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Der neue Mensch Was nicht sterben kann

Den alten Adam abschaffen, den Neuen Menschen kreieren: Eine Geschichte zwischen Wunschfantasien und Heilsversprechen.

Die „Gläserne Frau“
Die „Gläserne Frau“ in der Dauerausstellung „Der Mensch“ des Deutschen Hygienemuseums Dresden. Foto: epd

Das Verwandlungsvorhaben wurde als Vervollkommnung gedacht, als spirituelle Mission oder biotechnisches Programm, als asketische Selbstfindung oder totalitäre Überwältigungsstrategie. Rassistische Züchtungsfanatiker phantasierten von einer Masse gestählter Körper sowie einem arischen Volkskörper. Um sein Programm von einem Neuen Menschen durchzusetzen, setzte der Nationalsozialismus in seinen Laboren eine entsetzliche Selektion durch und in seinen Konzentrationslagern eine beispiellose Vernichtungspolitik.

Die „verheerenden Säkularreligionen“ (Hahn) des 20. Jahrhunderts, Nationalsozialismus und Kommunismus, entwickelten für ihre totalitären Zukunftsmodelle technokratische Masterpläne. Die Abschaffung des Altmenschen propagierten so unterschiedliche Bewegungen wie der italienische Faschismus oder der Zionismus. Die Optimierung war als Zwangsoptimierung gegenwärtig in politischen und theologischen Manifesten, nicht zuletzt ästhetische Programme verschrieben sich der Vervollkommnung der menschlichen Natur, der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit, in der Architektur besonders entschieden das Bauhaus. Man erinnert sich an den Katalog „Obsessionen des 20. Jahrhunderts“, der 1999 eine Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum in Dresden begleitete.

Auch Hahn kommt auf ihn in seinem Essay zu sprechen, seiner „Skizze“, wie er selbst sagt. Geprägt ist sie von einer nicht selten „kursorischen Lektüre“ der Texte von Schriftstellern und Philosophen, die sich auf ein beunruhigend optimistisches Menschenbild beriefen – oder auch auf einen ausgeprägten Antihumanismus, Nietzsches wahnwitziges Projekt vom Übermenschen. Die Perfektionierung der menschlichen Natur wurde einer Bildungsoffensive anvertraut oder einer biotechnischen Offensive überantwortet.

So sehr das „Versprechen einer besseren Welt“ (Hahn) in den totalitären, in den nationalen oder ästhetischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts vorzufinden ist – das Versprechen weist weit zurück, auf eine geläufige Erzählung, ein gewaltiges Narrativ. Das erklärt seine Virulenz durch die Jahrhunderte. Umtriebig ist der Neue Mensch in der jüdisch-christlichen Tradition ebenso wie in der griechisch-antiken und der mittelalterlich-mystischen. Der Neue Mensch, eine Projektionsfigur schon in der Bibel, geistert durch deren Legenden. Die Entwicklung vom Saulus zum Paulus, so erzählt in der Apostelgeschichte, ist im Neuen Testament eine der großen Erzählungen einer Wiedergeburt, einer Neugeburt. Ohne diese legendäre Abstammung wäre die Virulenz undenkbar.

Bereits die griechische Antike setzte den Prometheus-Mythos in die Welt – er wurde unter den Geschichten von der Erschaffung, dem Werden und der Stellung des Menschen auf Erden zu einer der wirkmächtigsten Legenden, nicht anders als auch der Golem, dieser Kreatur aus den Tiefen der Erde, einer Schöpfungsfantasie des Mittelalters, christlich und jüdisch tradiert.

Gerade der Golem erlebte im 20. Jahrhundert seine Wiederauferstehung, geheimnisvoll, mystisch, lebensbedrohlich, namentlich in dem Roman Gustav Meyrinks, anschließend in den flackernden Bearbeitungen der Stummfilmära. Mit dem Neuen Menschen war es wie mit dem Golem, von dem es im Roman heißt, er sei „irgendetwas, was nicht sterben kann“. Periodisches Auftreten, ein Gerücht, ins Ungeheuerliche wachsend. Maskenhaftes Auftreten, marionettenhaftes Gebaren – so der Mythos.

Wenn „Der Golem“ vom Okkultismus verschattet war, so hatte bereits 100 Jahre zuvor Mary Shelleys „Frankenstein“ die wissenschaftliche Allmachtfantasie in ein grelles Licht gerückt. Seit dem Ausgang der Ära der Aufklärung ließen sich die Schauerromanleser elektrisieren vom Eigenleben einer künstlichen Kreatur. Der gespenstische Mensch schien aus dem Golem-Gen gemacht.

Die erschreckende Ausstattung des Neuen Menschen hat seitdem die Alpträume und Ängste das alten Adam beherrscht. Aldous Huxleys „Schöne Neue Welt“ führte den Leser in einen Kosmos der „biochemischen Manipulation und der sozialen Konditionierung“, aus dem verstörenden Subjekt war ein versklavtes Kollektiv geworden. Über die Massen war das menschengemachte Schicksal wie eine Geisel verhängt worden.

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