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"Die Wand" verfilmt Die Ballade von Frau Robinson

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ - 1963 erschienen - ist nun endlich verfilmt. In der surrealen Geschichte entdeckt die namenlose Protagonistin, von Martina Gedeck gespielt, eine unsichtbare Wand in einem Wald.

Martina Gedeck als Die Frau mit Hund "Luchs". Foto: dapd

Der Maler René Magritte hatte einen Bewunderer in Düsseldorf, der ihm regelmäßig Bildideen übermittelte. Geduldig schrieb der Belgier dann zurück, warum sie seiner Meinung nach nicht funktionierten. Die Idee mit der schweren Mamorsäule auf einem Teppich zum Beispiel: Auf dem Papier klingt das vielleicht ganz surrealistisch. Doch bei einem Gemälde könnte niemand sagen, ob man nicht einfach ein passendes Loch in den Teppich geschnitten hättte, um ihn um die Säule herum zu legen.

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ hätte Magritte wegen der surrealen Grundidee bestimmt gefallen: Da stößt die namenlose Protagonistin plötzlich an eine unsichtbare Wand, die das kleine Waldstück mit der Jagdhütte, in der sie sich aufhält, vom Rest der Welt isoliert. Malen allerdings ließe sich wohl auch dieser großartige Einfall nicht. Denn anders als in den löchrigen Nachthimmeln des Belgiers, durch die der Tag hindurch scheint, sieht es auf beiden Seiten von Haushofers Wald-Welt genau gleich aus. Nur dass die Menschen außerhalb des isolierten Spielorts wie eingefroren dastehen: Versteinert wie die Schlafenden am Königshof von Dornröschen. Ob das wohl im Kino besser funktioniert?

Eine „Katzengeschichte“

Fünf Jahrzehnte nachdem die Österreicherin Haushofer ihr bekanntestes Werk verfasste, hat sich mit Julian Pölsler endlich ein Regisseur an die Verfilmung gewagt. Was ihn an Haushofers Werk, das sie ironisch eine „Katzengeschichte“ nannte, vor allem inspiriert, ist der Naturalismus. So hat Pölsler fast einen Naturfilm gedreht: Mit nicht weniger als sechs bekannten Kameraleuten erkundete er die passende Almlandschaft, das Salzkammergut, und sammelte Wald- und Bergpanoramen in jeder erdenklichen Lichtstimmung rund um die Hauptdarstellerin Martina Gedeck. Und tatsächlich: Im Verzicht auf jede Expression in Bild, Schnitt oder Musik kommt er Haushofers Text sogar besonders nahe. Und lässt uns ein älteres Filmgenre wieder entdecken, den Bergfilm: „Die Wand“ ist vielleicht der erste Vertreter dieses einzigen urdeutschen Filmgenres seit den Tagen von Leni Riefenstahl und Luis Trenker. Nur in einem unterscheidet er sich von diesen Pionieren: Wo sie allein die Bilder sprechen ließen, wird in „Die Wand“ fast ohne Unterbrechung vorgelesen. „Verdutzt streckte ich die Hand aus und berührte etwas Glattes und Kühles: Einen glatten und kühlen Widerstand an einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft.“

Martina Gedeck, die allein durch ihre glaubhafte Präsenz aus den Naturbildern einen Spielfilm macht, ist eine bewährte Vorleserin. Nur beschweren Text und Bild einander durch die Verdopplung ungemein. Was Pölsler nicht darstellen kann, lässt er weg. Und so entwickelt man ein ungesundes Misstrauen gegenüber der Erfindung. Was ist etwa mit dem Bach, der auf die unsichtbare Wand zufließt? Müsste er sich nicht stauen? Im Roman wird genau beschrieben, wie die anschwellenden Wassermassen unter der Wand wieder abzufließen scheinen. Doch für diesen Effekt fehlte vielleicht das Geld, vielleicht scheute man auch den Griff in die Trickkiste. Aber wäre es dann nicht klüger, überhaupt auf die Dopplungen zwischen Bild und Text zu verzichten? Es ist schade, dass Julian Pölsler, der sein Handwerk bei Axel Corti, einem Meister der Literaturverfilmung, lernte, seinen Bildern das nicht zutraut.

Geheimnisvolle Faszination der Frauenfigur

Man kann sich fragen, wie wohl im Entstehungsjahr 1963 eine Verfilmung ausgesehen hätte. Die Idee hätte sich geradezu angeboten für das vom Existenzialismus beeinflusste Kunstkino jener Zeit. So sachlich, wie Haushofer ihre rätselhafte Utopie entwickelt, hat man gleich Bilder wie in Filmen von Michelangelo Antonioni, Robert Bresson oder Alain Resnais vor Augen. Auch der junge Roman Polanski hätte gewiss etwas damit anfangen können: Sein Film „Ekel“ (1965) ist vielleicht das Ähnlichste, was das Kino zu Haushofers höchst eigenständiger Vision zu bieten hat. Der Lebensraum einer Frau wird darin zum Spiegel ihrer Innenwelt.

Tragischerweise blieb Haushofers Roman zunächst fast ohne Wirkung. Erst die feministische Literaturkritik machte das Buch in den 1980ern, lange nach dem Tod der Autorin im Jahr 1970, bekannt. Auch im Film behält die selbstbestimmte Frauenfigur ihre geheimnisvolle Faszination. Verstörender noch als die irritierende Vision eines Fortlebens in der Natur innerhalb einer geschlossenen Welt ist der Überlebensgeist der Protagonistin. Der Verlust der Menschen in ihrem Leben lähmt sie nicht und bekümmert sie wenig. Wie befreit bewältigt sie die Anforderungen ihrer Robinsonade.

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