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Digitale Revolution Die letzte Chance

Die digitale Revolution zerstört die Gesellschaft und den Einzelnen. Ist das schlimm? Nein. Wir müssen uns nur neu orientieren. Nicht um etwas zu retten, sondern um etwas Neues zu schaffen.

Racks are seen in the new newspaper storage building in Boston Spa
In diesen gigantischen Metallständern will die British Library 750 Millionen Zeitungsseiten in klimatisch kontrollierten Bedingungen aufbewahren. Foto: REUTERS

Gefährdet die digitale Revolution unsere Gesellschaft? Das ist die mir gestellte Frage. Die Antwort fällt mir leicht: Selbstverständlich gefährdet die digitale Revolution unsere Gesellschaft. Sie wäre keine Revolution, wenn sie den Status Quo nicht gefährdete. Lassen Sie mich dennoch ein wenig ausholen.

1979 wurde in Berlin die taz gegründet, eine linksradikale Tageszeitung. Die Redaktion war damals im Wedding. Wenn wir aus der Haustür traten, und uns nach links wandten, sahen wir die Mauer, wandten wir uns nach rechts, blickten wir auf das Gelände der AEG. Ich genoss die Symbolik des Ortes: die kleine taz zwischen Großkapital und dem Krieg der Systeme. Der realexistierende Sozialismus war über die mitteleuropäischen Staaten, die wir damals „Osteuropa“ nannten, hergefallen und versuchte Ende des Jahres 1979 auch Afghanistan niederzuwalzen. Das war der Anfang von seinem Ende.

Jeden Mittag gegen 12 Uhr verließ ich die Redaktion, setzte mich in die U-Bahn und fuhr zum Bahnhof Zoo. Dort gab es und gibt es noch immer einen Zeitungsladen, der eine große Auswahl – 100 bis 150 – ausländischer Tageszeitungen, Illustrierten, Magazine und Zeitschriften führt. Beladen mit einem halben oder gar einem Dutzend Zeitungen fuhr ich zurück in den Wedding. Heute kann ich – weitgehend kostenlos – Tausende Zeitungen des Tages aus der ganzen Welt konsultieren und nutzen für meine Arbeit. Sie stehen alle im Internet. Die einzig wirklich wichtige Beschränkung sind meine Sprachkenntnisse.

Ich belästige Sie mit diesen Erinnerungen, weil ich durch sie gelernt habe, dass es zu einer Revolution gehört, dass sie nicht dort antritt, wo ich sie erwarte. Wir starrten damals nach Nicaragua, nach El Salvador. Und alle zwei, drei Jahre rüsteten wir unsere Schreibgeräte um. Wir dachten uns nicht viel dabei. Wir glaubten, uns unsere Arbeit zu erleichtern. Und sonst nichts.

Die digitale Revolution ist das wichtigste Ereignis im Leben der nach dem Zweiten Weltkrieg geborenen Menschen. Sie hat unser aller Leben radikal umgekrempelt. Selbst der Fall der Mauer, der Zerfall der Sowjetunion haben die Welt nicht so verändert wie sie. Spätestens seit den fünfziger Jahren sprach jedermann vom Ende des Industriezeitalters. Aber erst heute wissen wir, was danach kommt: die Produktion, die Distribution und der Konsum von Daten.

In den letzten Jahren hat eine Informationsexplosion stattgefunden. Als zum Beispiel 2003 Wissenschaftler das menschliche Genom entzifferten, hatten sie zehn Jahre daran gearbeitet, die drei Milliarden Basen-Paare zu sequenzieren. Heute kann jedes Genlabor diese Datenmengen an einem einzigen Tag verarbeiten. Auf den Finanzmärkten der USA wechseln täglich etwa sieben Milliarden Aktien den Besitzer. Zwei Drittel dieses „Handels“ – ein rührend die Realität verfehlender Begriff, wenn man daran denkt, dass „Hand“ darin steckt – werden von Computerprogrammen abgewickelt.

