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Deutsche Digitale Bibliothek Die digitale Wundertüte

Die deutschen Kultureinrichtungen starten ihr gemeinsames Internetportal. Bücher, Bilder, Filme, Noten, Musikaufnahmen und andere Archiv-Schätze sind dort für jedermann frei zugänglich.

28.11.2012 18:03
Von Nikolaus Bernau
Auch Reichsapfel und Dresden Codex sind ab sofort in digitaler Qualität zu bewundern. Foto: DDB

Zuerst einmal: Der Name trügt. Die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB), deren öffentlicher Probelauf am Mittwoch im Berliner Alten Museum mit dem traditionell-analogen Druck auf einen roten Knopf gestartet wurde, stellt keineswegs nur Bücher zur Verfügung. Sie ist eine schon jetzt mit mehr als 5,5 Millionen Datensätze große, hoffentlich bald gigantische Organisationsplattform für Museen, Bibliotheken, Archive und wissenschaftliche Institutionen.

Sie wollen über die DDB den Computer- und Tablet-Nutzern zu Hause, am Arbeitsplatz oder sonstwo kostenfrei den Zugang zu digitalisierten Büchern, Kunstwerken und Alltagsgegenständen möglich machen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sprach im Alten Museum euphorisch von einer möglichen „Demokratisierung des Wissens“, von neuen wissenschaftlichen Recherchen und geistigen Verbindungen.

Zwei Drittel der Daten sind Bilder, ein Drittel Texte. Da kann man mit einigen Mausklicks Schriften Goethes digital lesen, Fotografien von seinem Haus in Weimar ansehen, Münzen aus DDR-Zeiten mit dem Gartenhaus darauf, das Filmplakat zum Schmachtfetzen „Goethe“, der 2010 in die Kinos kam, und eine Schelllack-Platte mit dem Gedicht Der Erlkönig von 1917 hören.

Dachplattform für 1842 Institutionen

Die DDB ist aber nicht etwa ein eigenes Archiv, sondern die Dachplattform für derzeit 1842 Institutionen, die ihre digital aufgearbeiteten Bestände in irgendeiner Art und Weise zur Verfügung gestellt haben. Kein kleines Problem, unterscheiden sich doch Formate und Technologien von Institution zu Institution teilweise erheblich.

Das Sylter Heimatmuseum zeigt Fotos der schönen Nordseeinsel, die Berliner Staatsbibliothek hat mehr als 42 000 Bücher eingestellt, das Bundesamt für Verbraucherschutz ist ebenso nur als Name vertreten wie die Stiftung Stadtmuseum Berlin, das Architekturmuseum in Frankfurt am Main hat zwar kaum Bilder, dafür aber mehr als 1200 Katalognummern eingestellt, und beim Stadtarchiv von Garmisch-Partenkirchen soll man anrufen.

Mehr Auflösung, bitte

Stolz sind die Organisatoren der DDB darauf, dass sie auch Blinden und sehbehinderten Nutzern gut offen stehen sollen. Doch lohnt es sich auch für gut Sehende, einige Zeit zu investieren, um die Organisation der Webseite zu verstehen. Zudem fehlt noch eine Kommentar- und Ergänzungs-Funktion, die eine schnelle Kommunikation mit der Forschung erst möglich machen wird. Vollständig abhängig ist man aber auch dann von der Masse und Qualität der Beteiligungen.

So manche Auflösungsstärke – etwa jene der Materialien aus der Sächsischen Landesbibliothek – ist ein schlechter Witz, vom berühmten „Betenden Knaben“ aus der Berliner Antikensammlung gibt es nur eine Frontaufnahme, drei Bilder können den Reichtum der Berliner Gemäldegalerie kaum repräsentieren. Andererseits findet man ein Foto der als Nofretete verkleideten Freiburger Miss Fasnet Helga Schülin von 1963.

Es ist eben ein Projekt im Aufbau. Das Bauhaus-Archiv in Berlin etwa befindet sich unter den Einlieferern, die Bauhaus-Institutionen in Dessau oder Weimar noch nicht.

Ausdrücklich wurde bei der Eröffnungsveranstaltung deswegen dazu aufgefordert, dass weitere Institutionen der DDB beitreten. Das Ziel ist auf lange Frist, möglichst alle deutschen Kulturinstitutionen zusammenzuführen. Das lassen sich Bund und Länder einiges kosten: Bis 2013 sollen etwa 24 Millionen Euro investiert worden sein. Nicht mit eingerechnet sind hier die Mittel, die die Deutsche Forschungs-Gemeinschaft seit Jahren für Digitalisierungen zur Verfügung stellt.

Gewaltige Herausforderungen

Für eine Stadt wie etwa Stralsund allerdings, die jüngst versuchte, mit dem Verkauf von kostbaren Büchern aus dem Stadtarchiv die Notlage dieses Archivs zu beheben, stellt sich die Frage: Wie soll man an einem nationalen digitalen Netzwerk teilnehmen, wenn es nicht einmal Geld gibt, die Bücher von Pilzen zu befreien, ganz zu schweigen davon, sie katalogisieren und digitalisieren zu lassen?

Die DDB steht also vor gewaltigen Herausforderungen, und nicht die kleinste ist der Umgang mit dem Urheberrecht: Bisher nämlich klafft in den Sammlungen die Riesenlücke des 20. Jahrhunderts. Bilder des Nobelpreisträgers Günter Grass also findet man viele. Seine Romane aber sind nur im Handel zu bestellen.

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