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Deutsches Architekturmuseum Verführung durch Elementarteilchen

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt präsentiert eine prachtvolle Schau über Architekturmodelle. In unmittelbarer Nachbarschaft Werkzeuge und Fetische.

Die Vision aus dem Büro Barkow Leibinger war als temporärer Pavillon für das Deutsche Architekturmuseum gedacht. Foto: DAM/Hagen Stier

Eines Tages war ihm wohl ein Halm zur Hand. Am Ende hing die Zukunft, der Plan war ein 120-geschossiges Spiralhochhaus, am Faden aus Garn. Vorgesehen als Gegenentwurf zu allen Hochhauskonventionen, war der 440 Meter hohe Turm abgeschaut der Natur, deren Rohrkolben (Typha latifolia), bezieht doch der schwache Halm seine Steifigkeit aus in sich verdrehten, gegeneinander gekrümmten Flächen. Fünfzig Jahre ist es heute her, dass Conrad Roland die Konstruktion eines Rohrs im Wind zur Hochhaus-Bauweise erklärte.

Das Ganze, die verdrehte Gestalt, überzog er mit einem Gewebe aus Garn. Gemeinsam mit dem Gebäudekern, den er einer flexiblen Wirbelsäule nachempfand, machte das Netzwerk das Gebilde zu einem Traum von Hochhaus – und das heißt ja: leicht schwankend, doch vorbildlich stabil.

Conrad Rolands Großtat war 146 Zentimeter hoch. Sie ist eines von 300 Objekten der Ausstellung „Das Architekturmodell – Werkzeug, Fetisch, kleine Utopie“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM). Für die prachtvolle Akkumulation auf sämtlichen vier Geschossen des DAM sind 102 Exponate aus den derzeit 1240 Modellen der eigenen Sammlung ausgewählt worden, weitere 200 Objekte hat Oliver Elser als Leihgaben nach Frankfurt lotsen können, aus Büros, Museen oder Werkstätten; Rolands Schatz wurde aufgestöbert in einer Berliner Spedition.

Betörend sinnlich

Als Gegenentwurf zu den schlichten Zwillingstürmen des World Trade Center in Manhattan geplant, zählt Rolands Vision zu den betörend sinnlichen Versprechen der Architekturgeschichte. Waren doch die 1960er-Jahre die Gründerzeit der Leichtbaukonstruktionen, der Gewebe, der Gitter und Membranen – und so ist es nicht von ungefähr die unmittelbare Nachbarschaft zu Frei Ottos Schirm- und Zeltarchitekturen, in die sich Rolands Spiralturm fügt, als eine „kleine Utopie“, die jedoch bei keinem Bauherrn oder Investor verfing, obwohl verführerisch schön.

Attraktiv wurden Modelle spätestens in den Goldenen Zwanzigern, neben dem traditionellen Darstellungsrepertoire verdrängten sie zunehmend die suggestiven Perspektivzeichnungen. Programmatisch war der Satz Wassili Luckhardts zu verstehen, der Papier und Bleistift „beiseite“ gelegt und allenthalben das Kneten mit Ton und Plastilin durchgesetzt sah.

Mit dem Aufstieg der klassischen Moderne vor 90 Jahren setzte der Modellboom ein. Es war ein rigoroser Neuerer wie Walter Gropius mit seinen harschen Absagen an die Tradition, der an das Erbe der Anker-Steinbaukästen aus dem 19. Jahrhundert erinnerte. Gropius, dies vielleicht als Anekdote, hatte als sehr schlechter Zeichner seine Leute zur Darstellung des Zweidimensionalen – aber ganz abgesehen davon: Mit seinem Rückblick auf die Anker-Baukästen beschwor er die Aura des architektonischen Modellwesens. Und viele der Miniaturen später, nein, nicht eine jede, aber gewiss Norman Fosters luftige Hightech-Hüllen oder aber Gottfried Böhms feste Betonburgen sind so etwas wie Schwellenräume der Phantasie. Da muss man nicht einmal die Tür nehmen.

Goldene Zwanziger Jahre

Die Verführung hat Geschichte. Und so sind es denn einige historische Beispiele der architektonischen Modellbauweise, die das Entree in diese Schau bieten, zurück bis in die Gotik, die bereits, anders als in der Kunstgeschichte sehr gern kolportiert, das Kirchenmodell kannte; ja, der Gedanke an das „Himmlische Jerusalem“ fand sich ein in der Miniatur. Erst recht Renaissance und Barock stellten ihre monumentalen Herrlichkeiten zunächst im Liliputformat vor Augen – und so musste die Architekturmoderne, als sie daran ging, Gebautes zu simulieren, überhaupt nicht bei Null anfangen, um auf Reißbrettern Tabula rasa zu machen mit Gebautem, mit Stadtteilen, mit ganzen Städten.

Die Verführung durch das Modell kannte keine Grenzen mehr - exemplarisch in den megalomanen Planungen der Nazis. Es gibt davon eines in der Ausstellung. Es ist ein Demonstrationsstück, wie der Modellbau die städtebauliche Hybris von Architekten auf wahrhaftig kolossale Weise unterstützt. Erst recht mit Modellen ließ sich für Architekten, die sich als Sozialingenieure definierten, die urbane Zukunft regelrecht auswürfeln, darin die Bauwerke als Spielmasse, Verfügungsmasse einer technoiden Phantasie, und nicht nur der Japaner Arata Isozaki verhängte in den 1960er-Jahren mit seinem Plan für Tokio eine für das Individuum wenig erbauliche Zukunft. Der Betrachter im DAM darf dem Gedanken nachhängen, dass der Essay über das Modell als Topographie des totalitären Denkens noch geschrieben werden muss.