Bei Facebook werden zehn Millionen Fotos in der Stunde eingespeist. Drei Milliarden Mal am Tag klicken Facebook-Nutzer den „Gefällt mir“-Knopf oder kommentieren irgendetwas. Achthundert Millionen YouTube-Freunde laden jede Sekunde einen Film herunter, der länger als eine Stunde dauert. Im Jahre 2012 wurde weltweit 400 Millionen Mal am Tag getwittert. Google verarbeitet pro Tag mehr als 24 Petabytes. Ein Gigabyte sind 1 Milliarde Bytes. Die braucht man, um einen normalen Spielfilm zu speichern. Ein Terabyte ist eine Billion Bytes. 10 davon braucht man, um die gesamten Buchbestände der US Library of Congress zu speichern. 1 Petabyte ist eine Eins mit 15 Nullen. 5 Exabyte, eine Fünf mit 18 Nullen, ist die Zahl aller jemals von Menschen gesprochenen Laute.

2013 waren weltweit etwa 1200 Exabytes Daten gespeichert. Weniger als zwei Prozent davon wurden nicht-digital aufbewahrt. Steckte man diese 1200 Exabytes in CD-ROMs, so würden die, so Martin Hilbert, fünf Türme ergeben, von denen jeder bis zum Mond reichte. Hilbert lehrt Kommunikation und Journalismus an der University of Southern California und versucht auch, sich das Unvorstellbare vorzustellen.

Langsam wird mir klar, dass es nicht mehr darum geht, sich diese Mengen vorzustellen. Sie zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie unvorstellbar sind. Man verfehlt eine der Pointen dieser Revolution, wenn man glaubt, sie zu verstehen, müsse man sie sich vorstellen. Das Vorstellen gehört zur prädigitalen Welt. Beim Vorstellen fügen wir Einzelnes zusammen. Wir stellen Behälter, die wir als feste Größen betrachten, übereinander, um uns ein Bild von Umfängen zu machen. Das geht an der Sache vorbei. Bisher kam es darauf an, genau zu zählen. Eins, zwei, drei. Diese Mengen sind nicht zählbar. Sie werden geschätzt. Sie merken: Meine Geschichte kippt. Eben noch nichts als Jubel über die Massen an Information, die jedem einzelnen Nutzer zu Verfügung stehen und plötzlich spielt das Einzelne, der Einzelne keine Rolle mehr? Wir merken uns diesen Punkt.

Wer eine Musik hören, wer einen Film sehen, wer seinen Freunden etwas mitteilen möchte, der kann es sofort tun. Triebaufschub wird im Internet nicht geboten. Dafür ist es nicht zuständig. Im World Wide Web, in den sozialen Medien gilt: Je schneller Sie Ihre Wünsche befriedigen, desto schneller wachsen neue nach. Darin ist das Internet Meister: Es ködert uns mit dem ständigen Wechsel der Befriedigung eines und der Weckung ständig neuer Bedürfnisse. In gewaltig wachsendem Tempo. Früher lagen einmal zwischen dem Larghissimo und dem Prestissimo 14 Tempi und ein Largho konnte es zu Weltruhm bringen. Heute wird schon bei einem Andante gelangweilt weitergezappt. Merken Sie, wie die digitale Revolution unsere Gesellschaft zerstört?

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Aber sprechen wir noch einmal von der Bedürfnisbefriedigung. Das Aufsparen von Erfüllung gehört für viele von uns zur Menschwerdung hinzu. Für die christlich Geprägten unter uns gilt sogar: Die wirkliche Erfüllung gibt es erst ganz am Ende. In dieser Welt ist sie nicht zu haben. Vielleicht kommt Ihnen das ein wenig weit hergeholt vor, aber es geht mir um den radikalen Wandel des Menschenbildes, der beim Blick ins World Wide Web entsteht. Ich glaube nicht an Gott und nicht an das Jenseits, ich halte auch nichts von Triebaufschub. Aber, obwohl ich an all das nicht glaube, mag ich mir eine von gewissermaßen Daumen lutschenden Internet-Konsumenten eingerichtete Welt nicht vorstellen.

