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Die sieben Türme von Bicocca

Urgründe des Seins und der Zeit: Anselm Kiefers monumentale "Himmelspaläste" als neue Attraktion Mailands

Zwei der insgesamt sieben Türme umfassenden Installation bezeichnet Anselm Kiefer als "Twin Towers". Foto: Museum

Wie hätte man sich, wenn denn die Phantasie so weit ausschweifen wollte, Palastbauten einer himmlischen Architektur vorzustellen? So wahrscheinlich eher nicht: Als schwer beschädigte, vom Einsturz bedrohte, trotz ihrer leichten Schieflage hochaufragende, graue Ruinen-Türme aus Stahlbeton, zusammengesetzt aus jeweils fünf rechteckigen Elementen im Format von Großcontainern, die Zwischendecken im Innern oft durchschlagen wie von Meteoriten oder Bombentreffern. Gebilde sind das, deren Ästhetik mehr eine des Schreckens als der erlösenden Befreiung von den Zwängen und Leiden des Irdischen ist. Und doch nennt Anselm Kiefer die vom ihm erdachten und erbauten sieben, bis zu 27 Meter hohen Türme, die seit einigen Tagen im Dämmerlicht einer mächtigen Halle in Mailand zu sehen sind, "Himmlische Paläste".

Pathos einer Ruinenlandschaft

Tatsächlich jenseitig ist das Pathos dieser in ihren Ausmaßen gewaltigsten Installation, welche die zeitgenössische Kunst bislang hervorgebracht hat, um vieles gewaltiger sogar als Richard Serras an den Grenzen der Schwerkraft errichteten riesigen Stahlplatten: Es ist das Pathos einer Ruinenlandschaft, in der Zeit und Geschichte zum Stillstand gebracht und aufgehoben sind. Die Wirkung transzendiert den rohen Baustoff und das Trümmerhafte der Turmbauten. Die Empfindung ist die einer Entrückung: Die Halle betretend, verlässt uns die Gegenwart, und verlassen wir sie.

Ein Monumentalwerk der heutigen Kunst, zu der Kiefer seine Arbeiten allerdings niemals gezählt wissen wollte, bringt sich hier zur Geltung mit dem höchsten Anspruch: der Absicht, den Betrachter einzustellen auf die sinnliche Erfahrung mystischer (und auch mythischer) Urgründe des Seins und der Zeit. Der Künstler stelle, nach Kiefers eigener Definition, einen Zusammenhang her, den sonst niemand herstellen könne, er stifte Sinn, indem er etwas Sinnloses mache - es ist dieses Ethos des Sinnstifters, das Kiefers Arbeit seit langem bestimmt und in dem Mailänder Werk nun sich abermals ausdrückt.

Das Monument der sieben Türme enthält viele Sinnschichten. Eine ergibt sich aus der Anspielung auf die urbane Landschaft - da Mailand der Schauplatz ist, also auf die alten Glockentürme der Kirchen der Stadt wie etwa auch auf Gio Pontis Pirelli-Gebäude, einen der ersten Hochbauten der italienischen Moderne. Doch ist diese Beziehung nicht von der Art einer Bestätigung der Triumphe älterer und neuerer Architektur: Vielmehr sind die gefährlich sich neigenden, von Zerstörung gezeichneten Türme Kiefers antizipierende Erinnerung an den unvermeidlichen Verfall und die jedem Bau, so hoch hinaus er auch will, von Anfang an einbeschriebene Vergänglichkeit.

Alles Tand, die Werke von Menschenhand. Dass zwei der Türme als "Twin Towers" bezeichnet werden (andere heißen "Melancholie", "Ararat", "Falling Picture") aktualisiert diese Skepsis.

Tiefergründend sind die vielfältigen, in den Arbeiten Kiefers häufig aufgenommenen Bezüge zur Merkaba-Mystik der frühen nachchristlichen Jahrhunderte, Visionen eines göttlichen Thronsaals und eines Thronwagens, der sich durch die sieben Himmelspaläste aufwärts bewegt. Wobei der Idee des Aufstiegs, wie sie sich in den Türmen vergegenständlicht, der Gegengedanke des Abstiegs innewohnt.

Hinab ins Reich der Toten

In seinem ausgreifenden Essay zur Ikonographie Kiefers hat Wieland Schmied (bei Ropac, Salzburg, 2003) darauf hingewiesen, dass die Merkaba-Mystiker, wenn sie ihre Wanderung durch die Himmelspaläste hin zum höchsten Thron antraten, zunächst stets von einem Abstieg sprachen: "Wo wir also einen Aufstieg und eine Himmelswanderung beschrieben finden, wird von einem Abstieg gesprochen, als führte der Weg hinab ins Reich der Toten." Die im Inneren der Türme gewaltsam durchbrochenen Decken zwischen den Etagen ließen sich demnach deuten als Spur dieser gegenläufigen Bewegung. Alleingestellt oder zu zweien nebeneinander staffeln sich die Bauten tief hinein in den Hangar. Wie die verdunkelten Bilder Mark Rothkos in Philip Johnstones Kapelle in Houston, Texas, vermittelt der Eindruck etwas von der Ersatzfunktion, welche die moderne Kunst, ihrer säkularen Emanzipation entgegen, für Kirche und Religion übernommen hat. Die Halle liegt im Stadtteil Bicocca, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts als stadtnaher Industriebereich angelegt wurde und sich während der letzten Jahre zu einem Konglomerat von Verwaltungsbauten entwickelt hat.

Die Zone, etwa zwanzig Autominuten entfernt vom Zentrum Mailands, soll kulturell aufgewertet werden, so hat auch das als Ausweich-Spielstätte für die in Renovierung begriffene Scala erbaute Opernhaus "Arcimboldi" hier seinen Standort. Noch immer sind aber zwischen den neuen Bürohäusern die Reste aufgegebener Fabriken auszumachen. Dazu gehört auch der von der Firma Pirelli einst für die Herstellung von Eisenbahn-Wagons genutzte Hangar, der als zukünftiger Ausstellungsort nun das zweite kulturelle Großprojekt von Bicocca ist.

Anselm Kiefer hat die ihm anvertraute Eröffnung der neuen Kunsthalle zum Anlass genommen für ein gleichsam finales, nicht auf den Wechsel, sondern auf Permanenz hin angelegtes Werk. Die außerordentliche Wirkung nämlich, aber auch der durch finanzstarke Sponsoren (vor allem die Deutsche Bank, Morgan Stanley, Siemens und die italienische Telefongesellschaft Tim) ermöglichte, immense Aufwand der "Himmelspaläste", machen es schwer vorstellbar, dass die Türme für irgendeine andere Ausstellung schon nach einigen Wochen wieder abgerissen werden. Was hier entstanden ist, scheint vielmehr ein Monument, das, hat sich erst herumgesprochen, was da zu sehen ist, kein Besucher Mailands wird auslassen wollen.

Hangar Bicocca, Viale Sarca 336, Mailand. Geöffnet Di - Sa :12 - 19 Uhr, bis 7. Dezember.

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