Es gibt Modelle und Modelle, verrückte und seriöse, anmaßende und biedere, die wiederum extrem ironisch gemeint sein können, etwa wenn das Wiener Büro Haus-Rucker-Co in einem Einmachglas ein Fallerhäuschen, Inventar des Modelleisenbahnbaus, wie den Prototypen der Verniedlichung des Natürlichen einkapselt.

Guckkasten und Peepshow

Hoch verdichtet ist im DAM das Heterogene, auch in der so bezeichneten Peepshow des Hauses, die höhlenartige Einblicke in die unterschiedlichsten Miniaturräume bietet. Mit dem Guckkasten wird der Mythos des Modells beschworen, aber dadurch, dass man ihn umlaufen kann, kann man hinter seine Zusammensetzung kommen.

Der Gang durch die Schau, und es ist wohl eine der vier, fünf großen Ausstellungen in der Geschichte des DAM, konfrontiert nicht von ungefähr mit manchem Plan für Frankfurt, darunter Christoph Mäcklers „Frankfurt-Projekt“ von 1987, der Vision kraftstrotzender Monumente in der Hochhausstadt, darunter einem Bücherturm für die Erweiterung der Deutschen Bibliothek, einer Skulptur aus dem Geiste des Konstruktivismus. In die Breite geht dagegen einer der Pläne von Rem Koolhaas für Paris, darin Besenborsten und Nägel, die städtische Einrichtungen symbolisieren. Man mag das sehr lustig finden oder aber extrem hypothetisch. Kann man Stadtplanung angesichts der Sozialpflichtigkeit des Städtebaus eigentlich ironisch betreiben – oder dekonstruktivistisch?

Modelle, so zeigt es der Ausstellungsparcours, sind häufig Knetmasse in den Händen von Tatmenschen, ob nun als Werkzeug oder als Fetisch. In einem zentralen Kabinett, schwarz ausgekleidet wie ein Futteral, mystisch ausgeleuchtet, wird Axel Schultes’ Vision des Berliner Regierungsviertels inszeniert, sein realisiertes „Band des Bundes“. Aus Hartschaumstoff schnitt Schultes das Präsentationsmodell seines Parlamentsviertels, in kleinen Kojen, bläulich schimmernd, wird das Kanzleramt zur makellosen Ikone der Berliner Republik. Das Regierungsquartier als Kleinod, der Maßstab ist 1:200.

Architekten verstehen es, selbst mit Miniaturisierungen furchterregend zu übertreiben. Mit Walter Benjamin, auch das ist wohl wahr, könnte man von Etui-Architekten sprechen, wo es doch in der Ausstellung mindestens zwei Beispiele gibt, das eine von Oswald Mathias Ungers, das andere von Arno Lederer.

Es war Ungers, der als Architekt des Umbaus des DAM ins innere Gehäuse einer Gründerzeitvilla eine Haus-in-Haus-Konstruktion implantierte. Hinter dem Futteral der klassizistischen Villa am Mainufer sind es zweimal zwei weitere Einbauten, die er, nach dem Prinzip der russischen Puppe, dem Baukörper einverleibte. Daneben ist es Arno Lederer, der, gemeinsam mit Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei, den Umbau des Staatstheaters Darmstadt als rotierbare Modellplatte simulierte, den Vorschlag zum drehbaren Objekt machte, zum Kunststückchen aus der Kiste, das Elementarteilchen verstaut wie in einem Etui.

Nicht von ungefähr ist die Schau integriert in die Dauerausstellung des DAM, „Von der Urhütte zum Wolkenkratzer“. Beide darf man als modellhafte Beispiele einer Utopie verstehen, zumal einer wie Mies van der Rohe, einer der großen Visionäre der Baukunst, dem Modellbau bereits in den 1950er-Jahren nicht weniger als ein Viertel seiner Büroflächen einräumte. Werkzeug, Fetisch, Utopie: Das kam bei Mies zusammen, wenn er das Präsentationsmodell für das New Yorker Seagram Building in Bronze bauen ließ, der Suggestion wegen, um der Aura willen.

Das Modell als Monade

Keine Frage, das Modell ist eine ganz besondere Materie, ob es nun aus Kunststoff ist, aus Pappe oder Aluminium. Und nicht nur aus Stein ist es im Grunde so etwas wie eine Monade, die Ureinheit eines Bauwerks, selten fensterlos. Im DAM wird das Modell als Ikone oder aber auch wie ein Steinbruch inszeniert – nicht zuletzt wird der Modellbau in einer Modellwerkstatt simuliert. Das geschieht nicht von ungefähr unter dem Dach des DAM. Dort ausgestellt ist auch eine der großen Preziosen des DAM: das Gipsmodell des Potsdamer Einsteinturms von Erich Mendelsohn.

Seit rund dreißig Jahren wurde es als einer der ganz großen Schätze des Deutschen Architekturmuseums angesehen. Von der Besonderheit wurden Kopien angefertigt, um sie auf Ausstellungsreisen zu schicken. Für die Modellschau wurde das Modell noch einmal gescannt – das Ergebnis war, dass sich die Datierung auf die 1920er-Jahre nicht mehr halten ließ, brachte doch der Computertomograph Materialien ans Licht, die erst in den 1950er-Jahren aufkamen, angefangen mit einem blauen Faden, eingeschlossen im festen Verbund der Gipswandung.

Vom Garn bis zum Fädchen: Durch diese Ausstellung wissen wir mehr.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, bis zum 16. September 2012. Der Katalog ist im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen, 360 S., etwa 500 Abb., 49 Euro im Museum.

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