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Der neue Mensch Was nicht sterben kann

Den alten Adam abschaffen, den Neuen Menschen kreieren: Eine Geschichte zwischen Wunschfantasien und Heilsversprechen.

Die „Gläserne Frau“
Die „Gläserne Frau“ in der Dauerausstellung „Der Mensch“ des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Foto: epd

Huxley-Leser dürften sich zu Zehntausenden bestätigt gesehen haben, dass sie den Möglichkeiten menschlichen Klonens lange schon entgegengesehen hatten, lange bevor das Thema in den 1990er Jahre allgemein ins Bewusstsein drang, zu einer Zeit, als der erschrockene Mensch die Jahrtausendwende auf sich zukommen sah. An dieser Zeitmauer entstand nicht von ungefähr die Ausstellung über den Neuen Menschen in Dresdens Hygienemuseum, und der Katalog, der an diese Schau erinnert, ist ein Dokument weit ausholender Zweifel und tiefer Skepsis angesichts der biologischen, kulturellen und sozialen Verheißungen.

Zur Jahrtausendwende trat die Figur des Neuen Menschen wieder an die Öffentlichkeit. Erinnert sei ausdrücklich an den Essay von Karl Otto Hondrich, der klar machte, dass der Wiedergänger allerdings nicht mehr in der Masse oder in einem Kollektiv aufging. Vielmehr trat die „individualistisch“ orientierte Figur auf den Plan, der es um die „Entfaltung des eigenen Selbst geht“. Selbstverwirklichung! Ein anderer „Neuanfang, entschlackt um Herkunftsbedingungen“, so dass die „neuen Tagträume vom Neuen Menschen“ eine neuartige Form der Befreiung in Aussicht stellten, eine Freisetzung „nicht nur von der lästigen Tatsache der Gesellschaft, sondern auch von der des Leibes und der Lebenszeit“.

Befreiung vom Leib und der Lebenszeit. Das um Selbstoptimierung bemühte Individuum brachte die Jahrtausendwende hinter sich, auch mit den Essays von Peter Sloterdijk, seinen umstrittenen Menschenparkgedanken – umstritten auch bei Hahn. Nun, mit dem Slogan „Du musst dein Leben ändern!“ bestritt Sloterdijk 2009 einen Buchtitel, anspielend und sich auseinandersetzend mit einem Gedicht Rainer Maria Rilkes, der abschließenden Zeile aus seinem Sonett „Archaischer Torso Apollos“. Der Ernstfall, zu dem Rilke aufrief, kann datiert werden, der Imperativ entstand 1908.

Sechzig Jahre später, mit dem Auftritt der APO, wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse entzaubert. Eher harmlos fällt Hahns Darstellung der hanebüchenen Heilsversprechen eines Herbert Marcuse aus – wie überhaupt eine Entzauberung der totalitären Anmaßung und antiautoritären Verirrungen. Ein erhabenes Laben an den Segnungen der von Marcuse empfohlenen „großen Verweigerung“. Anleitungen zum Ungehorsam unter der Vorgabe einer „revolutionären Gewalt“. Auf das Absolute zielende Maximen im Namen der Weltrevolution. Die Geburt eines Neuen Menschen, angestiftet im Licht einer niederfahrenden Gewalt – wenn man es denn religiös rekonstruiert.

Enorm war die Unzufriedenheit allerdings länger schon, so dass der Morgen kam, an dem sich der alte Adam aufgefordert sah, sich neu aufzustellen. Ein neues Leben anfangen! Das war ein Programm bereits seit biblischen Zeiten, auch wenn die Legenden der Heiligen Schrift nicht über ein historisches Datum Aufschluss geben.

Seit langem schon, seit mehr als 2000 Jahren geht den Menschen die Abschaffung des Altmenschen durch die Köpfe. Mit der Erzählung, einmal in die Welt gesetzt, schrieb eine Geschichte Geschichte, wahrhaftig ein Narrativ – und wehe, wenn die Neue Rechte oder die AfD den Neuen Menschen in Stellung bringen, elitär verbrämt, rassistisch dekoriert, totalitär aufgerüstet.

In dem Dresdner Katalog kam der ostdeutsche Theologe und Politiker Richard Schröder auf Albert Camus zu sprechen, wohl nicht von ungefähr auf den illusionslosen Existenzphilosophen, der ein Trost unter den autonomen Denkern des 20. Jahrhunderts war. „Die einzige Wahrheit, die heute originell“ sei, so Camus, bestehe darin, dass sich „der Mensch schlicht weigert, Gott zu sein.“

An dieser großen Weigerung ist der Neue Mensch immer wieder gescheitert.

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