates, Architects“ umgetauft. Der utopische Anspruch aber blieb: Das 2001 in Sendai eröffnete Medienzentrum, ein großer Glaskasten mit frei darin arrangierten Lese- und Lounge-Ebenen zerschlug die gerade auch in Japan so lebenskräftigen Bibliothekstradition des Bildungsarbeitsorts.

Inzwischen hat er so ziemlich alle Preise erhalten, die die Architekturwelt zu vergeben hat. So durfte Ito 2002 den Garten der Londoner Serpentine Gallery zu einem geradezu irrwitzig gefalteten Raumkunstwerk umgestalten, buckelnd und zuckend, möchte man sagen, 2005 erhielt er die ehrwürdige Goldmedaille des Royal Institute for British Architects und 2010 den kaiserlich-japanischen Premium Imperiale, 2012 den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig für sein Projekt eines kleinteiligen, mit den Opfern der Tsunami-Katastrophe zusammen organisierten Wiederaufbaus.

Von Beginn an wollte Ito mehr als nur ästhetisch anspruchsvolle Privathäuser bauen, für die er schnell bekannt wurde. Sein Ziel war das Haus für den modernen „Urbaniten“, wie man in den 1990ern in Planerkreisen nicht zuletzt auf Grund seiner Entwürfe zu jenen Großstadtmenschen sagte, die scheinbar überall leben können, mal hier, mal dort nippen am Konsum- und Informationsstrang, und die doch kulturelle Fixpunkte, ja, Orientierung suchen, die ihnen die Architektur geben soll.

Dafür entwarf er 1985 das poppige, schnell vielfach publizierte Projekt „Pao for the Tokyo Nomad Girl“, die, halten zu Gnaden, letztlich nicht besonders erfreuliche Vision einer ununterbrochen modernisierten, radikal dynamischen, aber den Kräften der Hochhäuser und der dauernden Bewegung auch ausgelieferte Gesellschaft.

Selbst der 2002 in Frankfurt-Eckenheim eingeweihte Kindergarten erzählt eine solche Geschichte der suchenden Ortlosigkeit: Leicht wie eine Zeltreihe sind die freundlich gewalmten Dächer konstruiert, tuchartig aufgespannte Schutzwände aus Beton garantieren mit kleinen Fenstern auch den Kleinen eine gewisse Intimität (und Sonnenschutz), ein Holzturm im Garten gibt Sicherheit und Perspektive.

Vor allem aber erlebt man hier eine architektonische Freundlichkeit und verschmitzte Heiterkeit, die in der Großstadt doch viel zu selten ist.

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