Noch etwas: Unsere Gesellschaften sind national. Im Internet aber bildet sich eine Weltgesellschaft. Nein. Es bilden sich Weltgesellschaften. Ich erinnere mich an eine Website, auf die ich vor vielen, vielen Jahren geriet. Sie war Ingmar Bergman gewidmet. Dort stieß ich auf den Dialog eines jungen Mannes in Texas mit einer jungen Frau in Guadalajara. Beide waren begeistert von Bergmans Film „Das Siebente Siegel“. Beide waren mit ihrer Liebe zu diesem Film in ihrer Umgebung völlig allein. Sie waren Außenseiter ihrer Gesellschaften. Im World Wide Web konnten sie über Ingmar Bergman sprechen, ohne ausgelacht zu werden. Das Internet schafft Gesellschaften. Die von Bergman-Liebhabern wie die von Pädophilen, von Gewaltorgiasten und Freunden des indischen Philosophen Nagarjuna. Es verbindet die Volapük-Sprecher miteinander und die Guppy-Halter. Das Internet schafft Gesellschaften, indem es alte zerstört. So funktioniert Revolution.

In Platons wohl 370 vor Christus entstandenem Dialog „Phaidros“ erzählt Sokrates, wie ein ägyptischer Dämon den Pharao davon zu überzeugen versuchte, die Schrift einzuführen. Sie werde „die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen“. Der skeptische Pharao hielt dagegen: „Wer die Schrift erlernt, erlernt das Vergessen, denn das Erinnern wird nicht mehr geübt werden. Man wird auf die Schrift vertrauen, also auf fremde Zeichen von Außen, statt in sich selbst, in seinem Innern, das Erinnern zu finden. Nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du deinen Schülern nur den Schein, nicht die Wahrheit. Wenn sie vieles gehört haben – ohne Belehrung –, werden sie sich einbilden, viel zu verstehen, obwohl sie doch größtenteils nichts verstehen und auch noch schwer zu ertragen sind im Umgang. Sie sind zu Dünkelweisen geworden und nicht zu Weisen.“

Das Internet ist unser ausgelagertes Gedächtnis. Es hat den Vorteil, unser aller Gedächtnis zu sein. Ich kann mir dort holen, was ich nicht erfahren habe. Ich kann Wissen weitergeben – wie ich es hier gerade tue –, das ich in Wahrheit nicht habe. So sehr wir dazu neigen mögen, Platon recht zu geben – „im Umgang schwer zu ertragen“ trifft die Vorurteile von manchen von uns gegenüber Nerds einfach zu genau –, es führt doch kein Weg daran vorbei, dass, wenn wir von Kultur sprechen, wir wesentlich die Fähigkeit meinen, von außen erworbenes Wissen zu nutzen. Bei der Kultur geht es uns gerade nicht darum, das Innere nach außen zu tragen, sondern umgekehrt darum, den Einzelnen – ich sage es mal so – welthaltiger zu machen.

Sokrates redet wie ein moderner Medienpädagoge. Das Schöne am Buch und das Schöne am Internet aber ist, dass es so viele Belehrungen darin gibt. Der Medienkonsument sucht sich aus, was ihm davon gefällt. Genau das mochte Sokrates nicht und da wittert auch der heutige Pädagoge die Gefahr. Es geht in Wahrheit nicht um Belehrung. Es geht um die richtige Belehrung. Es geht um Meinungshoheit. Sie ist einer der Grundsteine jeder Gesellschaftsordnung. Die digitale Revolution gefährdet sie. Sie stellt die alte Frage nach der Erziehung der Erzieher. Wenn ich vorhin den Internet-User in die Nähe eines narzisstisch am Daumen lutschenden Kindes rückte, so tat ich das, um auf eine Gefahr hinzuweisen. Der Rekurs auf Platon half mir zu begreifen, dass Gefahren richtig gesehen werden können und doch nicht verstanden.

Das Internet verändert das Innen und das Außen, das Verhältnis von Information und Erkenntnis, es gefährdet nicht nur unsere Gesellschaft, es baut sie und also auch uns, jeden Einzelnen, um. Das in der Schrift aufbewahrte Wissen über den Irrtum des Sokrates könnte uns helfen, nicht in die Falle zu gehen, den Untergang unserer Welt für den der Welt überhaupt zu halten.

