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Deutsches Architekturmuseum Das Haus zur Seelenerfrischung

Seelenheil und Funktionalismus: Richard Neutra studierte in Wien bei Adolf Loos und arbeitete in den Vereinigten Staaten für Frank Llyod Wright. Das Deutsche Architekturmuseum widmet ihm jetzt die Ausstellung: „Richard Neutra in Europa – Bauten und Projekte 1960–1970“

Bürgerliches Leben in Haus Rang, Königstein 1961. Foto: Martin Hesse

Zuvor hatte die Gattin des Bauherrn „moralische Bedenken“ geäußert. Ein Spiegel im Schlafzimmer? Lieber nicht. „Die Gründe wurden mir nur flüsternd mitgeteilt“, schreibt Verleger Gerd Bucerius am 14. Mai 1963 an den Architekten Richard Neutra, nicht ohne für diverse Verbesserungsvorschläge um Verzeihung zu bitten. Man sei ja Laie. Neutra allerdings war Detailfetischist. Die Casa Ebelin Bucerius, eine große Villa in Brione sopra Minusio oberhalb von Locarno war für den in Kalifornien mit eleganten Flachdachvillen zu Ruhm gekommenen Österreicher das Vorzeigeprojekt in Europa. Dass Bucerius’ Frau Gertrud Ebel, genannt Ebelin, nicht nur eigene Ausstattungselemente hinzufügte, sondern auch die Farbwahl der Innenräume bestimmte, war für Neutra mehr als nur ein Ärgernis.

Zugleich, so zeigt es die Ausstellung „Richard Neutra in Europa – Bauten und Projekte 1960-1970“, nach dem Marta Herford nun im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zu sehen, war es dem Architekten wichtig, dass jedes von ihm entworfene Gebäude nicht nur die umgebende Landschaft, sondern auch die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt.

„Ein richtig entworfenes Haus“, so Neutra, „ist eben nicht ein statisches Gehäuse, sondern gewissermaßen ein Spiegel des Naturgeschehens darum herum, und gerade dadurch eine immer neue Seelenerfrischung.“

Die Souveränität, mit der Neutra die Einbeziehung der in diesem Fall wahrlich spektakulären Landschaft meistert, mit welcher Sensibilität er das Gebäude in die Natur schmiegt, ist schlicht genial. Von allen Seiten wirft das Wasser des Sees oder eigens angelegter „Reflecting Pools“ den Himmel, die Bäume, die Berge als Spiegelungen in die Räume, die sich durch umlaufende, teilweise bis zum Boden reichende Glasflächen zur Umgebung hin öffnen.

Karriere in den USA

Die Planung der Casa Ebelin Bucerius fiel für Neutra in eine schwierige Zeit. Bald nach Baubeginn 1963 brannte sein eigenes Wohn- und Bürohaus am Silverlake in Los Angeles ab. Bereits 1923 war Richard Neutra, der 1892 in Wien geboren wurde, bei Adolf Loos studiert und zunächst bei Erich Mendelsohn in Berlin gearbeitet hatte, in die USA emigriert. Anfangs im Büro von Frank Lloyd Wright beschäftigt, stieg er in Los Angeles zu einem der führenden Architekten auf.

Neutras „Lovell ,Health‘ House“ gilt als Ikone des International Style, doch das ist womöglich etwas kurz gegriffen. Zwar ist seine Architektur stets durch eine funktionalisch-minimalistische Bauweise gekennzeichnet, zugleich war es Neutra jedoch in außergewöhnlichem Maße um größtmögliche Individualisierung und das Seelenheil der jeweiligen Bewohner zu tun.

Seit 1958 arbeitete Neutra, der sich in den USA zu wenig geschätzt fühlte, wieder mehr in Europa. Hier entstanden nach und nach acht Villen, darunter zwei in Wuppertal, wo er 1970 an den Folgen eines Herzinfarkts starb.

Für zwei Wohnhaussiedlungen in Walldorf bei Frankfurt und in Quickborn bei Hamburg entwickelte Neutra neun verschiedene Typengrundrisse, die sich in Einzel- und Doppelhäusern kombinieren oder spiegeln ließen und so trotz standardisierter Fertigungsprozesse individuelle Gestaltungsvarianten ermöglichten. Diverse, für seine Villen charakteristische Elemente tauchen auch in Neutras Siedlungsbauten auf, etwa die durch großflächige Fenster aufgelösten Wohn- und Essräume, die kompakten Schlafzimmer mit integrierten Wandschränken, aber auch Zierelemente wie das „Spider leg“ – ein über die Fassade ausgreifender, mit einer Stütze abgefangener Deckenbalken, und die Reflecting Pools, die die Umgebung durch Reflexion in die Wohnung holen.

Der Export architektonischer Elemente aus dem sonnigen Kalifornien nach Europa hatte allerdings bisweilen seine Tücken. Allein die Anlage von Reflecting Pools auf Zwischendächern in den gelegentlich eiskalten Schweizer Bergen sollte den Besitzern noch manches Kopfzerbrechen bereiten.

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt: bis 3. Juli. www.dam-online.de

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