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Der Schrecken in uns Was in ihm steckt

Das Deutsche Filmmuseum Frankfurt zeigt die Welt des H.R. Giger. Von Sandra Danicke

Das Gruseln, betonte es H.R. Giger anlässlich seiner Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, sei nicht das Hauptanliegen für die Erfindung seiner eigentümlichen Wesen, nein. Es gehe ihm vielmehr darum, "zu schauen, was in mir drinsteckt". Ein gleichsam psychoanalytischer Ansatz also, der den Künstler nicht selten in die Situation bringe, sich über seine Kreaturen und also über sich selbst zu wundern: "Was? Das kommt von mir?"

Doch wer würde nicht erschrecken, wenn er erführe, dass er tief im Innern Monster gebiert? Ungetüme wie "The Vomit Creature" aus Brian Gibsons Film "Poltergeist II": ein widerlich glibberiges und hautloses Wesen, das von jemandem, der es zuvor versehentlich als Wurm mit Tequila getrunken hat, genährt und anschließend ausgekotzt wird. Monster, wie das "Alien" aus dem gleichnamigen Film von Ridley Scott, das aus dem Brustkorb eines Menschen herausbricht, dessen Kopf und Hals zuvor von einem anderen, ebenfalls übel anzusehenden Wesen namens "Facehugger" belagert wurden.

Das Prinzip ist ähnlich, werden Sie nun sagen, doch darum geht es ja, zumindest im übertragenen Sinne. Dass etwas Fremdes, Unangenehmes im eigenen Körper ein Eigenleben entfaltet, unkontrolliert wächst und irgendwie raus muss. In amerikanischen Depressionsforen findet man zuweilen den Namen Giger.

Vor allem jedoch gilt H.R. Giger als wohl düsterster Vertreter des Phantastischen Realismus'. Seine martialischen Kreaturen, die er gerne in grau mäandernde Umgebungen setzt, sind beunruhigend glitschige, bisweilen obszön anmutende Organismen und zugleich von metallischer Kälte. Giger nennt sie "Biomechanoiden"; vor allem Freunde düsterer Musik fühlen sich von ihnen angezogen. "Der holländische Zoll", so Giger, "tippte bei meinen Bildern mal auf Fotos. Wo glaubten die wohl, hätte ich diese Sujets fotografiert? In der Hölle?" Einige der gezeigten Kunstwerke "können das sittliche Empfinden des Betrachters stören", schreibt sicherheitshalber das Filmmuseum und empfiehlt einen "Besuch ab 18 Jahren".

Bereits Mitte der sechziger Jahre schuf H.R. Giger neben Bildern auch plastische Werke, etwa ein skurriles Humanoiden-Kostüm für den Schweizer Science-Fiction Film "Swiss Made 2069" (1968). In der Ausstellung ist es ebenso zu sehen wie das Modell für "Sil", ein mit überirdischen Fähigkeiten und beachtlichen Brüsten ausgestattetes Retortenmädchen, das Giger für den Film "Species" (1995) entworfen hat.

Berühmt wurde der Schweizer Künstler, der 1940 in Chur geboren wurde und in Zürich, wo er immer noch lebt, Architektur und Industriedesign studiert hat, 1979 durch den Science-Fiction-Horror-Streifen "Alien". Ein Weltraumfilm, dessen zentrale Figur, ein außerirdischer Bösewicht, von Giger entworfen worden war.

Er sei förmlich vom Stuhl gefallen, als er Gigers "Necronomicon", ein Bilderbuch voll gruseliger Airbrush-Mischwesen mit seltsamen Auswüchsen, gesehen habe, erklärte Regisseur Scott hinterher. Es sei genau das gewesen, was er sich für seinen Film vorgestellt habe. Man kam ins Geschäft. Dass damals beim Dreh vieles improvisiert gewesen sei (Giger: "Der Schwanz funktionierte total nicht, also haben wir das Ganze immer nur von Weitem und ganz kurz gezeigt"), überrascht natürlich in Zeiten hochtechnisierter Special Effects. Für seine Mitarbeit erhielt H.R. Giger 1980 einen Oscar in der Kategorie "Best Achievement for Visual Effects".

Später folgten Filmprojekte wie "Poltergeist II" und "Alien III". Auch H.R. Gigers Entwürfe für Plattencover sind mehrfach ausgezeichnet worden. Die Cover für Debbie Harrys LP "Koo Koo" und für Emerson, Lake and Palmers "Brain Salad Surgery" wählte das Musikmagazin Rolling Stone unter die hundert besten der Musikgeschichte.

Giger, der freimütig gesteht, von LSD-Erfinder Alfred Hofmann und seiner Entdeckung beeinflusst worden zu sein, ist überzeugt, dass seine Kreationen aus Erlebnissen in der Kindheit herrühren. Eine "wunderschöne Kindheit", wie er überraschenderweise betont, "voller Geheimnisse und romantischer Orte". Im Alter von sechs oder sieben Jahren sah H.R. Giger, mit vollem Namen Hans Rudolf, genannt Hansruedi, in der Apotheke seines Vaters einen Totenschädel, den er sogleich in Besitz nahm. "Es war eine Art Mutprobe", erinnert sich der 68-Jährige heute, "ich wollte schon damals beweisen, dass ich keine Angst vor dem Tod hatte." Auch der Schädel ist in der Ausstellung zu sehen, für die ein Berliner Kuratorenteam in Gigers Wohn- und Atelierhaus diverse Schätze geborgen hat. Ebenso wie gekritzelte Storyboards auf Visitenkarten, Auszüge aus H.R. Gigers Tagebuch, eine bizarre Entmannungsapparatur, ein "Harkonnen-Stuhl" genannter Thron und diverse Videointerviews mit Zeitzeugen.

Die jüngsten Exponate sind Material zu Gigers im Jahre 1998 erschienenem illustrierten Roman "The Mystery of San Gottardo", eine Mischung aus Filmscript, Comicbook und schwarzer Komödie. Eine Animation zeigt ein Wesen, das im Wesentlichen aus einem Arm und einem Bein besteht und sich damit auf beachtliche elegante Weise fortzubewegen in der Lage ist. Auch dies ganz sicher ein Verweis auf ein frühes Erlebnis des noch kleinen Hansruedi.

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