Wir werfen pubertierenden Jugendlichen vor, sie zögen sich aus der Welt zurück, vernachlässigten ihre Freunde, um sich ganz im Netz zu bewegen. Dabei haben wir es einmal genau so getan. In der Pubertät lösten wir uns aus den Bindungen der Familie und machten uns auf die Suche nach Alternativen. Wir verschwanden in Kinos und in der Musik. Ich sage das, nicht um das Internet zu verharmlosen. Ich möchte nur daran erinnern, dass die Menschheit nicht aufs Internet warten musste, um sich die Fragen zu stellen, die wir heute an Hand des Internets diskutieren.

Die Welt ist das Netz. Es ist keiner mehr da, der ein Monopol hätte, uns Mores zu lehren. Oder besser, jeder von uns belehrt jeden. „Beim vernetzten Wissen“, so der amerikanische Internet-Philosoph David Weinberger, „ist die schlaueste Person im Raum nicht mehr die, die vorne steht und uns belehrt. Es ist auch nicht die Gesamtheit der Kenntnisse der Menschen im Raum. Die schlaueste Person im Raum ist der Raum selbst: Das Netzwerk, das die Menschen und die Ideen im Raum verbindet und sie mit denen verbindet, die nicht im Raum sind.“ Wissen ist untrennbar verbunden, mit den Netzwerken, in denen es erzeugt, geteilt und verwertet wird. Unsere Aufgabe ist, so Weinberger: smart rooms zu schaffen. Räume also, in denen es uns gelingt, möglichst viel vorhandenes Wissen zu mobilisieren für die Lösung der uns bedrängenden Fragen.

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Doch: Das Internet ist kein smart room. Wir werden, wenn wir überleben wollen, es in smart rooms zerlegen müssen. In miteinander kommunizierende, einander unterstützende, einander widersprechende smart rooms. Irgendwo fand ich den Satz: Niemals habe es in der Weltgeschichte eine größere Anarchie gegeben als heute im Netz. Das ist richtig. Aber jeder, der Erfahrung hat mit herrschaftsfreien Strukturen, weiß: Das ist der Nährboden der Tyrannei. Wo es keine Gesetze gibt, bestimmt der Stärkste, wo es langgeht.

Ich sprach bisher nur als Konsument des Internets. Schon aus dieser Perspektive gefährdet das Internet nicht nur die Gesellschaft, sondern es zerstört sie. Noch einmal anders sieht die Situation aus, wenn wir uns klarmachen, dass das Netz, in dem wir uns scheinbar frei bewegen, mit jeder unserer Bewegungen uns besser versteht. Ich sprach auch nur von dem Wissen, das das Netz uns gibt. Die viel größere Gefahr geht aber aus von dem Wissen, das wir dem Netz geben. Das Netz sind wir alle. Schon das sollte uns klar machen, dass das Internet der politische Raum ist. Wenn irgendwo, geht es hier um die Macht. Doch weder in den Medien noch in der Politik wird darüber gestritten, wie wir das Internet – sagen wir mal – verrechtlichen können.

Das ist eine politische Frage. Sie beginnt mit: Was wollen wir schützen? Wen wollen wir schützen? Für uns ist völlig klar, dass das der Einzelne ist. Sie erinnern sich? „Spielt der Einzelne keine Rolle mehr? Wir merken uns diesen Punkt.“ Hatte ich zu Anfang gesagt. Jetzt sind wir beim Einzelnen. Der verschwindet aber in den Billionen von Daten. Er verschwindet darin, weil es prinzipiell gerade nicht auf ihn ankommt. Für das Internet und seine Betreiber ist er ein Datensatz von Datensätzen. Amazon macht ihm Vorschläge, welche Bücher ihn interessieren könnten, Reiseportale schicken ihm berechnete Anregungen. Er sieht darauf. Es interessiert ihn nicht. Er fühlt sich nicht erkannt, also vergisst er das. Was er nicht vergessen sollte, ist, dass der Kaufhof am Alexanderplatz in Berlin weiß, dass er sich vorzugsweise von Schichtnougat, Joghurt und tiefgefrorenen Lachsfilets ernährt. Seine Krankenversicherung wäre an diesen Daten sehr interessiert, wenn erst einmal die Beitragshöhe abhängig gemacht worden wäre von den Risikofaktoren, die die Lebensweise des Versicherten mit sich bringt. Das kommt Ihnen sehr konjunktivisch vor? Warum sollten die Versicherungen auf Dauer auf die Ausnutzung dieses Wissens verzichten? Nur wenn die Politik dazwischenfährt.

