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Deutsche Architekten in Argentinien Das vergessene Wunderkind

Auf den Spuren der Eimigranten: Die Ausstellung "Von Deutschland nach Argentinien – Deutsche Einflüsse in der Architektur" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt gibt spannende Einblicke der Arbeit in Südamerika.

15.02.2011 15:49
Daniel Bartetzko
Ein von Willi Ludewig entworfenes Haus in Buenos Aires. Foto: CEDODAL \ DAM

Einst war Argentinien für Europäer das Land der Verheißung: Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war der südamerikanische Staat bevorzugtes Ziel vieler auswanderungswilliger Deutscher, unter ihnen etliche Architekten. Die Ausstellung „Von Deutschland nach Argentinien – Deutsche Einflüsse in der Architektur“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) begibt sich auf die Spuren der Emigranten. Und darüber hinaus: Der Rundgang startet gar bei der Bautätigkeit deutscher Jesuiten im 17. Jahrhundert.

Um das Jahr 1880 datieren die ersten vorgestellten Projekte deutscher Baumeister: So Ferdinand Moogs zentraler Obst- und Gemüsemarkt in Avellaneda, kurz vor der Jahrhundertwende die weltweit größte Hallenkonstruktion. Alfred Zucker, in Freiburg geboren und lange in den USA tätig, errichtete mit dem Plaza-Hotel 1910 das erste Hochhaus in Buenos Aires. Und ganz gleich, welche Beispiele man betrachtet: Die Qualität der vorgestellten Gebäude bewegt sich auf hohem Niveau, stilistisch werden indes die in Europa wie den USA gängigen Formen des Historismus durchexerziert und gerne durch Zinnen, Türme oder wuchtige Dachreiter ergänzt.

Wirklich Aufregendes sucht man zunächst vergebens. Bis man zum Werk des in Berlin geborenen Willi (Guillermo) Ludewig gelangt, der 1935 mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten nach Argentinien floh. Hat man eines der Wunderkinder des modernen Bauens einfach vergessen? Ludewig, Jahrgang 1902, war bereits in den zwanziger Jahren ein erfolgreicher Architekt in Deutschland: Etliche Wohnsiedlungen, mehrheitlich in Brandenburg, entstanden nach seinen Entwürfen; stilistisch zwischen neuer Sachlichkeit, Backstein-Expressionismus und kühnen Schwüngen à la Erich Mendelsohn oder Hans Poelzig angesiedelt.

Experimentierfreudiges Südamerika

Wie jemand, der mit Anfang dreißig (einem Alter, in dem Walter Gropius noch am Beginn der großen Karriere stand) schon zu den Etablierten zählte, und dessen Bauten zum Großteil heute noch existieren, derart übersehen wurde, bleibt ein Rätsel. Vielleicht, weil sein Name auch in Argentinien lange unbekannt blieb: Ludewig durfte dort nicht selbstständig arbeiten, musste eigene Entwürfe als Mitarbeiter anderer Büros verwirklichen.

Dabei gelangte seine Baukunst im experimentierfreudigeren Südamerika erst zu voller Blüte: Dem argentinischen Automobilverband baute er wuchtige, radikal moderne Geschäftsbauten, außerhalb der Metropolen entstanden Appartementhäuser, Villen und – das ist kein Witz – klassische Alpenhäuschen! Dass sie in ihrer Formensprache genauso überzeugen wie die strengen, schlichten Geschäftsbauten, darf man durchaus als Beleg für die Kunstfertigkeit des 1963 verstorbenen Ludewig ansehen.

Einen zu Unrecht beinahe vergessenen Architekten wieder ins Blickfeld zu rücken, ist dann auch das eigentliche Verdienst der Ausstellung. Das angekündigte Thema des generellen deutschen Einflusses auf die Architektur Argentiniens wird eher als thematischer Einstieg behandelt. Eigentlich sollte die Schau bereits zur Buchmesse 2010, als Argentinien Gastland war, präsentiert werden. Der lange Umbau des DAM zögerte sie bis jetzt hinaus – und das ist gut so, denn so konnte sie nicht im allgemeinen Buchmessen-Hype untergehen.
Nicht wirklich gelungen ist leider der vom argentinischen Partner konzipierte Katalog, dessen oft fehlerhafte deutsche Übersetzung sehr stört.

Deutsches Architekturmuseum,
Frankfurt: bis 27. März.
www.dam-online.de

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