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Doku über jerusalemer Grabkirche Heiliger Unfrieden

Kein Hollywoodstudio hätte das Statistenheer bezahlt wollen, kein Kostümfundus es prächtiger ausgestattet. Die Doku "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen" darf sich im Kino zu Hause fühlen. Von Daniel Kothenschulte ( Mit Video)

Der Hüter der Grabeskirche in Jerusalem ist ein muslimischer Palästinenser. Foto: XFilm/Warner

"Ja, die Kopten tun mir auch schon mal leid", meint Franziskanerpater Robert. Sein Mitgefühl gilt den koptischen Christen, mit denen er sich ein Gotteshaus teilt. Und die sich nicht gerade freuen, wenn ihre Lithurgie durch die Orgelmusik der katholischen Messe gestört wird. "Aber Orgelmusik ist halt was Wunderschönes. Und wenn hier die volle Orgel ertönt, ist es noch mal schöner, katholisch zu sein. Schließt ja nicht aus, dass man auch Mitgefühl mit den andern hat."

Soviel Mitgefühl ist lobenswert in einer Wohngemeinschaft. Und das Haus, von dem dieser Dokumentarfilm erzählt, ist immerhin die Erste Adresse der Christenheit: Es ist die Grabkirche Jesu in Jerusalem. Den Kopten gehört darin nur eine winzigkleine Kapelle innerhalb des Kirchenraums. Damit geht es ihnen besser als den äthiopischen Christen. Ihnen steht - so will es die traditionelle Aufteilung - lediglich das Dach zu.

Seit Jahrhunderten wird das Heiligtum von sechs verschiedensten christlichen Konfessionen bewohnt, deren Privilegien unnachgiebig verteidigt werden. Sonst entstünde aus der eigenen Nachlässigkeit schnell das Gewohnheitsrecht des anderen. Denn das war schon immer so: Wer als Christ eine Mission hat, dessen Toleranz hat entsprechende Grenzen. "Eins ist klar", weiß Pater Robert. "Jesus wollte keine dreihundert Kirchen. Und die katholische Kirche verkörpert nun einmal diese Einheit." Da würde der griechisch-orthodoxe Kollege kaum widersprechen. Vorausgesetzt es ist von seiner Konfession die Rede.

Nicht alle Dokumentarfilme, die man im Kino sieht, sind dort auch am besten aufgehoben. "Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen" aber darf sich dort zu Hause fühlen. Schon mit den ersten Bildern füllt sich die Leinwand augenblicklich mit der staubigen Luft eines wahrhaft lebendigen Bauwerks. Und wahrscheinlich sind es weniger die Gebete als die Gefechte untereinander, die für diese Lebendigkeit sorgen.

Kein Hollywoodstudio hätte das agile Statistenheer bezahlen wollen, kein Kostümfundus hätte es prächtiger ausstatten können. Und vor allem: Kein Regisseur hätte das Chaos besser anzetteln können, das entsteht, wenn sich die Nutzungszeiten überschreiten. Und doch ist dies ein würdiger Film über Religion, der bei aller Zurückhaltung nicht nur dem äußeren Anschein vertraut. Dem Filmemacher Hajo Schomerus gelang nicht weniger, als das perfekte Gegenstück zu Philipp Grönings Klosterfilm "Die große Stille". Gläubige Christen können eben auch ganz schön laut werden. Zumindest wenn andersgläubige Christen in der Nähe sind.

Tatsächlich gibt es nur eine Figur in diesem Film, die allen Mietparteien des Hauses "Grabkirche" das gleiche Wohlwollen entgegenbringt. Es ist eine israelische Soldatin, die Wehrdiensteistenden im Teenageralter eine Führung gibt. "Hättet ihr gedacht, dass es so viele coole Christen gibt? Die Kopten haben es sich doch echt schön gemacht in ihrer winzigen Kapelle." Als wahrer Schutzpatron über dem christlichen Babel erweist sich schließlich ein Palästinenser: Abdikadr Joudeh verwahrt mit seiner Familie den Schlüssel, und er ist überzeugt: Würde er die Kirche nicht jeden Abend zuschließen - die Christen würden einander den Heiligen Krieg austragen.

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