Lade Inhalte...

Diskriminierung von Homosexuellen Homophob? Ich doch nicht ...

Der Berliner Autor und Blogger Johannes Kram spricht über Homophobie im links-liberalen Milieu und in der deutschen Comedy-Szene.

Homophobie
Homosexuelle Menschen haben immer noch gegen Diskriminierung zu kämpfen. Foto: imago

Wo sind die Lesben im Buchtitel? Wieso heißt es nicht: Ich habe ja nichts gegen Homos, aber…?
So müsste es eigentlich heißen, aber das Absurde ist ja, dass man meist von Schwulen spricht, wenn man eigentlich Homosexuelle, also auch Lesben meint. So wird die Ehe für alle beispielsweise in den Medien immer wieder Schwulenehe genannt, was natürlich Quatsch ist, genau wie der CSD keine Schwulenparade ist, sondern eine für die gesamte Bandbreite von LGBTI*. Der Buchtitel schaut also bewusst dem Volk aufs Maul. Und die gewohnheitsmäßige Ausblendung von Lesben ist nur ein Beispiel dafür, wie wenig der gesellschaftliche Blick auf Homosexuelle mit homosexueller Realität zu tun hat. Das gilt auch für andere Bereiche: Viele sind der irrigen Annahme, dass nach der Ehe für alle die Diskriminierung Homosexueller kein großes Problem mehr ist. Sie fragen sich: Was wollt ihr eigentlich noch, ihr habt doch jetzt alles erreicht. Dabei trauen sich am Arbeitsplatz nur ein Drittel aller Lesben und Schwulen mit ihrer sexuellen Identität so selbstverständlich umzugehen, wie ihre heterosexuellen Kolleginnen und Kollegen. Es läuft also nicht nur noch ziemlich viel falsch. Es wird auch immer schwieriger, darüber zu reden. 

Im Buch  diagnostizieren Sie eine Homophobie, die nicht diskutiert wird, weil sie aus der „linken“ Ecke kommt. Sind die klerikalen Rechten nicht deutlich gefährlicher?
Eindeutig ja. Die Aggression kommt von rechts. Selbst in der Union gehört Homophobie immer noch zum Markenkern, fast keinem Unionspolitiker gelingt es, die sogenannte konservative Wurzel ohne die Abwertung von Lesben und Schwulen zu erklären. Kramp-Karrenbauer ist ja nicht trotz, sondern wegen ihrer homophoben Ausfälle zur Generalsekretärin gewählt worden, weil die sonst als liberal geltende Politikerin somit auch den konservativen als vermittelbar galt.

Wieso ist das so?
Konservative brauchen die Homosexuellen zur Bestätigung ihrer Identität. Es darf nicht vergessen werden, dass Schwule wohl immer noch verfolgt würden, wenn es nach den christlichen Parteien gegangen wäre. Trotzdem gibt es Homophobie nicht nur da, wo es groß drauf steht, wie etwa bei der katholischen Kirche, der sogenannten Demo für alle oder der AfD. Weit verbreitete diffuse Homophobie gibt es auch in links-liberalen Kreisen. Man hat zwar nichts gegen Lesben und Schwule, aber ... Und mit dem „Aber“ meint man, dass es nun irgendwann einmal genug sein müsse mit der Gleichstellung, dabei kann es ein Zuviel an Gleichstellung nicht geben. Gleich heißt gleich, und wer hinter Maßnahmen zur Bekämpfung von Diskriminierung ein Privileg Homosexueller sieht, will entweder die Diskriminierung nicht wahrhaben, oder möchte sie klammheimlich beibehalten.

Woher kommt diese Angst, homophob zu sein?
In unserer Gesellschaft wird nur sehr oberflächlich über Themen wie Homophobie, Rassismus und Sexismus diskutiert. Es fehlt das Bewusstsein, dass wir alle nicht frei davon sind, weil wir in einer Gesellschaft groß wurden, in der das dazu gehört. Es ist also beinahe unmöglich, nicht homophob, nicht rassistisch, nicht sexistisch zu sein, doch statt diese strukturelle Verstrickung zu reflektieren, haben wir uns angewöhnt, jeden Hinweis etwa auf Homophobie entrüstet von uns zu weisen: Homophob? Ich doch nicht, ich habe viele homosexuelle Freunde! Ein Homophobievorwurf wird als Generalangriff auf die eigene Person verstanden.

Will man einfach nur nichts mit den Rechten gemein haben?
Gerade in links- liberalen Kreisen gehört es zum guten Ton, nicht homophob zu sein. Nichts gegen Lesben und Schwule zu haben ist auch eine Chiffre für Bildung und Weltoffenheit. Umso schwerer fällt es, sich mit den eigenen Denkmustern zu konfrontieren.

Sie schreiben von einem „Queeren Blick“ und fordern einen Perspektivwechsel. Wie soll das  gehen?
Es gibt nicht die homogene Mehrheitsgesellschaft und darunter die Minderheiten, die in ihr aufgenommen werden wollen. Wir sind alle Mehrheit und wir sind alle Minderheit, jeder von uns hat Merkmale, die uns strukturell privilegieren und welche, die uns benachteiligen. Eine Gesellschaft kann Diskriminierungen nur überwinden, wenn jeder auch in einem gewissen Maß bereit ist, sich den Perspektiven zu öffnen. Der Streit um öffentliche Unisex-Toiletten ist dafür ein gutes Beispiel. Warum fällt es so schwer zu akzeptieren, dass mit einer solchen vergleichsweise wenig aufwändigen Maßnahme ein tatsächlich für viele Menschen bedeutsames Problem behoben werden könnte?

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen