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"Die Türen" Midlife ohne Krise

Sehr gut! Zum zehnjährigen Jubiläum von Label und Band haben Die Türen nun ein fetziges, lustiges und zartfühlendes Album gemacht.

10.02.2012 16:12
Tobi Müller
Die Band Die Türen feiern Zehnjähriges mit einem Schwellenalbum. Foto: staatsakt

Ab wann ist man eigentlich eine Berliner Band? Ähnlich lange wie in gewissen Hauptstadtkreisen gilt man nur noch in Nordkorea und im besetzten Samariterkiez als Zugezogener. Die Türen haben sich vor just zehn Jahren in Berlin gegründet. Allerdings als Wiedervereinigung von Jugendfreunden aus dem Münsterland. Maurice Summen, Ramin Bijan und Gunther Osburg dümpelten da schon um die dreißig herum. Statt die Haare zu färben und bei Plattenfirmen Klinken zu putzen, gründeten sie ihr eigenes Label: Staatsakt.

Staatsakt ist mittlerweile die Firma für die Kostüm- und Elektropunkband Bonaparte, die auch auf großen Festivalbühnen spielt. Ja, Panik, die so sperrig-feinsinnigen Lieblinge vieler Musikzeitschriftenleser, zogen zu Staatsakt, und Christiane Rösinger feiert beim Label ein Comeback. Tobias Jundt, der Kopf von Bonaparte, kommt aus der Schweiz, der Ja, Paniker Andreas Spechtl aus Österreich und Christiane Rösinger aus Kreuzberg mit süddeutschem Hintergrund. Staatsakt ist eine Art 3-Sat des Indierock.

Zehnjähriges Jubiläum

Zum zehnjährigen Jubiläum von Label und Band haben Die Türen nun ein fetziges, lustiges und zartfühlendes Album gemacht. Es lässt im Titel „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“ alles offen, und wer eine CD oder eine LP kauft, kann sich die Buchstaben mit allerlei pophistorischen Symbolen wie Bananen, Smileys und Discokugeln selber auf die weiße Hülle kleben. Lustig ist so manches bei den Türen, doch der reine Spaßbefund führt in die Irre. Sie haben auch schon mal die Vorgruppe für Die Ärzte gegeben, was unter Ärzte-Fans bis heute für Ärger sorgt. Funpunk ist anders.

Im Kern handelt das ABC-Album vom Stillstand, vom Nichtwissen, vom Übergang. Die Türen haben jetzt ihr Schwellenalbum. Spricht man mit Maurice Summen, dem Sänger und Staatsakt-Chef – Lesern der Berliner Zeitung auch als Popkritiker bekannt –, bleibt das Wort Midlife stehen, während man Krise sofort streicht. Summen: „Wir sind fast alle Familienväter, doch Die Türen waren immer ein sehr freiheitliches, ja anarchistisches Kollektiv. Das ist nicht immer einfach: Vom Abendbrottisch zum Anarchostammtisch zu wechseln – inhaltlich wie zeitlich.“

Man hört diesen Spagat auch in der Musik: Trotz Stichelgitarren, ein paar Elektrobässen, treibendem Sixties-Schlagzeug und einem oft hämmernden Klavier ist das immer wieder Kindermusik. „Was ist der Mensch? Ein Rententier. Ein Ren-ten-ten-ten-ten-rententier!“, „Wir sitzen alle im selben / schwarzgelben Unterseebot“, oder auch die Zeile „Du hast gelogen, Mutter!“Für die ganze Familie gedacht ist „Ich will keinen Mindestlohn / Ich will Mindestliebe!“, auch weil Summen in der Phrasierung seine Liebe zur Schlagermusik verrät.

Die Band hat Muckerqualitäten

Die Türen sind auch deshalb eine ungewöhnliche Indieband, weil sie Muckerqualitäten haben. Heißt: Sie spielen gut, in Post-Punk-Kreisen traditionell verboten. Diese Freude am Handwerk ermöglicht, das wiederkehrende Zeit-Thema musikalisch umzusetzen. „Rentner und Studenten“ dauert über elf Minuten, während deren gut acht wird aber nicht gesungen, sondern nur geschraddelt, irgendwo zwischen Bob Dylan, LCD Soundsystem und Krautrock. Wenn man schon über die verlorene Zeit sinniert, kann man sie sich ruhig auch mal nehmen. Der letzte Song wiederholt das Prinzip und ruckelt „auf dem Schimmel of Love“ in einen seniorenhaft coolen Bluesrock.

Kaum eine Band mit klassischem Rock-Instrumentarium arrangiert derart eklektizistisch wie Die Türen, man kennt das Stilspringen und Genrelaufen sonst nur von elektronischen Acts. Mit Chris Imler am Schlagzeug, Michael Mühlhaus an Piano und Keyboards sowie dem eckigen Gitarristen Andreas Spechtl (von Ja, Panik) klingt der Mix nie nach Extremsport. „Wir komponieren gemeinsam am Computer, und übertragen die Musik erst am Schluss auf die Bandinstrumente“, sagt Summen. So entsteht ein plötzlicher und überzeugender Reggae-Übergang wie in „Pop ist tot“, und manche glamourisierte Roxy-Music-Haftigkeit, bevor man wieder trockener losdengelt .

Es gibt aber noch einen biografischen Grund für diese schier allumfassende Liebe zur Musikgeschichte. Der Vater von Maurice Summen war Disc Jockey. Vielleicht erklärt das selbst Summens tipptoppe Laune an diesem kalten Tag, wenn wir über Altersarmut und das Musikgeschäft reden. Wenn die Verhältnisse schon nicht tanzen, muss man es eben selber tun.

Die Türen: ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ (Staatsakt/Indigo)

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