Die Politik aber hat stärkstes Interesse an der Beschneidung der Rechte des Einzelnen. Der Kampf zwischen ihm und dem Staat ist ja ihre Grundbewegung. Man denke nur an den Unsinn der von CDU und SPD so freudig geforderten Vorratsdatenspeicherung. Es gibt eine scheinbar fernliegende Bedrohung, die der Umgang mit großen Zahlen mit sich bringt. Statistisch lassen sich „Problemgruppen“ der Bevölkerung definieren. Das reicht von der Wahrscheinlichkeit der Vererbung bestimmter Krankheiten bis hin zu ganzen Milieus, die zum Beispiel kriminalitätsfördernd sind. Eine präventiv orientierte Politik würde gegen sie vorgehen. Dabei würde die Schuldfrage im Einzelfall keine Rolle spielen. Das stellt unser Rechtssystem in Frage. Wir gehen von der Unschuldsvermutung aus. Die Statistik tut das nicht. Sie kapriziert sich auf die Schuldvermutung, auf die Logik der Korrelation.

Big Data schafft Überblick und Einblick bis ins Intimste. Wir erschrecken davor. Zu Recht. Wir sehen, wie fragil unser Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist. Es wird bedroht nicht nur vom Staat, von Unternehmen. Wir selbst rücken viel zu viel von unseren Daten heraus. Desto wichtiger ist, dass wir ein Recht darauf haben, die Daten löschen zu können. Das setzt voraus, dass sie so gespeichert werden, dass man sie löschen kann. Die Aufgabe wird nicht leichter dadurch, dass Big Data uns Aufklärung verschafft in einem bisher unbekannten Ausmaß. Das menschliche Genom ist entschlüsselt. Das war der Anfang. Wir werden bald auch genauer über das Gesellschaftstier Mensch Bescheid wissen als alle Soziologen bisher. Wir werden verstehen, wie unsere Psyche unsere Physis beeinflusst und umgekehrt. Aber wir wissen heute nicht einmal, wer dieses Wir sein wird.

1784 erschien in der Berlinischen Monatsschrift ein kleiner Aufsatz, der mit den Sätzen begann: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Beinahe hätten wir den Mut vergessen! Ohne ihn geht gar nichts. Wer ihn nicht hat, der gibt auf, ohne es probiert zu haben. Wir haben Angst vor dem, das wir nicht kennen und wir haben Angst davor, es zu kennen. Das riesige, das gewaltige Internet – es macht uns auch Angst. Wir verstehen nicht, wie es funktioniert. Wir begreifen nicht, was es wie mit uns macht. Wir merken nur, wie es uns erfasst. Wir wissen nicht, wie wir mit dieser Umarmung umgehen sollen. Sollen wir uns selig hingeben oder fliehen vor ihr? Kants Sätze wenden sich an den Einzelnen. In einer Welt, in der der weit weniger etwas zu sagen hatte als heute. Kants Einzelner hatte kein Internet.

Gefährdet die digitale Revolution die Gesellschaft?

Die digitale Revolution zerstört die Gesellschaft, den Einzelnen, den Staat und die Staatenwelt. Das heißt aber nicht, dass es keine Gesellschaft, keinen Einzelnen, keinen Staat, keine Staatenwelt mehr geben wird. Es heißt nur, dass wir uns in einem globalen Handgemenge befinden und sehen müssen, dass wir uns orientieren. Nicht um irgendetwas zu retten, sondern um etwas Neues zu schaffen aus dem, das gerade zerstört wird. Wir sind die Neandertaler. Es hat keinen Zweck, uns darauf etwas einzubilden und für uns bleiben zu wollen. Da drüben steht der Homo Sapiens. Er ist schwach. Im Kampf Mann gegen Mann zieht er immer den Kürzeren. Aber er ist besser vernetzt mit seinen Artgenossen und seiner Umwelt. Auf Dauer ist er uns über. Schaffen wir auch einen smart room, uns mit ihm zu paaren. Das ist unsere letzte Chance.

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